Waiblingen Was bedeutet die Impfpflicht für die Kitas?

Masern sind hoch ansteckend. Ein kleiner Pieks kann sie verhindern Foto: Adobe/Stalnyk

Waiblingen.
Auf Schulen und Kindergärten kommt etwas zu: Am 1. März tritt das Masernschutzgesetz in Kraft. Das heißt, für alle Schüler und Kindergarten-Kinder muss ein Impfnachweis vorgelegt werden. In Waiblingen sind davon rund 3000 Kinder an den Kitas der Stadt, der Kirchen und anderer Träger betroffen. Dieser Tage läuft die Information der Eltern an. Der Gesetzgeber gewährt allen Kindern, die bereits eine dieser Einrichtungen besuchen, eine Übergangsfrist bis zum um 31. Juli 2021. Die Kinder, die neu an eine Kita oder eine Schule kommen, müssen den Nachweis gleich erbringen.

Für Schulen wie für Kindergärten erhöht sich der bürokratische Aufwand. Dennoch sieht man beim städtischen Fachbereich für Bildung und Erziehung dem Stichtag recht gelassen entgegen. Die städtischen Kitas sind so organisiert, dass die Aufgaben der Leitung auf mehrere Schultern verteilt sind und dass sie von Verwaltungskräften unterstützt werden. „Die pädagogischen Fachkräfte sollen sich auf die Arbeit mit den Kindern konzentrieren können“, sagt Erste Bürgermeisterin Christiane Dürr. Insofern: alles halb so wild. Was jedoch von außen leicht unterschätzt wird: Auch das gesamte Personal unterliegt der Impfpflicht – neben den Erzieherinnen auch alle Küchenmitarbeiterinnen, Zulieferer und Sprachförderkräfte.

Mehrheit hält sich an Impfempfehlungen

Nicht, dass beim Rathaus Proteste von Eltern oder Belegschaft angekommen wären. Die überwiegende Mehrheit hält sich ohnehin an die Impfempfehlungen. Bundesweit waren 2016 93 Prozent der Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung ausreichend gegen Masern geimpft. Andererseits gab es in den vergangenen Jahren auch Todesfälle wegen Masern. Dass es dem Gesetzgeber ernst ist, beweist die Höhe der Bußgelder für Impfverweigerer: Diese können sich auf bis zu 2500 Euro belaufen. Den Kindern droht im Fall des Falles der Ausschluss aus der Einrichtung. Bei Erzieherinnen könnte die Kette der Sanktionen theoretisch bis zum Berufsverbot reichen. Größere Fälle von Infektionskrankheiten gab es in den vergangenen Jahren laut Fachbereichsleiterin Erika Schwiertz nicht. Weder Grippe noch Scharlach vermochten ganze Einrichtungen lahmzulegen. Sie sieht darin auch eine Folge der Hygienevorschriften, die viele für übertrieben halten.

Gesetz ist Gesetz und gilt für alle Einrichtungen gleichermaßen – auch für die freien Träger wie Waldorf oder Montessori. Wobei Susanne Schenke, Geschäftsführerin der Montessori-Kinderwelten, sich völlig zu Unrecht in eine Schublade geschoben fühlt: „Wir sind gar nicht anthroposophisch.“ Zusätzlichen Verwaltungsaufwand bedeute das Masernschutzgesetz durchaus – aber in überschaubarem Rahmen. Und das nähmen die Montessori-Kinderwelten gerne in Kauf. Persönlich hält sie die Impfpflicht für „sinnvoll hoch zehn“.

Kritik: Kita-Leitung soll „Polizei spielen“

Anders die Stimmung beim Waldorfkindergarten in Neustadt. Hier obliegt es dem Vorstand des Vereins für Waldorfpädagogik, Verträge und Datenschutzerklärungen anzupassen, Nachweise einzufordern und alles zu dokumentieren. Abgesehen von diesen Aufgaben, die sicherlich zu bewältigen seien, wird laut Schriftführer Michael Neumann die Tatsache sehr kritisch gesehen, dass Vorstandsmitglieder und Erzieherinnen „Polizei spielen sollen und gezwungen sind, die Kontrolle und Verantwortung für dieses Gesetz zu übernehmen“.

Das Stimmungsbild, soweit bisher ersichtlich, sei gespalten. Es gebe an der Einrichtung Eltern, die einen „individuellen Impfweg gehen“ und vom Gesetz betroffen seien. Diese Familien würden sich der Pflicht gerne entziehen und sehen sich in ihrer individuellen Entscheidung durch das Gesetz eingeschränkt. Allerdings vermutet der Verein, dass die Mehrheit der Eltern nicht betroffen ist, da sie nach „Stiko“,also nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission impfen lassen haben. Im Kollegium werde das Thema Impfen ebenfalls kritisch gesehen – das Gesetz somit auch. Unklar war dem Verein am Mittwoch noch, ob eine der Mitarbeiterinnen selbst betroffen – also nicht gegen Masern geimpft – ist. Da die Pflicht alle Einrichtungen betrifft, sieht der Träger jedoch keinen Nachteil bei Personalfragen oder Betreuungsverträgen.


Masern und Impflicht: Ein Paar Fakten

Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten. Gerade bei Kindern unter fünf Jahren und Erwachsenen können Masern zu schweren Komplikationen führen. Dazu gehören Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen und Durchfälle. In einem von 1000 bis 2000 Fällen kommt es zu einer Gehirnentzündung (Enzephalitis). Eine meist tödlich verlaufende Spätfolge der Masern ist die subakute sklerosierende Panenzephalitits.

In Deutschland wurden 2019 mehr als 50 Masernfälle gemeldet, darunter ein Todesfall.

Es gibt immer noch Impflücken in allen Altersgruppen. Die bundesweite Impfquote für die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlene zweite Masern-Impfung bei Kindern im Alter von 24 Monaten liegt nur bei 73,9 Prozent. Für eine erfolgreiche Eliminierung der Masern sind mindestens 95 Prozent nötig.

Das Gesetz tritt am 1. März 2020 in Kraft. Alle, die am 1. März 2020 bereits in den betroffenen Einrichtungen betreut werden oder tätig sind, müssen den Nachweis bis zum 31. Juli 2021 vorlegen.

Die Betroffenen müssen der Einrichtung gegenüber vor Beginn der Betreuung oder der Tätigkeit folgenden Nachweis vorlegen: einen Impfausweis oder ein ärztliches Zeugnis (auch in Form einer Anlage zum Untersuchungsheft für Kinder) darüber, dass bei ihnen ein Impfschutz gegen Masern besteht. Oder ein ärztliches Zeugnis darüber, dass Immunität gegen Masern vorliegt oder sie aufgrund einer medizinischen Kontraindikation nicht geimpft werden können. Jeder muss mindestens zwei Masernschutzimpfungen nachweisen oder ausreichende Immunität, die unter Umständen schon bei der ersten Impfung erworben werden kann.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

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