Waiblingen Video: Rembetiko - Der Blues der Ägäis

Den Sehnsuchtsschmerz in der Stimme: Sängerin Çigdem Aslan. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Warm und voll ist die Stimme der zarten Frau und voller Schwermut. Begleitet von einer vierköpfigen Band sang die kurdische Sängerin Çigdem Aslan Rembetikolieder im ausverkauften Kulturhaus Schwanen.

Geige, Kontrabrass, Darbuka-Trommel und Oud – eine orientalische Kurzhalslaute: Dieses vierköpfige Ensemble begleitet Sängerin Çigdem Aslan bei ihrem Konzert im Kulturhaus Schwanen. Die Oud tanzt auf den Rhythmen der Darbuka und des Basses, die Geige schafft einen Rahmen für den Gesang, doch alles ist so fein instrumentiert, dass es der vollen Stimme von Çigdem Aslan den Raum gibt, den sie verdient. Das ist Rembetiko, auf Griechisch und Türkisch, der Blues der Ägäis. Çigdem Aslans Stimme dazu ist mal schwer samtig und traurig, dann wieder übermütig und fröhlich – um die Stimmung ihrer Lieder zu verstehen, braucht man weder Türkisch- noch Griechischkenntnisse.

Rembetiko, das sind Lieder mit Geschichte, vor allem die Smyrnaiko, die Çigdem Aslan ausgewählt hat: Entstanden zwischen 1920 und 1930 erzählen sie die Geschichte der Heimatvertriebenen aus Smyrna, heute Izmir in der Türkei. 1923, als die türkische Republik aus dem zerfallenen Osmanischen Reich hervorging, wurden Griechen aus der Türkei, Türken aus Griechenland vertrieben. Rund 1,5 Millionen Griechen siedelten um in ein ihnen fremdes Land, wurden zu armen Migranten – und die Smyrnaikolieder ihr Ventil. So verbanden sich im Rembetiko musikalische Elemente aus Griechenland und der Türkei. Gespielt wurden diese Lieder in Cafés, Weinhäusern und Haschischhöhlen der Umsiedler – und oft sangen Frauen.

Um die Sehnsucht nach der Heimat geht es im Rembetiko, aber auch um Armut, Drogen – und Liebe: In „Aman Katerina Mou“ zum Beispiel verzaubert Köchin Katerina nicht nur mit ihren Fleischbällchen, sondern auch mit ihren maronenbraunen Augen. „Girl from Usak“ erzählt von der Vorfreude auf die Hochzeit einer Braut, und „Away with You, Manga!“ von einer Frau, die ihren untreuen Partner wegschickt und ihm droht, nun jede Nacht mit einem jungen Schlachter zu verbringen.

Çigdem Aslan macht knappe Ansagen, erläutert in wenigen Sätzen auf Englisch Liedtexte. Es scheint, als ziehe sie sich ganz in die Musik zurück, um nur sie wirken zu lassen: Das Taximi, ein frei improvisiertes Vorspiel des Oud-Spielers, das Solo des Bassisten oder des Darbuka-Spielers. Mit diesem Konzert belebt Çigdem Aslan den Typus der Mortissa, der im Rembetiko für eine starke, unabhängige Frau steht, die das Leben genießt. Nicht umsonst heißt auch ihr aktuelles Album „Mortissa“.

Die komplexen Rhythmen des Rembetikos gehen in die Füße. Çigdem Aslan singt nicht nur, sie tanzt, tanzt auf ihre eigene, fast schüchterne Weise: Mal kreist die Hand, beschreiben die Hüften einen Bogen. Sparsame Gesten voller gezügelter Energie – und dazu das charmante, mädchenhafte Lächeln.

Nächstes Konzert

Das nächste Konzert in der Sparte Weltmusik des Kulturhauses Schwanen ist „La Banda di Palermo“ am Donnerstag, 12. März, um 20 Uhr.

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