Waiblingen Weihnachten mit Patchwork-Familie

Bei sechs Enkelkindern ist der Geschenkeberg groß und die Heimarbeit nimmt wieder vorindustrielle Züge an. Alles für die Lieben. Foto: Nolle/ZVW

Waiblingen. Patchwork-Familien sind schwierig, heißt es. Was aber, wenn es zum Zusammenleben als Flickenteppich erst kommt, wenn die Zusammenziehenden im Alter von Großeltern sind? Und zu fünf Töchtern sich sechs Enkel gesellen. Ein Erfahrungsbericht der mutmachenden Art, durchaus.

Man ist gefordert. Mann speziell. Also der Mann, der zur Großfamilie mit vier Töchtern und sechs Enkelkindern hinzukommt.

Mann ist gefordert, weil auch das Kinderhüten zu den lieben Pflichterfüllungen gehört. Schönwetter-Patchworken kann schließlich jeder. Und dann wäre ja noch zu fragen: Vielleicht liegt ja gerade im Sitten von plötzlich dazugekommenen Babys und Kleinkindern ein Glück?

Fall 1: Wir werden gerufen zu Johanna und Tim. Der jungen Ehe tut es gut, wenn die Eheleute einen Abend für sich haben. Schwimmen im Erlebnisbad. Zu betreuen gibt es Sophia, ein Jahr und etwas drüber. Man kommt in die Wohnung. Aber nicht das Kind hat die sichtbaren Windeln an, sondern der Hund. Bailey, dem Kindesalter auch noch nicht recht entwachsen, ist frisch operiert. Bailey wurde kastriert, kann also selbst immerhin schon mal keine Kinder mehr bekommen. Bailey ist kein Problem beim Minnedienst, läuft so nebenher. Schnauft aber so laut wie ein alter Mann mit schwerer Apnoe. Das Babyfon schlägt wegen ihm an.

Erkältungen müssen nicht zum Knatschigsein führen

Der Mensch im Großelternalter ist generell froh, wenn es noch etwas zu betreuen gibt von seiner Art. Der Trend geht zum Zweithund statt Erstkind. Das zu betreuende Kind, Sophia, erweist sich selbst als pflegeleicht. Sie sei leicht erkältet, wird uns von der Tür noch zugerufen. Aber Erkältungen müssen nicht zum Knatschigsein führen, lernen wir. Sophia ist leicht zu handeln. Viren, Erreger, Keime haben eine beruhigend ruhigstellende Wirkung. Die Natur weiß sich selber zu helfen.

Die Eltern kommen vom Schwimmen zurück. Wir kamen nicht ins Schwimmen.

Fall 2: Wir werden gerufen zu Valerie und Harald. Zu betreuen ist Lina, drei Jahre und etwas darüber. Aber da ist ja auch noch Lasse, kein Jahr alt. Zwei sind’s also. Und es ist schön, wenn man die Gelegenheit bekommt, sich zu steigern.

Kinder haben eine Nase für die Gelegenheit, ob mit oder ohne Schnupfen. Sie riechen, dass heute was geht. Dass das Unterhaltungsprogramm für sie laufen könnte. Also lässt sich Lina nach ausführlichem Vorlesen ins Bett legen. Tut so, als ob sie schläft. Die Oma kommt ganz stolz ob ihrer sedierenden Fähigkeiten wieder runtergeschlichen.

Aber plötzlich sitzt Lina aufrecht im Bett. Nestelt. Das Babyfon schlägt an. Sie sitzt da und greift selbst zum Buch, das kluge Kind. Na, eigentlich soll ihr doch vorgelesen werden. Wofür ist die Oma auch da.

Lasse hatte sich entschieden, die Augen heute gar nicht zuzumachen. Sein Unterhaltungsprogramm besteht darin, dass er selber kräht. Das zweite Fläschle verfehlt seine Wirkung nicht ganz. Trinken hat eine sedierende Wirkung. Aber jetzt könnten es die Blähungen sein, ist schließlich ein Junge, die ihn all paar Schnaufer den Kräh-Motor anwerfen lassen.

Männer müssen zusammenhalten

Klar wird beiden Betreuungs-Gelegenheitskräften: So wird das nichts. Es muss eine Trennung nach Etagen im Haus erfolgen, um wenigstens eine Einschlaf-Situation zu schaffen. Die Oma geht mit der Großen nach oben. Der betreuende Mann fühlt sich für den Geschlechtsgenossen zuständig. Männer müssen zusammenhalten, gerade in schwierigen Zeiten. Das schon halb versickerte Wissen über Blähbauchkinder bringt mich dazu, zum Hüpfen zu greifen. Kind auf den Arm, und dann federn aus der Hüfte und den Sprunggelenken heraus. Auf und nieder, immer wieder. Dabei ist noch nicht Fasching. Wie im Fasching kann auch das Absingen von Liedern hilfreich sein. Ich kenne kein Schlaflied mehr, die Tochter ist schließlich schon 19. Wobei, halt, langsam puzzle ich mir einen Text: „Schlaf, Kindlein schlaf. Deine Mutter ist ein Schaf. Dein Vater ist ein Ziegenbock.“ Hört ja keiner. Ist nicht schlimm.

Irgendwie geht die Zeit immer vorüber. Die Eltern kommen wieder zurück. Wir schildern ihnen die seit vier Stunden währende Situation. Sie nicken. Es kommt ihnen bekannt vor. Die Oma gebraucht einen abschließenden Satz: „Allein hätte ich das nicht geschafft“. Damit muss ich gemeint sein. Ich denk, ich hör vorweihnachtlich die Englein singen. Also: Väter und Großväter aller Länder! Wenn ihr das hört, dann ist das das Höchste der Gefühle. Mehr Bestätigung, Lob und Preis gibt es nicht. Nach außen hin aber hat man abzuwinken. War gar nicht schlimm. Wirklich nicht. Ist auch so, könnte man übermorgen wieder machen.

Jetzt zu Weihnachten kommen Henry und sein Brüderchen, Name weiß ich jetzt nicht, ist ja auch viel, aus Australien angeflogen. Und Jule aus dem Saarland angefahren.

Es gibt neue Aufgaben.

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