Waiblingen Täter nach brutalem Angriff in S2 vor Gericht

Zwei Streithähne werden handgreiflich – hier aber nur gestellt. Symbolbild. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Was ihm zwischen den Haltestellen Bad Cannstatt und Nürnberger Straße angetan wurde, ist auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera zu sehen: Drei junge Männer gehen durch die S-Bahn und bleiben vor dem Geschädigten stehen. Sie halten Blickkontakt, offenbar werden Worte gewechselt. Am Amtsgericht Waiblingen, wo der Fall jetzt verhandelt wurde, erinnert sich eine Zeugin: „Die Jungs haben angefangen zu pöbeln, das Opfer zu beleidigen.“ Sie und einige Fahrgäste hätten versucht, dazwischenzugehen – vergebens.

Mitreisende schlichten die Situation

Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie der damals 16-jährige Haupttäter sich auf den Schultern seiner Begleiter aufstützt und dem 20-Jährigen einen Tritt gegen den Oberkörper verpasst. Daraufhin kommt es zu einem kurzen Faustkampf.

Als die drei Männer von ihm ablassen, folgt der 20-Jährige ihnen und versucht, sie mit seinem Handy aufzunehmen. Erneut kommt es zu einer Auseinandersetzung, nun tritt auch ein damals 18-jähriger Begleiter des Haupttäters auf den jungen Mann ein, ehe Mitreisende die Situation schlichten.

Zeugin stützt Version des Opfers

Die beiden Angreifer und ihr 18-jähriger Begleiter, der das Opfer offenbar nur verbal angegangen hat und ihm zwischenzeitlich das Handy entwendete, mussten sich wegen Körperverletzung, Beihilfe zur Körperverletzung und Beleidigung vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten.

Neben den Videoaufnahmen und der Zeugin, die sich an die Pöbeleien der Täter erinnert, stützt eine dritte Zeugin die Version des Opfers, das offenbar grundlos angegriffen wurde.

Der Haupttäter vor Gericht: „Ich habe mich belästigt gefühlt“

Der heute 17-jährige Haupttäter aber widerspricht der Version vor dem Amtsgericht. Er habe telefoniert, der Mann habe ihn ständig angeschaut: „Ich habe mich belästigt gefühlt. Er hat die ganze Zeit provoziert und beleidigt.“ Außerdem habe der Fremde ihn mehrmals aufgefordert, ihn zu schlagen.

Den Tatvorwurf räumt der Jugendliche aber ein: „Ich habe ihm einen Kick gegeben“, gesteht er, um den Streit zu beenden. Als der Geschädigte zu seiner Überraschung noch einmal aufstand, habe er auch mit den Fäusten zugeschlagen. Der Angeklagte räumt ein, dass er einen Fehler gemacht hat: „Ich war alkoholisiert“, sagt er, „das war eine dumme Aktion.“ In der Situation habe er die Lage nicht einschätzen können – so ging es auch seinen Freunden.

"Ich wollte meinem Freund helfen"

„Haben Sie ihn mal getreten?“, fragt der Richter einen der heute 19-jährigen Angeklagten. „Ja, habe ich“, antwortet dieser. „Auch als er auf dem Boden lag?‘“, hakt der Richter nach. „Ja, ich wollte meinem Freund helfen.“ Der Richter sagt: „Was wollen Sie Ihrem Freund helfen, wenn der Mann schon auf dem Boden liegt.“

Der Dritte behauptet, dass das Opfer beleidigende und obszöne Gesten gemacht hat. Er selbst habe den Mann nicht geschlagen, wohl aber beleidigt und ihm nach der Schlägerei kurzzeitig das Handy abgenommen.

Um einen Arrest kommt der 17-Jährige noch einmal herum

Eigentlich hätte der Fall des heute 21-Jährigen im Oktober verhandelt werden müssen, wie Richter Martin Luippold zugab. Denn nur einige Stunden vor dem Angriff in der S-Bahn waren die drei in der Stuttgarter Königstraße in eine Schlägerei verwickelt gewesen, was zwei von ihnen bei einem ersten Gerichtstermin Verurteilungen wegen Körperverletzung einbrachte.

Dass der S-Bahn-Angriff erst jetzt verhandelt wurde, bewahrt den Haupttäter vor einem zweiwöchigen Arrest. Für diesen „fiesen Denkzettel“ plädiert die Staatsanwältin. Richter Luippold belässt es schließlich dabei, den 17-Jährigen unter Einbeziehung des vorherigen Urteils wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe zu verurteilen. Dieser muss nun insgesamt 500 Euro an die Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr und 500 Euro Schmerzensgeld an den Geschädigten zahlen sowie dessen Behandlungskosten übernehmen.

Umfang der Brutalität sei erschreckend

Wegen Beihilfe zur Körperverletzung muss der zweite Angeklagte, der ebenfalls zugetreten hat, 50 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten. Der dritte – in diesem Fall laut Staatsanwältin „der Harmloseste“ wird wegen seines ellenlangen Vorstrafenregisters zu einer Jugendstrafe in Höhe von einem Jahr und sieben Monaten zur Vorbewährung verurteilt – das heißt, er muss sich die Aussetzung seiner Freiheitsstrafe erst noch verdienen, indem er 400 Euro Strafe zahlt und seine Termine bei der Bewährungshelferin wahrnimmt.

„Wir haben keine Provokation feststellen können, die diese Angriffe gerechtfertigt hätten“, sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung. „Tatsächlich waren wir erschreckt über den Umfang der Brutalität.“ Darüber hinaus lobt Luippold das Verhalten des 21-jährigen Geschädigten in der Verhandlung. „Super“ findet er, dass der junge Mann nach seiner Aussage allen Angeklagten die Hand geschüttelt hat. Luippold an die drei Angeklagten: „Schneidet euch eine Scheibe von dem ab.“

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