Waiblingen Technikerschule: Diese Jungs sind nicht normal

Dieser Termin ist ein Klassiker: Jedes Jahr im Sommer stellen die Absolventen der Technikerschule im Waiblinger Berufschulhof ihre praktischen Arbeiten vor – hier zum Beispiel ein elektrisch angetriebenes Geländemotorrad, gefahren von Adriano Bove. Dahinter ist der von Julian Knödler gebaute Hang- und Böschungsmulcher zu sehen. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Diese Typen sind nicht ganz normal: Seit 25 Jahren gibt es die Technikerschule am Waiblinger Berufschulzentrum – jedes Jahr offenbaren hier etwa 20 Absolventen Begeisterungsfähigkeit, Einfallsreichtum und Fleiß meilenweit übers Max-Mustermann-Maß hinaus.

Was haben sie nicht alles gebaut in diesen 25 Jahren: T-Shirts zusammenlegen? Werfen wir sie in die Falt-Maschine. Pokerkarten mischen und austeilen? Lassen wir uns das Full House von einem Apparat hinblättern. Den Tennisplatz abziehen? Übernimmt ein Roboter. Abfall sortieren? Erledigt der vollautomatische Mülleimer. Fleischlappen brutzeln im Akkord? Geht am fließbandschnellsten mit dem automatischen Steakgrill. Ob Schneeschipp-, Apfel-Auflese-, Sandsackabfüll- oder Hotdog-Maschine, die in Sekundenschnelle die Semmel löchert, die Senf-Einspritzpumpe anwirft und die Wurst schockerhitzt: Es gibt fast nichts, das es nicht gab in diesen 25 Jahren. Zu schweigen von allerlei Motorisiertem, das schnurrt, knurrt, rattert oder knattert: Elektro-Kart, Baumstamm-Schlepper, Gelände-Buggy.

Zusammengefasst: Die Technikerschüler müssen wahnsinnig sein.

Nun ja, relativiert Lehrer Michael Fehrmann, „sie kommen als normale Menschen zu uns. Aber dann steigern sie sich rein.“

Tausende von Stunden: Technik als Leidenschaft

Dämliches Vorurteil der Alten: Der junge Mensch von heute sei nicht leistungswillig. Die Technikerschule am Waiblinger Berufschulzentrum erzählt seit 25 Jahren eine fundamental andere Geschichte. Junge Leute, die schon im Beruf stehen, den Gesellenbrief in der Tasche, absolvieren hier neben dem Job eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker: Jeden Montag, Mittwoch, Donnerstag hängen sie an den Acht-Stunden-Tag im Betrieb vier Abendstunden Unterricht. Jeden zweiten Samstag kommen weitere fünf Stunden dazu. Technische Mathematik. Fertigungstechnik. Berufsbezogenes Englisch. Betriebliche Kommunikation . . . Ein paar Hundert weitere Arbeitsstunden fallen an für die praktische Abschlussarbeit: Der eine entwickelt einen Hang- und Böschungsmulcher, der andere eine elektrische Kfz-Innenraumheizung. Das allein wäre imponierend genug. In Waiblingen aber kommt etwas Entscheidendes hinzu: der sogenannte Modellbetrieb. Ab dem zweiten Jahr finden sich die Schüler zu Arbeitsgruppen zusammen und bauen im Projektteam eine kleine Firma auf – ein Produkt ersinnen; konstruieren; einen Prototypen bauen; ein Marketingkonzept entwickeln. Jede Gruppe wendet dafür noch mal 3000 – in Buchstaben: dreitausend – Arbeitsstunden auf.

So haben die aktuellen Absolventen zum Beispiel ein Elektro-Motorrad gebaut oder – Marketingslogan: „Wir setzen neue Maßstäbe im Objektschutz“ – einen Überwachungsroboter. Er fährt auf eigene Faust die Korridore ab, weicht Hindernissen aus, ruckelt gar Treppen rauf und runter, und wenn das Kamera-Auge irgendwo eine offene Flamme entdeckt, rülpst der vollautomatische Floriansjünger einen Schlag CO2 aus einem Rohr – das Feuer erlischt. Danach benachrichtigt der Roboter zur Sicherheit noch die Leitstelle.

Vollautomatische Wollmilchsau?

Ein Gast, der an all diesen irren Apparaten vorbeiflaniert, wundert sich irgendwann über gar nichts mehr und rechnet fast damit, dass hinter der nächsten Ecke eine vollautomatische Wollmilchsau stehen könnte, die nicht nur Eier, sondern auch Frischobst legt, bevor sie sich selber schert, melkt, schlachtet und zu Schweinebraten mit Fruchtmilch, Omelett und Norwegerpullover verarbeitet. Die Werkstatt in der Schule, ausgestattet mit allerlei Gerät vom Plotter bis zur Fünf-Achs-Fräsmaschine, steht den Schülern immer offen, sie haben eine Schlüsselkarte und tüfteln, schrauben, fräsen, löten auch nachts oder sonntags.

Wer hier unterrichtet, sollte bitte ebenfalls nicht bloß den Stundenplan runterschrubben, sondern bereit sein, Mails von Schülern, die bei ihrer Power-Point-Präsentation festhängen, selbst in den Sommerferien tagesaktuell zu beantworten; oder noch nachts um elf ans Telefon zu gehen, wenn ein Schüler aus der Werkstatt anruft, weil der 3-D-Drucker zickt. Lehrerin Angelika Jeni, die unter anderem Englisch unterrichtet, erklärt die Faustregel für Pädagogen: Wenn diese Jungs so unermüdlich buckeln, büffeln, brüten, ohne andauernd „hallo, Stechuhr“ zu jammern, dann „darfst auch du nicht Minuten zählen“.

„Wer das hier tatsächlich schafft“, sagt Angelika Jeni, der hat bewiesen, dass er theoretisch beschlagen und praktisch ausgebufft ist, „kreativ, belastbar“, stressresistent, teamfähig. „Da kann eigentlich der studierte Ingenieur“ frisch von der Uni „nicht mithalten“.

  • Bewertung
    17

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!