Waiblingen Stadtgeschichte-Serie: Aufstieg zur Industriestadt

Waiblingen. Vor 175 Jahren erschien erstmals eine eigene Zeitung für Waiblingen, das „Intelligenzblatt für den Oberamts-Bezirk“. In einer kleinen Serie blicken wir daher zurück auf wichtige Epochen der Stadtgeschichte. Kaum zu unterschätzen: die Industrialisierung. Der Bau der Eisenbahn und die Ansiedlung der ersten Fabriken verwandelten die Stadt von Grund auf.

Ist es ein Nachteil für Waiblingen, dass die Bahnlinien oberhalb an der Stadt und ihren Einkaufsmöglichkeiten vorbeiführen? Oder gehört es womöglich zu den Vorzügen der Altstadt, dass sie sich abseits des Bahnhofs befindet? Darüber lässt sich bis heute schön streiten. Die Entscheidung fiel Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Planung der Remsbahn. Wegen des geringeren Höhenunterschieds taten sich die Eisenbahnbauer leichter, die Strecke von Cannstatt in Richtung Aalen über den Ameisenbühl zu führen als hinunter ins Tal. Zugleich entsprachen sie damit dem Bedarf der aufkommenden Ziegelindustrie: Der neue Bahnhof lag nah bei den großen Lehmvorkommen. „Die Eisenbahn sollte vor allem dem Warentransport dienen, erst in zweiter Linie dem Personenverkehr“, sagt der Beinsteiner Klaus Scheiner, der als Stadtführer Interessierten die Spuren jenes Zeitalters des Umbruchs zeigt.

Reste eines Fabrikdorfs beim „Bonboles“-Kaiser

Mit der Eisenbahn wurde das bis dato unbedeutende und ärmliche Waiblingen an die Welt angeschlossen. Sowohl die traditionell am Postplatz ansässige Ziegelei Hess errichtete ein neues Hauptwerk am Bahnhof als auch ein Konkurrenzbetrieb: Die „Dampfziegelei“ oder „Aktienziegelei“ erlebte unter Leitung von Friedrich Schofer ein rasantes Wachstum. Schon um die Jahrhundertwende beschäftigte Schofer, der die Aktienmehrheit übernahm und dem Betrieb seinen Namen gab Gastarbeiter aus Italien und Polen. Aus Ziegeleiabfällen entwickelte er Rundbausteine für Kamine, welche die gemauerten Kamine ablösen sollten. Der „Schofer-Kamin“ wurde zu einem Markenzeichen, ähnlich wie für die gegenüberliegende Ziegelei Hess einst die tönerne Bihlsche Wasserleitungsröhre.

In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die großen Werksgebäude abgerissen, der Kamin fiel 1995. Heute prägt das Briefzentrum der Post das Areal. Künstlerisch verfremdet säumen Überreste der alten Maschinen den Fußweg als „Industriepfad“. In der Blütezeit des Waiblinger Ziegelgewerbes produzierten die Betriebe Hess, Schofer, Sixt und Pfander rund 30 Millionen Ziegelsteine im Jahr.

Größter Arbeitgeber der Stadt sollte am Vorabend des Ersten Weltkriegs aber keine Ziegelei sein, sondern die Seidenindustrie. Auf der Suche nach einem Produktionsstandort in Württemberg wurde dem Schweizer Industriellen Johann Heinrich Hitz vom königlichen Innenministerium Waiblingen empfohlen. Ausschlaggebend waren laut Klaus Scheiner die Eisenbahn und ein großes Reservoir an weiblichen Arbeitskräften. 1887 wurde von Handweb-stühlen auf mechanischen Betrieb umgestellt. Die Geschäftsleitung lag bei den Familien Ehmendörfer und Küderli. Das Gewerbeverzeichnis von 1910 führt in der Seidenstoffweberei 1133 Beschäftigte auf, in der Dampfziegelei 431, in der Werkzeugmaschinenfabrik Roller 246, in der Lederwaren- und Kofferfabrik Auwärter und Bubeck 100 und in der Karamellenfabrik Kaiser ebenfalls 100.

Der „Bonboles-Kaiser“, hervorgegangen aus der Konditorei Gottlob Kaisers, machte die „Drei Tannen“ weltbekannt. Auf dem Gelände der Firma Kaiser ist, so Klaus Scheiner, eine Seltenheit zu besichtigen – ein erhaltenes Fabrikdorf. Das Wohnhaus des Unternehmers, die Produktionsgebäude, die Wohnhäuser der Beschäftigten und soziale Einrichtungen wie Kantinen oder Arztpraxen waren dort vereint. Klassische Arbeitersiedlungen gab es ansonsten nicht in Waiblingen. Die Beschäftigten kamen aus den umliegenden Dörfern und der engen, ärmlichen Altstadt.

Es scheint, dass es den Arbeitern in Waiblingen im Vergleich zu vielen Genossen in den großen Industriezentren relativ gut ging. Davon zeugt auch der Umstand, meint Scheiner, dass sich die Arbeiterbewegung in der Stadt spät entwickelte und eigentlich nie zum Radikalismus neigte. Das mag mit Persönlichkeiten wie Kaisers und besonders Hermann Hess zusammenhängen. Nicht wenige Unternehmer pflegten damals ein patriarchalisches Selbstverständnis wie Robert Bosch: Die soziale Versorgung der Arbeiterfamilien war ihm Verpflichtung – das Thema Mitbestimmung indes stand auf einem ganz anderen Blatt.

Die Waiblinger SPD gründete sich 1888 unter dem Bismarckschen Sozialistenverbot als „Arbeiter-Unterstützungsverein“. Weil die Arbeiterklasse vom kulturellen und politischen Leben ausgeschlossen blieb, erwachte wie in anderen Industriestandorten eine Gegenkultur der Solidarität und Eigeninitiative, von der eine Arbeiterbibliothek sowie Vereine wie der Turnerbund als Vorläufer des SKV und der Arbeitergesangverein „Gemütlichkeit“ zeugten, Der politische Aufstieg der Arbeiterklasse gipfelte 1910, als Wilhelm Keil die absolute Mehrheit im Wahlkreis errang.

Die vornehme Bahnhofstraße

Die Altstadt war eng, muffig und verbaut. Mit der Industrialisierung verlagerte sich ihr Schwerpunkt in Richtung Bahnhof. Eine neue, fast zwei Kilometer lange Magistrale verband das Industriezentrum mit der Altstadt: die Bahnhofstraße. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, baute hier. Die Bahnhofstraße, die heute ganz den Autos gehört, galt als „Straße der vornehmen Leute“ und hatte mit Prachtbauten und Vorgärten Allee-Charakter.
Ein Paradebeispiel dafür: die 1910 erbaute Villa Kaiser, die klassizistische Bauformen mit einigen wenigen Jugendstil-Elementen mischte, von denen nicht mehr viel zu sehen ist.
In Maßen schön, aber durchaus spannend: „An der Bahnhofstraße findet man alle Architekturstile seit dem 19. Jahrhundert“, sagt Stadtführer Klaus Scheiner.
Die Fronackerstraße war gewissermaßen ihr Spiegelbild: fast parallel verlaufend, enger und eine gesellschaftliche Schicht tiefer angesiedelt.

  • Bewertung
    4
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!