Kernen Nach Brand: Gefahr durch Asbest?

Kernen-Stetten.
In der Nacht auf Mittwoch, 5. Oktober, hat auf dem Ochsen-Parkplatz ein Schuppen gebrannt. Brandursache war laut Polizei ein defektes Kühlaggregat. Das asbesthaltige Dach ist bei dem Feuer förmlich explodiert, die Trümmer haben sich über die gesamte Nachbarschaft verteilt. Nun klagen Anwohner über Halskratzen und Atemnot.

Deformiertes Blech, etwas, das nach einem verschmorten Kühlaggregat aussieht, verkohlte Balken und Dämmplatten, ein halb zerbröckeltes Dach und über allem eine dicke Schicht Asche – viel hat sich nicht getan seit dem Brand, der vor knapp zwei Wochen den als Abstellraum und Kühlzelle genutzten Schuppen des Restaurants Ochsen zerstört hat. Viel zu wenig, sagen die Anwohner. Denn bei dem Dach handelt es sich um ein altes Wellendach, aus einem Asbest-Beton-Gemisch.

„Seit dem Brand fliegen hier bei jedem Wind Partikel und Stücke von dem Dach rum“, sagt Jochen Schetter, dessen Wohn- und Geschäftshaus direkt an den Schuppen grenzt. Die ganze Nachbarschaft sei betroffen. Seine Vermutung: Es könnte sich um gefährliche Asbestfasern handeln (siehe Infobox). Ein Reinigungstrupp in Schutzanzügen sei zwar da gewesen, aber: „Die haben hier nur den Schutt ein bisschen weggeräumt und Bindemittel versprüht.“ Das giftige Dach hingegen liege weiterhin offen. Er habe bereits mit dem Eigentümer des Schuppens gesprochen und das Landratsamt verständigt – es müsse jetzt endlich etwas getan werden.

1000 Grad heiße Flammen

Schetter und seine Söhne haben in der Brandnacht geholfen, das Feuer zu löschen. „Die Flammen sind meterhoch gelodert, das Feuer ging über unser Dach hoch“, berichtet der Nachbar. Seine Terrasse auf der dem Schuppen zugewandten Hausseite: ein Schlachtfeld. Deformierte Blumenkübel, gesprungene Fensterscheiben, geschmolzene Rollläden – auch der Dachfirst und ein Teil der Isolationsschicht sind verkohlt. Und überall weiße Fasern, sogar im Haus, wie Schetter berichtet. Ihn treibt die Angst um: Könnten Halskratzen, Husten und Atemnot, die ihn und seine Familie seit dem Brand plagen, vom Asbest verursacht sein? Und welche Spätschäden sind zu befürchten? „Wir sind damit nicht allein, das geht hier der ganzen Nachbarschaft so“, betont Schetter.

Der zuständige Sachbearbeiter im Fachbereich Gewerbeaufsicht und Immissionsschutz des Landratsamtes, Christian Flohr, gibt Entwarnung: „Die notwendigen Sofortmaßnahmen sind getroffen worden.“ Der vom Eigentümer des Schuppens beauftragte Reinigungstrupp, der nach dem Brand vor Ort gewesen sei, habe nicht nur die Umgebung, sondern auch das Dach mit Bindemittel behandelt. „Derzeit besteht dort keinerlei Gesundheitsgefahr“, versichert Flohr. Halskratzen und Atemnot, welche die Anwohner schildern, führt er auf die Rauchgase zurück, die sie bei ihrem freiwilligen Löscheinsatz eingeatmet haben. Asbest verursache vielmehr Spätschäden als akute Beschwerden.

Brandursache war laut Polizei ein technischer Defekt in einem Kühlaggregat. Hinweise auf unsachgemäße Lagerung oder ähnliches Verschulden des Eigentümers gebe es nicht, ebenso wenig auf Brandstiftung. Das Kühlmittel, vermutet Jochen Spindler, Leiter des zuständigen Fachbereichs im Landratsamt, habe wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. „Die Flammen waren sicherlich 1000 Grad heiß, durch die Thermik wurden die sehr leichten Asbestfasern nach oben getragen“, erläutert er. Er hält es daher für unwahrscheinlich, dass die Fasern im Haus des Nachbarn Asbest sind. Sie hätten sich eher über den Ort verteilt, als ins Gebäude zu gelangen, sagt er.

Der gesetzliche Asbest-Grenzwert wird nicht erreicht

Es bestehe dennoch kein Grund zur Sorge: Der gesetzlich vorgeschriebene Grenzwert von 500 Fasern pro Kubikmeter werde sicherlich nicht überschritten. „Da ist die Belastung im öffentlichen Raum, beispielsweise unter alten Bahnhofsdächern, höher“, so der Fachmann. Die hohe Temperatur des Feuers war wohl auch die Ursache für das explosionsartige Zerspringen des Daches. „Da die Wellplatten an den Trägerbalken festgeschraubt waren, konnten sie sich nicht ausdehnen und sind quasi explodiert“, erläutert Flohr. Das erkläre auch den lauten Knall, den Anwohner in der Nacht wahrgenommen haben. Die Brandruine soll nun so bald wie möglich abgebrochen werden. „Das liegt in der Verantwortung des Eigentümers, wir sind nur für die ersten Sicherungsmaßnahmen zuständig“, betont Flohr.

Der Eigentümer des Areals, der Architekt Gerhard Jeggle, versichert: „Der Rückbau soll planmäßig noch diese Woche erfolgen.“ Er habe von seiner Versicherung die Freigabe erhalten und umgehend eine Spezialfirma beauftragt. Über sein Vorgehen habe er auch die Nachbarschaft bereits umfassend informiert.

Dass der ganze Prozess ein paar Tage dauere, sei allerdings ganz normal – Versicherungsgutachten müssten erstellt und allerlei Genehmigungen eingeholt werden. Schließlich sei Asbest ein Gefahrstoff und dürfe nicht von jedermann einfach abgebrochen werden. Für die Entsorgung sei ebenfalls eine Genehmigung einzuholen, darum kümmere sich die Fachfirma. „In ein paar Tagen sollte die Sache über die Bühne sein“, so Jeggles Prognose. Das habe die Firma ihm zugesagt.

Nachbar Jochen Schetter jedenfalls hofft, dass die Fachleute ihr Versprechen auch halten. Denn mit der Sanierung seines Hauses kann er erst beginnen, wenn der Schuppen abgebrochen ist.


Was ist Asbest?

„Asbest ist die Sammelbezeichnung für natürlich vorkommende, faserartige silikatische Minerale mit Faserdurchmessern bis herab zu 2 Mikrometern (1 Mikrometer entspricht einem Tausendstel Millimeter)“, schreibt das Umweltbundesamt auf seiner Internetseite. Wegen seiner hohen Elastizität, Hitzebeständigkeit und anderer Eigenschaften wurde es seit etwa 1930 beispielsweise in Platten für den Hochbau, Brems- und Kupplungsbelägen für Fahrzeuge, Dichtungen oder Formmassen eingesetzt.

Asbest ist ein eindeutig krebserregender Stoff“, heißt es weiter. Zudem können eingeatmete Fasern die sogenannte Asbestose, eine Verhärtung der Lunge, auslösen. Diese wurde bereits 1936 als Berufskrankheit anerkannt.

Die gesundheitlichen Folgen treten nicht akut auf, sondern zeitversetzt, mit einer Latenzzeit von etwa 30 Jahren.

Im Umgang mit Asbestprodukten rät das Umweltbundesamt generell zu Vorsicht, warnt allerdings auch vor Panik: „Einmalige geringe Belastungen sind nicht mit hohen und ständig wiederkehrenden beruflichen Belastungen gleichzusetzen. Das dadurch bedingte Erkrankungsrisiko ist dementsprechend gering.“

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