Waiblinger Autor Marc Friedrich Blackrock ist "die mächtigste Schattenbank der Welt"

Bestseller-Autor Marc Friedrich. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Das Unternehmen Blackrock, für das Friedrich Merz arbeitet, ist „die mächtigste Schattenbank der Welt“, sagt der Waiblinger Marc Friedrich, 43. Ein Gespräch mit dem Bestseller-Autor über die Gefahren, die von solch einer Geld- und damit auch Macht-Zusammenballung ausgehen.

Was ist Blackrock? Die Frage haben sich viele gestellt, seit bekanntwurde, dass Friedrich Merz den CDU-Vorsitz anstrebt. Denn Merz ist Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers von Blackrock. Also: Was machen die? Marc Friedrich antwortet mit einer Zahl: Blackrock verwaltet das Geld von Privatleuten, Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften, Investoren und jongliert dabei mit einem Vermögen von fast 6,3 Billionen Dollar. Sechstausenddreihundert Milliarden. Eine Sechs, eine drei, dazu elf Nullen. Und weil die Zahl jetzt leider immer noch nicht zu begreifen ist, versuchen wir es mit einem Vergleich: Deutschland hat ein Brutto-Inlandsprodukt von 3,7, Frankreich ein BIP von 2,6 Billionen US-Dollar: Mit der Summe, die Blackrock verwaltet, ließen sich alle Waren und alle Dienstleistungen kaufen, die in einem ganzen Jahr in Deutschland und in Frankreich zusammen produziert und erbracht werden.

Blackrock ist nicht nur der größte Einzelaktionär bei Bank of America, Apple, McDonald’s, Nestlé oder Shell, sondern auch bei Daimler, Bayer, BASF, Deutscher Bank oder Lufthansa. Und „hat dementsprechend Macht“ – Blackrock, sagt Friedrich, könne „ganze Staaten und Weltkonzerne beeinflussen. Geld regiert die Welt – und Blackrock hat das meiste. Wenn Larry Fink anruft“, so der Blackrock-Chef, „geht Zetsche ans Telefon“.

Heute hier, morgen dort, heute dort, morgen hier

Blackrock wird ein kurzer Draht zu Mario Draghi nachgesagt, dem Chef der Europäischen Zentralbank, Blackrock knüpft Netzwerke, Blackrock pflegt Kontakte zu Menschen in Schlüsselpositionen. Friedrich Merz will in die Politik wechseln, andere gehen den umgekehrten Weg. Philipp Hildebrand war Präsident der Schweizerischen Nationalbank – als im Jahr 2012 Vorwürfe wegen Insiderhandels gegen ihn laut wurden, musste er im Januar zurücktreten und heuerte im Oktober bei Blackrock an.

„Die mächtigste Schattenbank der Welt“: Aber was heißt das überhaupt? Eine Bank nimmt Geld von Anlegern und investiert es, setzt es ein, lässt es „arbeiten“, wie man so schön sagt. Eine Schattenbank macht das auch – nur, dass sie keiner staatlichen Aufsichtsbehörde unterworfen ist. Schattenbanken „haben viele Freiheiten, die halt die Sparkasse nicht hat“. Die Sparkasse ächzt unter Regularien, Kontrollen, Bürokratie, für Blackrock gibt es „keine Bafin“.

System von Blackrock birgt Risiken

Hinzu kommt, dass „Blackrock“ weitere 15 Billionen Euro Vermögen von Kunden überwacht, die das Analyse-System Aladdin nutzen: 5000 Großrechner führen 200 Millionen Kalkulationen pro Woche durch, 2000 IT-Spezialisten, Programmierer, Finanzexperten werten Unternehmens- und Wirtschaftsdaten aus. Daraus ergeben sich Prognosen: Was kaufen? Was verkaufen? Welche Werte halten? Welche abstoßen?

Dieses System, sagt Friedrich, berge ein gewaltiges „Klumpenrisiko“, könne einen „Lawinen-Effekt“ auslösen. Stellen wir uns vor, eine große Bank stünde vor der Pleite oder Italien träte aus dem Euro aus. Da in der globalen Finanzbranche alles mit allem verflochten ist, dürften sich die Folgen weltweit ausbreiten. Aladdin begänne zu rattern und riete den Nutzern womöglich: raus aus bestimmten Branchen, weg mit bestimmten Papieren. Eine Verkaufswelle könnte sich aufschaukeln, schnell überstiege das Angebot die Nachfrage, die Werte stürzten in den Keller – „Finanzkrise hoch zwei. Wenn da was ins Wanken gerät, können wir uns wirklich anschnallen.“

Rolle in der Finanzkrise 2008: "Mitverursacher und Profiteur"

Schon in der Finanzkrise 2008 habe Blackrock eine Rolle gespielt; eine doppelte: als „Mitverursacher und Profiteur“, als „Bock und Gärtner“, als „Brandbeschleuniger und Feuerwehrmann“.

Auch Blackrock habe mit toxischen, also ansteckend giftigen Wertpapieren gehandelt, die bisweilen euphemistisch als „innovative Finanzprodukte“ bezeichnet werden: schwer verständliche Geldanlageformen, deren Risiken sich irgendwann nicht mehr beherrschen lassen, weil sie so oft hin- und hergeschoben, umgeschichtet und verschleiert worden sind. Und was geschah? Als das totale Chaos drohte, fragten Regierungen Blackrock: Was tun? Allein die US-Notenbank zahlte 180 Millionen Dollar Beraterhonorar an Larry Finks Cracks. Friedrich sarkastisch: „Die wussten natürlich am allerbesten, wo es brennt.“

Kinder der Finanzkrise: 2008 und die Folgen

Die Finanzkrise 2008, findet Marc Friedrich, sei die Mutter vieler Probleme, die heute unsere Demokratien heimsuchen. Damals wurden mit Steuergeld Banken gerettet, weil sie als „systemrelevant“ galten, das Prinzip der freien Marktwirtschaft – wer Geschäfte macht, trägt auch die Risiken – wurde pulverisiert, und all das galt plötzlich als „alternativlos“. Ein „weltweiter Vertrauensverlust in die etablierten Institutionen“ – die Banken, die sich verzockt hatten, die Politiker, denen das System um die Ohren flog, die Medien, die das weder vorhergesehen hatten noch erklären konnten – brach sich Bahn. Wenn aber die Menschen radikal an der Verlässlichkeit des globalen Establishments zweifeln, ebnet sich jenen der Weg, die einfache Antworten rausposaunen. Seither feiern extreme Politiker weltweit Triumphe. Von Bolsano in Brasilien bis zu Trump in den USA, von Italien bis Ungarn: „Kinder der Finanzkrise“.


Die Firma

Blackrock wurde erst 1988 in New York gegründet, wuchs aber in atemraubendem Tempo, unter anderem durch Fusionen, und erzielte 2017 einen Gewinn nach Steuern von fast fünf Milliarden US-Dollar. Viele Experten bezeichnen Blackrock als „heimliche Weltmacht“ – manche halten den Koloss für brandgefährlich. Denn wenn wenige große Player einen riesigen Anteil des Aktien- oder Anleihemarktes beherrschen und plötzlich, weil sich eine Krise anbahnt, alle gleichzeitig verkaufen wollen, kann es sein, dass niemand mehr da ist, der kauft. Ein Crash wäre die Folge. Blackrock sei der „Elefant im Teich“, der das „Boot zum Schaukeln“ bringen könne. Die sozialen Folgen wären unabsehbar – Blackrock verwaltet zum Beispiel mehr als 90 Prozent der Rentenrücklagen von Millionen amerikanischer Arbeiter.

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