Waiblingen Streit um den Bildungsplan: „Extrem diskriminierend“

Waiblingen. Noch ist nicht mal klar, was Kinder laut neuem Bildungsplan genau über Homosexualität lernen sollen. Trotzdem tobt bereits ein Sturm der Entrüstung. Im Kern geht’s drum, inwieweit Lehrer Akzeptanz gegenüber sexueller Vielfalt vermitteln sollen.

In den aktuellen Bildungsplänen ist das Thema Homosexualität bereits verankert. „Nur nicht so prominent, wie es jetzt geplant ist“, erläutert eine Sprecherin des Kultusministeriums. Die Bildungsplanreform 2015 sieht vor, Veränderungen in der Gesellschaft Rechnung zu tragen. „Die Pluralität der Lebensentwürfe hat zugenommen“, sagt die Sprecherin. Schüler sollten sich mit verschiedenen sexuellen Identitäten auseinandersetzen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können – nicht mehr und nicht weniger. In einem von Fachleuten des Kultusministeriums und externen Experten entworfenen Positionspapier, welches lediglich als Arbeitsgrundlage für die Bildungsplankommissionen dient, sind zum Beispiel als Bildungsziele definiert:

„Schülerinnen und Schüler haben einen vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten“

„Schülerinnen und Schüler kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen* und reflektieren die Begegnungen in einer sich wandelnden, globalisierten Welt.“ * LSBTTI bedeutet Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle

„Schülerinnen und Schüler informieren sich in digitalen Medien über Lebenssituationen von LSBTTI-Menschen und setzen sich mit Menschenrechten und Diskriminierungen auseinander.“

In der Online-Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ wehren sich der Verfasser, Reallschullehrer Gabriel Stängle, und mittlerweile etwa 58 000 Unterzeichner gegen diese geplanten Änderungen im Bildungsplan. Aus Sicht des Petitions-Verfassers zielt das Positionspapier zur Bildungsplanreform „auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung“. Stimmt nicht, widerspricht das Kultusministerium: Es gehe ganz im Gegenteil darum, „dass Kinder und Jugendliche darin bestärkt werden, sich selbst, aber auch ihr Gegenüber mit Wertschätzung zu betrachten und sich so zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu entwickeln.“

Als „diskriminierend“, zum Teil gar „extrem diskriminierend“ bewertet das Ministerium Aussagen in der Petition, die in mehreren Fassungen veröffentlicht und abgeschwächt worden ist. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg war die Petition in ihrer ersten veröffentlichten Fassung so diskriminierend, dass sie wegen Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen gelöscht wurde. Gegen den Initiator der Petition, der sogar ein Vorstandsamt in einem Lehrerverband des Beamtenbundes innehabe, sei eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden.

In der Schrift war beispielsweise von höherer Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen die Rede sowie von einem „ausgeprägten Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern“.

Weiter heißt es in einer der Fassungen der Petition, aus der gleichen Würde jedes Menschen folge noch nicht, dass jedes Verhalten als „gleich gut und sinnvoll anzusehen ist“. „Extrem diskriminierend“, urteilt das Ministerium, da diese Aussage „zwischen heterogenen und nicht heterogenen Lebensstilen bzw. sexuellen Orientierungen wertet.“Wörtlich als „Unsinn“ bezeichnet das Ministerium eine andere Passage der Petition, in welcher behauptet wird, „die Eckpunkte einer neuen Sexualethik . . . möchten aber zugleich den Prozess des Coming-out zu neuen ‘sexuellen Orientierungen’ pädagogisch propagieren“.

Noch ist nicht mal klar, welche Formulierungen genau im neuen Bildungsplan stehen werden. Unabhängig davon sind Lehrer im Unterricht zu Neutralität verpflichtet. Als Privatmenschen dürfen sie wie jeder andere auch ihre Meinung kundtun – vor der Klasse nicht. Bildungsplan, Verfassung und Gesetze gelten natürlich als bindend. Sollte ein Lehrer sich gegenüber Schülern als Schwulenhasser outen, kann ihm eine Dienstaufsichtsbeschwerde drohen.

Gerhard Großpietsch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Rems-Murr hat in seiner Zeit als Realschullehrer etwa im Fach Gemeinschaftskunde nicht mit der eigenen politischen Meinung hinterm Berg gehalten, erzählt er. Doch müsse für die Kinder immer klar sein: Das ist die Meinung des Lehrers, andere Meinungen sind genauso akzeptiert.

Akzeptanz gegenüber sexueller Vielfalt im neuen Bildungsplan zu verankern, hält Großpietsch für den richtigen Weg. Schüler müssen aus seiner Sicht verschiedene Lebensformen kennenlernen, um für sich selber Entscheidungen treffen zu können.

Alexandra Kaiser, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats in Waiblingen, begrüßt ebenfalls das Vorhaben des Kultusministeriums, Akzeptanz für sexuelle Vielfalt in den Bildungsplan aufzunehmen. Sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdienen aus ihrer Sicht aber andere Themen, mit denen sich Eltern und Schüler ständig herumschlagen müssen. Unterrichtsausfall nennt Alexandra Kaiser und viel zu lange Wartezeiten, bis Vertretungen für kranke Lehrer an Schulen kommen.

Zwei pro Klasse

Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg sind statistisch gesehen zwei Schüler/innen je Klasse schwul oder lesbisch.

Die Angaben darüber, wie hoch der Anteil homosexueller Menschen an der Bevölkerung ist, schwanken. In verschiedenen Veröffentlichungen ist die Rede von einem Anteil zwischen drei und zehn Prozent.

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