">

Waiblingen Therapie statt Gefängnis

Symbolbild. Foto: ZVW/Mogck

Waiblingen. Ein 28-Jähriger, der Kinderpornografie im Netz verbreitet hat, ist am Amtsgericht mit einer Bewährungsstrafe davongekommen – zum wiederholten Mal. Den Ausschlag für das milde Urteil gab vor allem die geistige Behinderung des Mannes.

Er ist einschlägig vorbestraft und in der Bewährungszeit wieder straffällig geworden – und muss doch nicht ins Gefängnis. Ein 28-Jähriger aus dem Rems-Murr-Kreis, der in der Vergangenheit bereits wegen sexuellen Missbrauchs und Besitzes wie Verbreitung von Kinderpornos verurteilt wurde, ist am Amtsgericht Waiblingen erneut mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Richter Dustin Dautel verurteilte den geistig behinderten Mann zu einem Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung, einer Geldstrafe und überdies zur Teilnahme an Gruppensitzungen für Männer bei Pro Familia und einer Sozialtherapie sowie 150 Arbeitsstunden. „Mit Bedenken“, wie der Richter zugab.

Mehr als 500 kinderpornografische Bilder

Was wird dem 28-Jährigen, der in einer sozialen Einrichtung für Behinderte lebt und arbeitet, genau vorgeworfen? Polizisten fanden auf seinem Laptop mehr als 500 Bilddateien kinderpornografischen Inhalts – zu sehen sind auf den Fotos drei-, vier-, fünfjährige Mädchen bei sexuellen Handlungen mit erwachsenen Männern, teilweise ist sogar der Missbrauch von Säuglingen abgebildet. Hinzu kamen mehr als 150 jugendpornografische Bilder und eine Handvoll Videos, die den Missbrauch von Minderjährigen dokumentieren. Die Polizisten stellten fest, dass der Mann das Netz nach eindeutigen Begriffen aus der Pädophilen-Szene durchforstete. Erwischt wurde er, weil er recht unbedarft vorging: Unter anderem teilte er kinderpornografische Inhalte bei Facebook. Auch hinterließ er seine Kreditkartennummer auf einschlägigen Portalen im Netz. Prompt wurde seine Identität gekapert und – so schätzt es der verantwortliche Kriminaloberkommissar vor Gericht ein – zum Erstellen neuer Kinderporno-Homepages im Netz missbraucht.

Angeklagter ist auf Bewährung

Die Beweislast ist erdrückend, weshalb der Angeklagte über seinen Verteidiger Jens Rabe die Vorwürfe einräumen lässt. Allerdings wird die Öffentlichkeit sowohl bei den Angaben zur Person des Angeklagten als auch beim Verlesen der Erklärung durch den Verteidiger sowie der Befragung des Vaters des Angeklagten ausgeschlossen. Das hatte Rabe zu Beginn der Verhandlung beantragt. Über den Grad der Behinderung des Mannes, der vor Gericht leicht abwesend wirkt, erfährt also auch die Presse nichts. Fest steht, dass er bereits im Jahr 2011 wegen Verbreitung von Kinder- und Jugendpornografie im Netz zu einer Geldstrafe und zwei Jahre später wegen sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf drei Jahre Bewährung verurteilt wurde. Die Vorwürfe, die nun verhandelt wurden, fallen noch in diese Bewährungszeit. Warum also muss der Mann nicht ins Gefängnis?

Haarscharf am Gefängnis vorbeigeschrammt

Schon der Staatsanwalt hatte Milde gezeigt: Ein Jahr und drei Monate Gefängnis forderte er, letztmalig zur Bewährung ausgesetzt – aufgrund der günstigen Sozialprognose. Der Mann trete einen neuen Job an und treffe sich neuerdings mit gleichaltrigen Menschen mit Handicap. Er beginne möglicherweise, eine normale Sexualität zu entwickeln. Nur: Liegen keine „besonderen Umstände“ vor, ist es bei einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr gar nicht möglich, diese zur Bewährung auszusetzen.

Weil der Richter aber in seiner Urteilsbegründung auf nur genau ein Jahr Freiheitsstrafe kommt, ist die Bewährung noch möglich. Dautel folgte damit der Argumentation Jens Rabes.

Verteidiger plädiert für "pädagogische Entscheidung"

Der Verteidiger hatte in seinem Schlusswort für eine „pädagogische Entscheidung“ plädiert. Er sei sich „sicher wie selten“, dass dies der richtige Weg sei. Zwar sei sein Mandant 28 Jahre alt, wegen dessen geistigen Vermögens sei aber eigentlich ein Urteil nach Jugendstrafrecht angebracht. Was sei die Alternative, fragte Rabe: dass der Mann in eine Justizvollzugsanstalt eingeliefert werde, wo er mit seinen kognitiven Fähigkeiten das schwächste Glied der Kette sei? Und weder Gruppensitzungen gegen sexualisierte Gewalt noch eine Therapie besuche? Nein, da ist der Richter Rabes Meinung.

In seinem letzten Worte vor der Urteilsverkündung zeigte der Angeklagte Reue: „Es war schlecht, was ich gemacht habe. Ich will das nicht mehr machen.“


Eingestellt

Eingestellt wurde das Verfahren in einem weiteren Punkt: Auf dem Smartphone des 28-Jährigen hatten Ermittler ein Foto gefunden, das der Mann aus einiger Entfernung vom Nachbarmädchen gemacht hatte, das im Planschbecken spielte. Das Bild sei eindeutig nicht pornografisch, auch habe sich das Mädchen nicht in einem „besonders geschützten Raum“ aufgehalten. Es liege also auch keine „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“ vor, so die Begründung.

  • Bewertung
    6
 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!