Waiblingen Wenig vergnüglich: Das Leben im Jahr 1839

Waiblingen. Die Waiblinger Kreiszeitung feiert Geburtstag: Seit 175 Jahren erscheint eine eigene Zeitung für die Stadt und ihre Umgebung. In einer Serie blicken wir zurück auf die Stadtgeschichte seit dem Jahr, in dem erstmals das „Intelligenz-Blatt für den Oberamts-Bezirk“ erschien. Damals, 1839, war das Leben der Remstäler hart, arbeitsam und arm an Vergnügungen.

In Stuttgart regierte König Wilhelm I. – Ein während der meisten Zeit seiner langen Regentschaft beliebter Herrscher, der mit einer erfolgreichen Innenpolitik die Grundlagen für das moderne Württemberg legte. Doch die Hauptstadt, die heute so nah scheint, lag damals aus Waiblinger Sicht recht weit. Wer mit der Kutsche reiste, musste zwei Stunden für die Fahrt einplanen. Zwar verkehrte schon seit vier Jahren die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, nach Waiblingen kam diese bahnbrechende technische Errungenschaft allerdings erst 1861 mit der Eröffnung der Remsbahn. Das Leben der Menschen spielte sich in einem relativ engen Radius ab. Das Oberamtsstädtchen war fast autark. Was die Leute für den täglichen Bedarf brauchten, das gab es vor Ort – oder es lag in weiter Ferne.

Frauen hatten sich „des unnützen Geschwätzes zu enthalten“

Nach 175 Jahren lebt immer noch – genauer gesagt, wieder – eine Art Zeitzeuge: Gerhard Greiner, im Zivilberuf Steuerberater, spielt bei Stadtführungen den gewandeten Nachtwächter, der den Besuchern aus der Biedermeierzeit berichtet. Als solcher ist er andere Sitten gewohnt als die heutigen und pflegt die teilnehmenden Frauen erst einmal zu schelten: Verheiratete Weibsbilder hatten zu seiner Zeit nämlich eine Kopfbedeckung zu tragen – sie waren sprichwörtlich „unter der Haube“. Nach Einbruch der Dunkelheit, also zur Arbeitszeit des Nachtwächters, hatten sie auf der Straße ohne Grund sowieso nichts mehr zu suchen. Ledige Frauen schon gar nicht.

Zu den wenigen Vergnügungen der Waiblinger Weiblichkeit zählten die „Lichtkärze“. Das waren Treffen in Spinnstuben, in denen die Frauen geistliche Lieder sangen, Flachs hechelten und dabei wohl auch manchen Klatsch und Tratsch „durchhechelten“, obwohl der Kirchenkonvent, der das alltägliche Leben nach pietistischer Regel ordnete und überwachte, die Anwesenden ausdrücklich aufforderte, „sich des unnützen Geschwätzes zu enthalten“ und lieber erbauliche Gespräche zu führen.

Die Männer hatten es entschieden besser. Sie trafen sich in den Schankstuben und konnten in Waiblingen, das etwa 3300 Einwohner zählte, zwischen über 20 Wirtschaften auswählen, in denen vornehmlich Most und Bier aus sieben (!) lokalen Brauereien flossen. Meist brachten die Gäste ihr Vesper selbst mit und verbrachten den Abend beim Kartenspiel. Zu doll durften sie’s freilich nicht treiben: So waren etwa Flüche in Schankstuben verboten. Wem dennoch mal ein „Heilandsack“ rausrutschte, der musste 15 Kreuzer ins Kässle für die Armenfürsorge zahlen. Besser also, man(n) verkniff sich’s und beließ es bei einem tolerablen „Heidenei“.

Auf Missernten und Hungersnöte folgten Auswanderungswellen

Kontrollierend, mahnend und die Zeit ausrufend streifte der Nachtwächter durch die Stadt. Zum Frühstück verzehrten die Waiblinger Kartoffeln oder „schwarzen Brei“ aus geröstetem Dinkelmehl und heißer Butter. Wurst und Käse gab’s nur selten; Fleisch kam in den meisten Häusern nur sonntags auf den Tisch. Zu Vitaminen kamen die Remstäler übers heimische Obst, das frisch oder getrocknet gegessen wurde.

Laut Oberamtsbeschreibung von 1850 war der Bevölkerung die harte Arbeit vielfach anzusehen, „und was die Arbeit nicht thut, das mag durch feuchte und enge Wohnungen, wo die Leute oft sehr gedrängt und beisammen wohnen, herbeigeführt werden“. Üblicherweise lebten bis zu zehn Menschen auf 50 Quadratmetern. Fließendes Wasser gab es nicht, mehrmals täglich holten die Frauen Wasser aus den in der Stadt verteilten Schöpfbrunnen. Schlimmer wog wohl das Fehlen einer Kanalisation: Nächtliche Geschäfte wurden aus dem Potschamber (Nachttopf) durchs Fenster entsorgt. In die intensiven Gerüche aus Häusern und Ställen, die sich noch weitgehend innerhalb der alten Stadtmauer-Grenzen zusammendrängten, mischten sich die Ausdünstungen der Gerbereibetriebe entlang der Rems. Elf Rotgerber produzierten in Flussnähe Lederwaren für Fuhrwerke. Übrigens arbeiteten in der Stadt im Jahr 1829 nicht weniger als 37 Schuhmacher und 28 Bäcker.

Kaum einem Handwerker reichte der Ertrag seiner Arbeit, um eine Familie zu ernähren. Fast alle betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb. Wein wurde am Neustädter Haufler angebaut, aber auch an Hängen, auf denen heute keiner Reben pflanzen würde – zum Beispiel am Rosberg. Kinder hatten bei der Feldarbeit selbstverständlich mitzuhelfen. Und zwar in einem Ausmaß, dass den Schulbesuch zu Erntezeiten auf ein Minimalmaß von zwei Stunden täglich reduzierte. Und die Lehrkräfte an den einfachen Volksschulen waren teilweise von fragwürdiger Kompetenz. Wie „Nachtwächter“ Greiner berichtet, handelte es sich zuweilen um reichlich verkrachte Existenzen. Von einem hieß es, er bringe den Schülern Zucht und Ordnung bei – schreiben könne er allerdings selbst nicht. Charakterlich werden die Remstäler als „fleißig, sparsam und empfänglich für religiöse Wahrheit“ beschrieben. Es finde sich bei vielen Pietisten aber auch „eine gewisse Selbstgefälligkeit, Scheinheiligkeit und mitleidiges Herabsehen auf andere“.

Im „Armenhaus Württemberg“ führten Missernten immer wieder unweigerlich zu Hungersnöten. Erst allmählich wurden der Obstbau und in Hegnach der Pfefferminzanbau gezielt gefördert. Zu Tausenden verließen die Schwaben das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Anfang des 19. Jahrhunderts zog es die Auswanderer vor allem in Richtung Schwarzes Meer. Viele von ihnen waren Anhänger des Altpietisten Johann Albrecht Bengel, der für 1836 das Weltende vorhersagte. Im Lauf des Jahrhunderts wurde Amerika als Auswanderungsziel immer beliebter. In den Jahren 1837/38 zog es drei Familien aus Bittenfeld, Neustadt und Hohenacker mit insgesamt 23 Personen nach Nordamerika. Eine gewaltige Auswanderungswelle erfasste das Land im Jahr 1854: Allein aus dem Oberamt Waiblingen gingen 558 Menschen.

Die besseren Zeiten – sie sollten erst noch kommen. Und sie kamen mit den ersten Fabriken und der Eisenbahn. Ein unscheinbarer Anfang war 1839 gemacht: Der Waiblinger Ernst Bihl entwickelte eine hydraulische Presse, mit der er in der väterlichen Ziegelhütte beim heutigen Landratsamt tönerne Wasserröhren maschinell produzierte. Damit legte er den Grundstein für die spätere Ziegelei Hess und die Industrialisierung Waiblingens.

Leute der Zeit

So bescheiden das Leben der Waiblinger auch war, als die lokale Zeitung zum ersten Mal erschien, gab es doch einen Mann, der so etwas wie Glamour ins Oberamtsstädtchen brachte: Der Oberamtsrichter Karl Mayer residierte im prächtigen Gebäude Marktplatz 1 (heute Binder-Optik) und empfing häufig namhafte Gäste aus der Welt der Kunst und Literatur: Nikolaus Lenau, Gustav Schwab, Justinus Kerner und Ludwig Uhland, um nur einige zu nennen. Obwohl seine eigene Gedichte von eher magerer Qualität waren, durfte er sich doch mit jenen Promis zur Schwäbischen Dichterschule zählen. Das wiederum brachte ihm die scharfzüngige Kritik des großen Heinrich Heine ein, der ihn als „matte Schwabenfliege, die Maikäfer besingt“ bezeichnete. Das garstige Verhältnis zwischen dem Vormärz-Genie und den württembergischen Lyrikern beleuchtete der Waiblinger Romantiktag (ausführlicher Bericht folgt). Auf seine unvergleichliche, scheinbar leichte Art verarbeitete Heine dabei den Konflikt mit konservativ-restaurativen Strömungen der Romantik, die zuweilen (nicht jedoch bei Mayer) ins Nationale und Antisemitische kippten.

Mayer war es auch, der die Prominenz in die Kuranstalt „Bad Neustädtle“ beim heutigen Stihl-Werk I holte. Bis zu 80 Gäste kurten hier jährlich unter ärztlicher Aufsicht. Dichtermäzen Graf Alexander von Württemberg ließ dort zur allgemeinen Belustigung ein großes Feuerwerk abbrennen. Über die gesundheitsfördernde Wirkung des Quellwassers in Remsnähe wurde 1839 an der Universität Tübingen eine Dissertation verfasst.

Der Missionar Carl Gottlieb Pfander wurde 1803 in Waiblingen geboren, sein Vater war Obermeister der örtlichen Bäckerzunft. Nach Besuch der hiesigen Lateinschule und des Korntaler Knabeninstituts trat er in die Basler Mission ein. Er wurde nach Südrussland geschickt, um Muslime zu missionieren und verfasste das Werk „Waage der Wahrheit“, in dem er die Überlegenheit der Bibel über den Koran nachwies. Später arbeitete er in Indien und Afghanistan. Er sprach mehrere Sprachen fließend und starb nach einem bewegten Leben 1865 in England.

Johann Christoph Pfleiderer (1784 bis 1842) stammte aus Hertmannsweiler und wurde Kastenpfleger der Stiftung der Stadt Waiblingen. Von 1826 bis 1838 war er Abgeordneter für den Oberamtsbezirk Waiblingen im württembergischen Landtag. Als gelernter Bäcker unter lauter Großgrundbesitzern sowie hohen Staats- und Kirchendienern hatte er im Parlament fast schon eine Exoten-Stellung, verschaffte sich aber als Experte für Finanz- und Wirtschaftsfragen den Respekt seiner liberalen Freunde wie seiner konservativen Gegner.

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