Waiblingen Sexueller Missbrauch in der Diakonie Stetten?

Die Diakonie in Stetten. Foto: Bernhardt/ZVW

Waiblingen. Ein Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma steht im Verdacht, in der Diakonie Stetten „sexuelle Grenzverletzungen“ begangen zu haben. Ein sehr junger Bewohner und eine Bewohnerin sind demnach betroffen. Laut Staatsanwaltschaft bestreitet der 33-Jährige die Vorwürfe. Er war eine Zeit lang als Nachtwache bei der Diakonie Stetten eingesetzt.

„Wir sind entsetzt über den Verdacht und nehmen diesen sehr ernst“, so Hannah Kaltarar, Pressesprecherin bei der Diakonie Stetten. Die mutmaßlichen Vorfälle liegen schon weit mehr als ein Jahr zurück; der Verdächtigte war von Dezember 2015 bis September 2016 als Nachtwache bei der Diakonie Stetten beschäftigt. Der Mann ist ausgebildete Fachkraft und hatte über ein Zeitarbeitsunternehmen bei der Diakonie gearbeitet. Bereits seit Ende September 2016 sei der Betreffende nicht mehr bei der Diakonie eingesetzt gewesen.

Der Vorwurf lautet auf schweren sexuellen Missbrauch, bestätigt Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Allerdings bestehe im Moment lediglich ein Anfangsverdacht „im Hinblick auf zwei mögliche Geschädigte“. Ob sich dieser Anfangsverdacht im Laufe der Ermittlungen weiter erhärten lässt oder nicht, sei noch völlig offen, erläutert Holzner den Stand der Dinge. Der 33-Jährige bestreite die Vorwürfe. Er befindet sich nicht in Haft.

„Unauffälliger Mitarbeiter“

Ende vergangenes Jahr wandte sich Geschäftsbereichsleiter Thomas Illigmann in einem Brief an die Beschäftigten: „Was wir Ihnen heute schreiben, macht uns sehr betroffen und es ist uns ein großes Anliegen, Sie darüber zu informieren“: Von einem Tatverdacht in Bezug auf eine „sexuelle Grenzverletzung“ ist in diesem Schreiben die Rede: „Wir sind entsetzt über diese Vorkommnisse.“ Der betreffende Mitarbeiter habe Zugang zu mehreren Gruppen gehabt. Man habe „keine belastbaren Hinweise“ auf weitere Übergriffe gefunden – mit voller Sicherheit auszuschließen sei dies aber nicht. Laut Presse-Staatsanwalt Jan Holzner gibt es derzeit keine Anhaltspunkte „für weitere Geschädigte oder Missbrauchsfälle in weiteren Einrichtungen“.

Nachdem die Diakonie Stetten im Herbst 2017 eine Hotline eingerichtet hatte, standen die Telefone nicht mehr still, berichtete Pressesprecherin Hannah Kaltarar seinerzeit in einer ersten Stellungnahme. Den Tatverdächtigen, einen ausgebildeten Heilerziehungspfleger, beschrieb Hannah Kaltarar als „unauffälligen Mitarbeiter“.

Psychologische Begleitung für Bewohner und Eltern

Die Bewohner würden sehr eng psychologisch begleitet, betont die Sprecherin. Auch die Eltern erhalten Unterstützung, sofern gewünscht.

Sexuelle Grenzverletzungen sind in Bezug auf Menschen mit Behinderungen ein besonders sensibles Thema. Vorbeugend hat die Diakonie Stetten eine sexualpädagogische Konzeption implementiert, die „eine Hilfestellung im Umgang mit Sexualität von Menschen mit Behinderung bietet“, wie die Sprecherin erläutert. Es geht in der Konzeption um Vorsorge, damit es erst gar nicht zu Übergriffen kommt – aber auch um „Richtlinien zum Umgang mit sexuellen Übergriffen“. In der Schule und in der Berufsbildung ist Sexualität und Intimsphäre Thema im Unterricht.

Zeitarbeit: Abläufe werden geändert

Kinder und Jugendliche, die in der Diakonie Stetten leben, greifen auf ein Beschwerdeverfahren zurück, das sich an Ampeln orientiert: Das Modell soll zeigen, welches Verhalten in Ordnung ist und welches nicht. 24 Frauen mit Behinderungen aus Baden-Württemberg durchlaufen eine Ausbildung, um hernach als Frauenbeauftragte tätig sein zu können.

Weil der Beschuldigte über ein Zeitarbeitsunternehmen Zugang zu Bewohnern der Diakonie Stetten hatte, wird die Einrichtung künftig die Abläufe ändern, wie Hannah Kaltarar informiert: Die Diakonie Stetten werde mit drei bis vier großen Firmen Rahmenverträge abschließen und künftig vor allem mit diesen Firmen zusammenarbeiten. „Aber auch bis jetzt haben wir nur mit Firmen zusammengearbeitet, die zertifiziert sind“, gibt die Sprecherin zu bedenken.

In der gesamten Diakonie Stetten sind laut Kaltarar übers Jahr circa 60 Zeitarbeiter beschäftigt, im Wohnbereich circa zehn Vollzeitkräfte.

Ganz ohne Zeitarbeiter kommt die Diakonie Stetten offenbar nicht aus: „Der bundesweite Fachkräftemangel ist bei uns leider auch spürbar.“


Die Diakonie Stetten

An rund 100 Standorten, überwiegend im Großraum Stuttgart, unterhält die Diakonie Stetten ein Angebot an Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie therapeutischen und medizinischen Hilfen.

Die Angebote richten sich an Menschen mit Behinderungen, junge Menschen mit Förderbedarf, Kinder und Jugendliche, ältere und pflegebedürftige Menschen und Menschen mit psychischer Behinderung.

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