Waiblingen Wie fühlt es sich an Hartz-IV-Empfänger zu sein?

Mit Hochzeitsfotos und Gruppenbildern stockt Knut-Peter Licina seine Bezüge geringfügig auf. Foto: Kölbl/ZVW

Waiblingen. Abschätzige Blicke, blöde Sprüche und immer wieder aussichtslose Stellenvorschläge vom Jobcenter: Der 64-jährige Fotografenmeister Knut-Peter Licina lebt von Hartz IV. Als einer der wenigen Betroffenen wagt er es, offen zu erzählen, wie es sich anfühlt, von staatlichen Almosen zu leben.

Knut Licina freut sich auf die Rente. Einige Monate noch, dann hat er das rettende Ufer erreicht. Menschen seines Alters geht es häufig so, sie ächzen unter der Last eines Jobs, der ihnen mit den Jahren fremd geworden ist, sie kämpfen mit einer angegriffenen Gesundheit oder zählen die Tage, weil sie sich vom Ruhestand Freiraum zur späten Verwirklichung immer wieder verschobener Träume erhoffen. Anders Knut Licina: Zeit hat der 64-Jährige genug, und große Träume materieller Art wird er sich ohnehin nicht erfüllen können. Anders als die meisten wird er mit Rentenantritt mehr Geld zur Verfügung haben als jetzt – aber auch das ist nicht der Grund für die Vorfreude. Der Druck, der endlich von ihm abfallen wird, das ist die „Knute des Jobcenters“. Sich keine Sorgen mehr machen zu müssen, dass das spärliche Budget gekappt werden könnte. Sich nicht mehr um aussichtslose Jobs bewerben müssen.

Hohe Fluktuation bei den Beratungsstellen

Einmal, erzählt er, wurde er gedrängt, bei einem Photovoltaik-Betrieb in Esslingen vorstellig zu werden. Er sei ja Fotograf. Dass Fotografieren und Photovoltaik nichts miteinander zu tun haben, spielte dabei keine Rolle. Was reichlich abwegig klingt, wird vom Waiblinger Frieder Claus, langjähriger Landesreferent der Diakonie sowie als Hartz-IV-Berater in Esslingen tätig, als glaubhaft gewertet. Er erlebe in Jobcentern einen chronischen Personalengpass mit hoher Fluktuation und häufig überforderten Mitarbeitern. In Esslingen etwa sei die Hälfte der Sachbearbeiter nach zwei Jahren schon nicht mehr da. Frieder Claus war es auch, der den Fellbacher Knut Licina einlud, beim „Gebet für Gerechtigkeit“ in der Waiblinger Michaelskirche von seinen Erfahrungen zu berichten.

Die Fotoateliers sind am Aussterben

Allzu oft würden Betroffene mit Bewerbungstrainings, Aktivierungsmaßnahmen oder Gabelstaplerkursen abgespeist, mit denen weder eine neue berufliche Existenz gegründet noch der Fachkräftemangel gesellschaftlich angegangen werden könnten. Mancher Hartz-IV-Empfänger habe den Stapler-Führerschein schon dreimal gemacht. Wie wenig glaubhaft das Anliegen einer nachhaltigen Eingliederung ist, zeige die 2012 eingeführte Möglichkeit, Verwaltungskosten aus den Fördermitteln für die Arbeitslosen zu finanzieren. „Jede gemeinnützige Einrichtung würde einen abrupten Spendenkollaps erleiden, wenn in der Öffentlichkeit bekannt würde, dass hohe Verwaltungskosten aus den Hilfsgeldern für die Hilfebedürftigen abgezweigt werden“, meint Frieder Claus, der das Waiblinger Jobcenter von seiner Schelte ausdrücklich ausnimmt.

Weiter wurde Knut Licina nahegelegt, sich als Lokführer zu bewerben – ein Job, den er in seiner Jugend ausgeübt hatte. Nach jahrzehntelanger Pause und in seinem Alter ein aussichtsloses Unterfangen, sagt er. „Alle fotografischen Aufgaben außerhalb des Studios“: So beschreibt er seinen kleinen Fotodienst, mit dem er den Hartz- IV-Bezug (für den Erwachsenen 416 Euro, für den Sohn 316) aufstockt. Der größte Teil des Geldes wird angerechnet und abgezogen – monatlich etwa 230 Euro bleiben ihm übrig. Er macht Hochzeitsbilder, Kommunionen und Konfirmationen, Jubiläen und Betriebsfeiern sowie sogenannte „Heimpassbilder“: Die Aufnahme wird beim Kunden zu Hause gemacht, eine weiße Wand als Hintergrund reicht. Viel Geld kommt dabei nicht zusammen. „Die meiste Zeit sitze ich da und warte auf Aufträge.“ Früher arbeitete er in Porträtstudios, Werbeateliers und bei der Presse. Weil die private Lebensplanung schiefging, stürzte er mit um die 60 in die Hilfsbedürftigkeit. Bundesweit habe er sich im Fotobereich beworben - doch die Ateliers sind am Aussterben.

Alte Klamotten tragen und einkaufen beim Tafelladen

Knut Licina versucht, Würde zu bewahren – aber er spürt die Blicke und kennt das Gerede. „Hartz-IV-Empfänger erkennt man daran, dass sie die alten Klamotten immer weiter tragen.“ Er kauft in Tafelläden ein, der am besten geführte sei der in Waiblingen. Manchmal kann er sich so sogar Spargel gönnen. „Man muss viel wegschälen, aber das macht mir nichts.“ Manchmal geht er zu Aldi, da wird’s teurer. An der Kassenschlange musste er sich deshalb schon blöde Sprüche anhören. Einladungen versucht er auszuweichen, denn „ich kann mich ja nicht revanchieren“. Die Familie sagt gleich vorneweg: „Komm, aber bring’ nichts mit.“ Der 17-jährige Sohn braucht Taschengeld, damit er in der Clique nicht negativ auffällt. Mit der S-Bahn nach Stuttgart zum vergünstigten Kinotag zu fahren – das ist der reinste Luxus, einmal im Monat. Wenn er für ein paar lausige Euros ein einwöchiges Praktikum macht, will das Jobcenter gleich den Monatssatz abziehen. Um das Unheil abzuwenden, müssen wieder Belege eingeholt werden. Überhaupt werde ständig über Sanktionen und mögliche Abzüge gesprochen. Knut Licina hat seine Konsequenz aus solchen Erlebnissen gezogen: Erwachsene erhalten für Bildung den stolzen Betrag von 1,50 Euro monatlich: „Ich habe ihn mir angespart und das Sozialgesetzbuch gekauft.“

Absolute und relative Armut

Die Sozialwissenschaft unterscheidet zwischen absoluter und relativer Armut. Absolute Armut bedeutet, dass Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht decken können. Sie haben zum Beispiel nicht genug zu essen, keine ausreichende Kleidung oder Wohnung oder ihre ärztliche Versorgung ist nicht gesichert.

Die Sicht auf relative Armut bezieht auch die Lebens- und Entwicklungschancen in einer Gesellschaft ein, es geht also um soziale Ungleichheit. Armut bedeutet letztlich, dass Personen nicht die Teilhabemöglichkeiten haben, die in einer Gesellschaft als normal gelten, und zugleich materiellen Mangel erleiden.

Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zum Leben hat, gilt nach der EU-weiten Definition als armutsgefährdet. Dieses Armutsrisiko betraf 2016 nach den letzten Erhebungen 16,5 Prozent aller in Deutschland Lebenden.

Zu verdeckter Armut kommt es, wenn Menschen, denen staatliche Grundsicherungsleistungen (Hartz IV) zustehen, ihren Anspruch nicht wahrnehmen, zum Beispiel, weil sie sich schämen oder sie nicht genau wissen, was sie erhalten können. Nach aktuellen Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nehmen rund 40 Prozent der Leistungsberechtigten solche Leistungen nicht in Anspruch. Quelle: Diakonie Deutschland

Das „Gebet für Gerechtigkeit“ ist eine gemeinsame Veranstaltung der evangelischen Kirchengemeinde Waiblingen und der katholischen Antoniusgemeinde Waiblingen.

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