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Waiblingen Wacken Open Air: Euphorie in der Metal-Schlammwüste

Wacken/Waiblingen. Wacken ist so vieles. Das größte Heavy-Metal-Festival der Welt, welches in der vergangenen Woche über vier Tage hinweg 80 000 Fans nach Schleswig-Holstein lockte, vereint Progressive und Nostalgie, bringt Alt und Jung zusammen, lehrt seine Gäste Hingabe und Gelassenheit - und ist am Ende doch stets die totale Euphorie.

Wer Wacken verstehen will, muss Wacken erleben. Auch die 28. Auflage des Open-Air-Spektakels war ein Event der Superlative. Mit Höhen und Tiefen. Bedrohlich schwarz aufgetürmt lauern die Wolken über dem Gelände, bis auch der letzte Gast seine Lagerstatt errichtet hat - um sodann hämisch am Mittwochnachmittag, mittels zehnminütigem sintflutartigem Regenguss, einen Teil davon wieder hinwegzufegen. Die Pavillons machen reihenweise den Abflug; ein Ersatzpavillon wartet bei den erfahrenen Wacken-Veteranen bereits im Auto auf seinen Einsatz.

Schlamm, der heimliche Star des Festivals

Und mit den herabstürzenden Wassermassen feiert auch der heimliche Star des Festivals sein Comeback: der Schlamm. Ohne gutes Schuhwerk ist man auf der grünen Wiese im hohen Norden wortwörtlich dem Untergang geweiht. Gleichzeitig gehört jedoch der Schlamm zu diesem Festival dazu; er wird von den Fans nicht nur hingenommen, sondern empfangen wie ein leicht exzentrischer alter Freund, den man einfach zu nehmen wissen muss. Ausgelassen tollen und ringen einige in riesigen Schlammpfützen, mit Anlauf springen andere in den größten Schmodder. Wacken ist Freude, Wacken ist „Dreck fressen“ - die Schlammwüste hat ihre eigenen Gesetze.

Eine ganz besondere Stimmung

Bestens damit vertraut ist Alexander aus Winnenden, der an einem der Wege auf dem Campingplatz sein Lager aufgeschlagen hat. „Spätestens nach der dritten Schicht Schlamm sind die Stiefel endgültig dicht“, weiß der 39-jährige Elektroniker und lacht. Sein weißes Auto sieht mittlerweile aus wie ein Schnee-Leopard: lauter schwarze Tupfen. Nach sechs Jahren Pause erlebt er heuer sein zweites Wacken Open Air, begleitet von seinem guten Freund Thomas: „Ich dachte, ich rette ihn einfach mal ein paar Tag aus seiner Ehe.“ Dabei unterstützen sollen ihn die Bands Volbeat und Amon Amarth; aber auch auf Kapellen der zweiten und dritten Linie, wie etwa Clawfinger, Thundermother oder Kadavar, freuen sich die Kumpels. Warum aber fährt ein Metal-Fan aus dem Remstal annähernd 800 Kilometer, um hier durch den Matsch zu seinen Idolen zu waten? - „Es ist die besondere Stimmung der Heavy-Metal-Festivals“, erklärt Alex. Er meint damit den Zusammenhalt, die friedliche Grundstimmung, das fröhliche Miteinander. Die Statistik unterstreicht seine Wahrnehmung: Bis Samstagnachmittag verzeichnet die Polizei gerade mal acht Fälle von körperlicher Auseinandersetzung - und das bei 80 000 Gästen. Wacken ist Familie.

Vier Tage, 180 Bands, neun Bühnen

Über 180 Bands spielen an vier Tagen auf insgesamt neun Bühnen. Besonders gefragt sind die Headliner: Donnerstags gehört die Aufmerksamkeit der dänischen Formation Volbeat, die mit einem Mix aus Metallica- und Johnny-Cash-Attitüde die Herzen der Metal-Fans erobert. Freitags geben Apocalyptica ihre Show „Metallica auf vier Celli“ zum Besten: die maximale Wertschätzung einer musikalischen Leistung in klassischem Gewand; Sänger ist das Publikum: „Wacken, ihr kennt die Songs - macht euren Job!“ Feierabend ist erst wieder beim Set der amerikanischen Thrash-Metaller von Megadeth, die voller Begeisterung ihr feierwütiges Publikum mitreißen. Samstags entern schließlich die Wikinger von Amon Amarth die Bühne, bevor Tobias Sammet mit Avantasia ein opulentes, metallisch-opereskes Feuerwerk abbrennt - sowohl musikalisch, als auch in bunten Raketen. Wacken ist Vielfalt; Wacken ist Nostalgie und Fortschritt in einem Atemzug.

Altmeister Alice Cooper rettet die Ehre seines Genres

Das inoffizielle Duell der Schock-Rocker, welches das Billing mit sich bringt, entscheidet sich übrigens eindeutig: Während sich Marilyn Manson freitags durch einen miserablen Auftritt, Publikumsbeschimpfung und lustloses Lallen einen Platz in der ewigen Schlechtesten-Liste des Festivals sichert, rettet samstags Altmeister Alice Cooper die Ehre seines Genres. Der Magister des Makaberen liefert den Höhepunkt des Festivals: Alle sind sie gekommen, Menschenmassen, so weit das Auge reicht, um ihn zu erleben. „Poison“, „School’s out“, „Feed my Frankenstein“ - untermalt von einer spektakulären Bühnenshow suhlt sich der Godfather des Schock-Rock im Jubel seiner Fans. Es ist ein ausgelassenes Fest. Wacken ist zeitlos.

Aufbruchstimmung herrscht am Sonntag, leicht verkatert, aber glücklich. Stimme und Muskelkraft sind dahin, das Auto von Alex steht auch nicht mehr da. Heimkehr in eine andere Welt, allein das Bändchen am Arm und mehrere Schichten Erde an den Schuhen erinnern an vier Tage Ausnahmezustand. Zurück bleibt „Gastgeber“ Schlamm, geduldig, abwartend, umarmend, der diesem einzigartigen Spektakel Jahr für Jahr einen weichen Boden bereitet. Wacken ist vorüber, doch bald ist wieder Wacken!


Wacken 2018

Der Vorverkauf für das Wacken Open Air 2018 hat bereits wieder begonnen. Zu den mehr als 150 Bands, die vom 2. bis 4. August 2018 in Wacken rocken werden, gehören: Nightwish, Running Wild, Doro, Dirkschneider, Arch Enemy, In Extremo, Amorphis, Epica, Sepultura, Firewind, Watain, Knorkator, Belphegor, Bannkreis, Deserted Fear ...

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