Waiblingen Wie man eine Waldhexe wird

Die neue „Hexe“ Nicole Schilling (links) hat ihre Maske auf den Namen Lillemor getauft – und Jessica Weindl hat sie als Patin dabei begleitet. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen-Hohenacker.
Einer Sage zufolge haben im 14. Jahrhundert zwei adelige Damen in Bittenfeld gelebt, ihnen wurde das Begräbnis dort verweigert. Dafür bot Hohenacker den beiden Frauen eine Beisetzung nahe einer Kirche im Ort an. Zum Dank hätten die beiden der Gemeinde einen Laubwald – den Äspachwald – geschenkt. Weshalb und wer die beiden Frauen waren, wisse man nicht, erzählt Zunftmeister Timo Fickert. „Den Wald gibt’s nicht mehr“, ergänzt Mitgliederbeirätin Jessica Weindl. Und was hat nun diese Geschichte mit dem Verein zu tun? „Wir wollten eine Historie hinter unseren Häs haben“, sagt Timo Fickert. Deshalb haben sie überall die Stadtchroniken durchsucht – und stießen im Ortsarchiv Hohenacker auf die Geschichte der beiden Frauen. Ob den Frauen zu der damaligen Zeit Hexerei unterstellt und ihnen eventuell deshalb das Begräbnis verweigert wurde, ist nicht bekannt. Doch ihre Geschichte hat die Vereinsmitglieder inspiriert.

Den schwäbisch-alemannischen Fasnets-Verein 1. Narrenzunft Hohenacker Waldhexen gibt es erst seit etwa eineinhalb Jahren. Aber schon vorher feilten die Aktiven an ihrer Idee. „Im April 2016 haben wir mit der Planung angefangen“, sagt Jessica Weindl. Doch die Idee, einen Verein zu gründen, sei spontan im Auto entstanden, sagt Vorstandsmitglied Timo Fickert. „Da hatten wir die glorreiche Idee, einen Verein zu gründen“, erinnert sich der 24-Jährige. „Spinnerei“, sagt seine 31 Jahre alte Mitstreiterin Weindl. Doch mit dem Ergebnis sind die beiden – die sich davor in einem anderen Fasnetsverein kennengelernt haben – sehr zufrieden. „Das hätten wir uns vor vier Jahren gar nicht vorstellen können“, sagt Jessica Weindl.

„Die Hexe ist der Ausdruck für die Unzufriedenheit“

Inzwischen hat der Verein 23 Mitglieder – sechs davon sind Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 15 Jahren. „Es sind auch viele Freundschaften entstanden“, sagt Timo Fickert. Vereinsintern, aber auch extern. Die Waiblinger Remshexen sind Paten der jungen Narrenzunft aus Hohenacker. „Sie haben uns tatkräftig unterstützt und uns auch ihre Bühne gegeben“, sagt Fickert. „Für uns sind die Veranstaltungen von Remshexen wie eigene Pflichtveranstaltungen.“ Mitglied werden kann jeder, der Spaß, Freude und Kreativität mitbringt. An bestimmten Nähterminen kommt die Gruppe zusammen, schneidert an ihren Kostümen, bastelt und strickt Stulpen für die Beine. Zum selbst gemachten Kostüm der Waldhexen gehört ein Oberteil, bestehend aus ausgestanzten und bunten Filzblättern. Das Narrenkostüm stellt einen Baum dar und die Maske, auch Larve genannt, eine Hexe. „Die Hexe ist der Ausdruck für die Unzufriedenheit“, sagt Zunftmeister Fickert. Die Hexe verkörpere die Trauer der Frauen, die nicht in ihrem Heimatort Bittenfeld beigesetzt werden durften, findet er. „Die schwäbisch-alemannische Fasnet hat mit Häsen und Holzlarven zu tun“, sagt Fickert. Und die Geschichte der beiden Frauen, die sie sich ausgesucht haben, spiegelt sich im Häs und in der Larve wider.

Die Larven hat die Gruppe selbst entworfen und sie aus Lindenholz schnitzen lassen. Doch nicht alle Mitglieder müssen mit Masken an den Umzügen teilnehmen. „Manche bekommen in der Maske auch Platzangst“, sagt Fickert. Waldhexen werden dürfen aber nur diejenigen, die beim „Häsabstauben“ eine Prüfung ablegen. Nach Bestehen werden sie getauft. So auch Nicole Schilling. Jessica Weindl hat die 29-Jährige bei ihrer Prüfung und Taufe als Patin begleitet.

So laufen die Prüfung und die Taufe ab: Die Prüflinge stellen sich in einen Kübel, der mit Erde gefüllt ist. „Dann werden sie mit Wasser angegossen“, erklärt der Zunftmeister. Anschließend wird ihnen ein selbst gemixtes Gebräu gereicht. „Es sah relativ appetitlich aus“, findet Timo Fickert. Jessica Weindl ist anderer Meinung: „Es hat schon gestunken, als man es aufgemacht hat.“ Verantwortlich für den Geruch war wahrscheinlich die Mischung aus Brokkoli, Waldbeeren, Marshmallows, Spekulatius, Fencheltee, Knoblauch und Peperoni. Und was sagt Nicole Schilling, die das Gebräu trinken musste? „Sehr dickflüssig.“ Doch danach durfte sie ihre Maske taufen. Sie suchte sich den Namen Lillemor aus.

„Der übermäßige Alkoholkonsum bringt alles in Verruf“

Die Taufe versucht der Vereinsvorstand übrigens, alkoholfrei zu gestalten. Denn, begründet der Zunftmeister: „Der übermäßige Alkoholkonsum bringt alles in Verruf.“

Mehr Vereine zeigen wir unter zvw.de/unser-verein


Wer sich für die schwäbisch-alemannische Narrenzunft interessiert, findet weitere Informationen auf der Internetseite unter www.narrenzunft-hohenacker.de, auf der Facebookseite oder per E-Mail an info@narrenzunft-hohenacker.de.

  • Bewertung
    6
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!