Waiblingen Wohnungsnot: Mit Sohn und 3 Enkeln auf engstem Raum

Schwester Lydia mit ihrem Sohn Sergej und ihren Enkeln Felix und Jan (links). Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen.
Durchschnittlich hat jeder Mensch in der Region Stuttgart etwa 43 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. Wie wenig diese Zahl mit der Realität in den Familien zu tun hat, zeigt das Beispiel von Krankenschwester Lydia Maier, die in der Kardiologie des Klinikums Winnenden arbeitet. Nach Einschätzung von Oberärztin Jutta Franz zählt sie „seit Jahrzehnten zu unseren besten und einfühlsamsten Schwestern“, auch schon im alten Waiblinger Krankenhaus. „Sie arbeitet hart und klagt fast nie, hat immer ein nettes Wort für die Patienten.“ Aber seit fast vier Jahren wohnt die 59-Jährige unter großen Strapazen auf engem Raum mit ihrem alleinerziehenden Sohn und seinen drei Söhnen in einer 73-Quadratmeter-Wohnung. Sie finden einfach keine Bleibe.

Improvisieren und auf Privatsphäre verzichten

Die aus Kasachstan stammende Lydia Maier und ihr 37-jähriger Sohn Sergej sind ans Improvisieren gewöhnt. Für den Fototermin mit der Zeitung wird schnell das Bettsofa abgeräumt, Matratze und Decken rasch auf den Esstisch gestapelt, zum anschließenden Gespräch wieder zurück. Kein Quadratmeter bleibt ungenutzt. Kisten stehen auf dem Boden, fein säuberlich abgedeckt. Die Schränke könne längst nicht mehr alles fassen. Die Jungs schlafen und spielen zu dritt in einem Zimmer, der Vater nächtigt auf besagtem Bettsofa im Wohnzimmer – und der Oma, der eigentlichen Mieterin der Wohnung in Neustadt, ist als letztes bisschen Privatsphäre ihr Schlafzimmer geblieben.

20 Bewerber bei der Besichtigung, – doch der Makler versetzt alle

Vor ein paar Jahren hat Lydia Maier auf tragische Weise einen ihrer Söhne verloren. Als das einigermaßen verdaut war, zerbrach die Ehe des zweiten Sohnes. Zunächst war er es, der nach einer längeren Krise auszog, nach Waldhausen, während die Kinder bei der Mutter blieben. Danach sei die Situation mit der Zeit entgleist, erzählt er. Die Kinder gingen nicht mehr regelmäßig in Schule und Kindergarten, irgendwann stand das Jugendamt auf dem Plan. Deshalb schmiss der gelernte Elektroinstallateur, der auf dem Bau und als Dachdecker arbeitete, seinen Job und zog mit den Söhnen bei seiner Mutter ein. Seine Ex-Frau, geschieden in Abwesenheit, ist seit Jahren verschwunden. Weil er wegen der Betreuung der Kinder weniger als 20 Stunden die Woche zur Verfügung stand, blieb er arbeitslos – und aus Arbeitslosigkeit wurde Hartz IV.

Das Zusammenleben in der kleinen Wohnung reibt die Nerven auf. Rückzugsmöglichkeiten gibt es keine, die Schulaufgaben werden am Esstisch im Flur erledigt. Zwischen den beiden größeren Brüdern Leon (elf Jahre) und Felix (zehn Jahre) kam es immer öfter zu Streit, bis es nicht mehr ging und Leon vor ein paar Wochen in ein Heim auf der Ostalb kam. An den Wochenenden ist auch er zu Hause.

Fast nie bekommt er einen Termin für eine Besichtigung

Eigentlich war der Einzug bei der Oma nur als Notlösung auf Zeit gedacht. Doch ein Jahr reihte sich ans nächste, und die Suche nach einer neuen Wohnung im Raum Waiblingen blieb erfolglos. Immer wieder durchforstet Sergej Root die bekannten Internet-Portale und die Anzeigen im Wochenblatt und hat auch selbst inseriert. Gesuche hängten er und seine Mutter an Bushaltestellen und in Arztpraxen auf - ohne Ergebnis. Anfragen bei der Caritas und bei Kirchengemeinden halfen auch nicht. Fast nie bekommt er einen Termin für eine Besichtigung. Einmal standen rund 20 Interessenten versammelt auf der Straße, nur der Makler erschien nicht. Nachdem man sein Büro telefonisch erreicht hatte, hieß es dort, der Termin sei doch abgesagt worden. Nur hatte das außer dem Makler selbst wohl niemand mitbekommen. Auf dem Wohnungsmarkt, sagt Sergej Root, ist der Bewerber nur eine Nummer, spielen nur Zahlen eine Rolle, nicht menschliche Schicksale.

„Die Enkel lenken mich auch ab“, sagt Schwester Lydia und meint den Tod ihres anderen Sohnes. Dennoch wünscht sie sich sehnlichst, dass ihr Sergej und die Kinder eine eigene Wohnung finden. Um ab und zu nach Feierabend Ruhe zu finden nach der Arbeit im Krankenhaus. Und damit auch ihr Sohn und die Enkel in ein normales Leben zurückfinden.

Info:
Wer eine Wohnung für sie hat, darf sich melden: lydiamaier@gmail.com

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