Waiblingen Tatort Waiblingen: Eine Stadt spielt mit

Cooler Kommissar Schreitle (rechts: Horst Michal Neutze) im Waiblinger „Extrablatt“ alias Tagblatt: „Sein letzter Wille“ heißt dieser Tatort, Waiblingen wird zu „Führstadt“ Archivbild: Reinhardt Foto: ZVW

Sag noch einer, wir seien nicht fernseh-gen: Schon drei Tatorte sind hier gedreht worden und sogar Curd Jürgens war da

Waiblingen. Wir sind im jüngsten Tatort vorgekommen – als verbale Fußnote, ach was, es war nicht mal ein Hühnerauge. „Die Mutter des Ermordeten ist Pastorin in Waiblingen bei Stuttgart.“ Und Klappe. Ja wissen die vom Fernsehen nicht, dass wir mehr zu bieten haben? Diese Stadt war bereits Tatort von drei Tatorten! Selbst Curd Jürgens gab hier mal den Schurken. Sein Logis, laut Script in „Stuttgarter Halbhöhenlage“, war in natura – eine Villa am Galgenberg.

„Rot-Rot-Tot“ hieß der Krimi. Er hat Kultstatus bis heute. Im Stuttgarter alias Waiblinger Nobelviertel wurden innerhalb weniger Tage zwei rothaarige Frauen ermordet. Als Kommissar Lutz hat 1978 noch Werner Schumacher ermittelt. „Bei der Erstsendung war der dramaturgisch ungewöhnliche Film von Theo Mezger ein Quotenrenner“, heißt es in den Tatort-Charts. WKZ-Leser Gerald Weiß-Latzko weiß noch, dass „auf dem Galgenberg bei meinen damaligen Firmenchefs Roland oder Werner Ott, hydraulische Furnierpressen aus Neustadt, gedreht worden ist“.

Kropfunnötig

Wimpfen in Waiblingen

Könnte allerdings auch sein, dass das Ottsche Domizil bereits ein Jahr zuvor den Tatort „Himmelblau mit Silberstreifen“ adelte. Darin war Waiblingen allerdings kein Alias für Stuttgarter Halbhöhenlagen sondern spielte eine richtige Hauptrolle als „Kleinstadt Weilerburg“. Für den letzten optischen Schliff sind damals auch noch Szenen aus dem historischen Bad Wimpfen eingespielt worden. Aus Waiblinger Sicht war das natürlich kropfunnötig.

Jedenfalls wurde ein reicher Mann in seinem Bungalow erschlagen. Alles deutete auf Raubmord hin. Doch der Mörder war nicht der Gärtner, sondern womöglich der eigene Bruder. Oder doch Kaufmann Enderle alias Günther Strack? Zur finalen Aufklärung hoffen wir auf eine baldige Wiederholung und geben erst mal nichts auf dieses Urteil in der Tatort-Cinemathek: „Ein Krimi, so spannend, dass ihn selbst Herzkranke gefahrlos ansehen können.“

Nix Hollywood

Nur ein kunterbunter Schal

Da kommt Tatort Nummer drei aus der Waiblingen-Reihe, Titel: „Sein letzter Wille“, als anderes Kaliber daher: „Schwäbischer Kleinstadtmief, verquickt mit Wirtschafts-Korruption – ein deutscher Alptraum“. Mitten in Waiblingen. Und dokumentiert anno 1986 hautnah quasi aus erster Schreib-Hand: Die Chronistin dieser heutigen Zeilen war damals bereits reportierend vor Ort. Und hat sich spontan als Komparsin ein Zubrot von 40 Mark verdient. Mit zwei Stunden Einsatz.

Dafür sieht man sie nun in alle Ewigkeit eine halbe Sekunde im Café Tagblatt sitzen und eine ganze rumstehen vorm früheren Forst-Kino beim Beinsteiner Tor. Betreiber Josef Hubrich hatte sein Lichtspieltheater eigentlich bereits eingemottet. Für ein sattes Honorar schloss er die Türen noch mal auf. Im wabernden Novembernebel naht nun also Horst Michael Neutze als Kommissar Schreitle, um sich ausweislich eines überdimensionalen Schildes auf Französisch (!) das Truffaut-Werk „Jules et Jim“ anzuschauen. Ein einsamer Jäger auf den Spuren der „Nouvelle vague“. Zack, streift er an einem knallbunten Schal vorbei. Spot an: Welch jäher Farbenrausch in herbstlicher Tristesse. Ausschließlich wegen dieses fernseh-genen Strickteils war die Chronistin weiland verpflichtet worden. Man hat ihr das auch unumwunden so gesagt. Hollywood, ich komme – nicht.

Kleinstadtmief

Das vergiftete Kompliment

Dafür ging’s vermeintlich runter wie Öl, dass Regisseur Hartmut Griesmayr und Regieassistentin Cornelia Wecker, genannt „Körnchen“, beim Verorten ihres Felix-Huby-Drehbuchs im realen Leben sowohl Tübingen wie Reutlingen einen Korb gaben. Mancher Stauferstädter freilich findet das Kompliment vergiftet: Der „Mord im Kleinstadt-Filz“ musste zwingend in Waiblingen alias Führstadt passieren ... genauer gesagt, in Neumanns Musikladen, wo das ganze Elend beginnt. Für die Dreharbeiten eingemietet hatte sich hier Herr Kissling (Günter Mack). Auf sein Fachwerkhaus ist eine Baugesellschaft scharf, die dort eine Einkaufspassage errichten will. Kissling will nicht verkaufen, wird bedroht, und bald hat Kommissar Schreitle mehr Trouble an der Backe, als ihm lieb ist.

Columbole

Schreitle ist Bienzles Vorläufer

Schreitle ist Bienzles Vorläufer, bereits ein Cooler im Trench, ein schwäbisches Columbole. Im richtigen Leben gab Neutze eher den sperrigen Hannoveraner, nicht einfach im Umgang mit der anhimmelnden Komparserie. Charly Steinberger, ein Blonder mit Hütle, hat den Waiblingen-Krimi ansehnlich abgefilmt. Wolfgang Esser, damals der Chef vom Set, nahm eilends noch ein „Langnese“-Schild von der Fassade. Heute darf so was dranbleiben, heißt „Product- Placement“ und bringt garantiert mehr ein als Gratis-Eis für die Crew.

Eine Menge Krimi spielt übrigens in der örtlichen Zeitungsredaktion. Leider entschied man sich gegen das WKZ-Original, den Filmleuten fehlte im Ameisenbühl schlicht der malerische Ausblick aufs stauferstädtische Fachwerk. Gedreht wurde im Vermessungsamt des Marktdreiecks. Wir schwören Stein und Bein: So eine überdimensionale Zeitungsente – von übereifrigen Requisiteuren mittendrin platziert – steht bei uns echt nicht rum.

Blaustich

Ingrid Thier schminkt Senta Berger

„Horst Michael, setz dich bitte in Position“, ruft Regisseur Griesmayr, gern gewandet im gemäßigten Trachtenlook. Wir sind wieder im Tagblatt. Eigner Jürgen Olma strahlt wie ein Honigkuchenpferd und Maskenbildnerin Ingrid Thier - die kurz zuvor noch Senta Berger schminkte für Kir Royal – schwingt wieder die Puderquaste. Alle haben hier irgendwie einen Blaustich. Kommt im Fernsehen angeblich als Porzellanteint rüber. Neutze sitzt hochmotiviert auf dem Kaffeehausstühlchen, nur der tote Fernsehschirm hinter ihm stört. „Legt doch mal ein Video ein“, bittet der Regisseur und die Bedienung vom „Extrablatt“ greift ins Regal. Plötzlich tummelt sich munter ein Pärchen im Bett. _ „Oh Jessas, des wird doch ned onser Porno sei“...

Was einem so alles im Gedächtnis bleibt nach fast einem Vierteljahrhundert Tatort-Dreh ...

 

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