Waiblinger Musiker Christian Rottler Der Kerl kann was – aber reicht das?

Christian Rottler, Liederschreiber, Musiker und künstlerisches Universaltalent. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Christian Rottler schreibt tolle Lieder, nur kennt kaum einer sie. Lässt sich das ändern? Eine Geschichte vom Kampf ums Wahrgenommenwerden in Zeiten kurzer Aufmerksamkeitsspannen.

Hier haben wir einen Gitarristen: nicht virtuos, aber kompetent. Hier haben wir eine Stimme: nicht belcanto-artistisch, aber markant. Hier haben wir eine Dosis Punk-Rotzigkeit: Darunter aber schimmert immer wieder ansteckende Pop-Eingängigkeit hervor. Hier haben wir, vor allem, einen Stapel starker Lieder: wohl zu sperrig für SWR 1, aber zugänglich genug, um damit einen geräumigen Nischenplatz in der erweiterten Subkultur komfortabel auszukleiden. Kurzum: eine Menge gutes Zeug. Steigen wir die Treppe runter in Rottlers Waiblinger Probenraumkeller und suchen zwischen Ventilator und Schlagzeug, Kühlschrank und Verstärkerbox nach Antworten: Was hat er noch auf der Habenseite?

Erstens, zweitens, drittens, viertens: Rottlers Potenziale und Qualitäten

Erstens: unzähmbares künstlerisches Universaltalent. Manchmal kriegt Christian Rottler einen gleich mit den ersten Tönen, einem brutal intim inszenierten Akustikgitarren-Intro zum Beispiel und den Einstiegszeilen: „Und man steht mehr tot als lebendig am Rand der Mitte und beugt sich vor – es ist die Aussicht auf eine Klippe, und die Brandung schmeckt nach Chlor, Jod und Tensiden.“ Weltschmerz und Weite, Natursehnsucht und kaputte Moderne: Das schwebt. Und die Youtube-Videos zu seinen Liedern sind grandios, Rottler packt da alles rein, was er sonst noch so kann, ein staunenswerter Überfluss an Begabungen bricht sich Bahn – Computer-Animationen, Zeichnungen, schräge Einfälle.


Zweitens: Damals, als er Volontär beim Zeitungsverlag Waiblingen war, liebten ihn manche Kollegen für seine Kauzigkeit und Originalität – andere schnaubten, wenn sie bloß seinen Namen hörten. Eine Diva, höhnten sie, dauernd spielen Selbstverliebtheit und Selbstzweifel Pingpong bei dem! Rottler polarisiert: nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Künstler.

Drittens: Leute schließen sich ihm an, die sein Potenzial sehen. In seiner Band Lenin Riefenstahl wirkt Michael Setzer mit, ein Typ mit Rastalocken bis zu den Kniekehlen, der sonst bei End of Green spielt – das ist, „als würde Cristiano Ronaldo bei Fortuna Düsseldorf“ aushelfen. Auch Rottlers Management-Ratgeberin ist „oberes Regal“: Kathi Wagmüller, die für Ulrich Tukur und Bela B. von den Ärzten arbeitet.

Viertens: Ein bisschen Radio-Echo hat er schon geerntet, bei Byte FM zum Beispiel. Und Radio Eins in Berlin hat ihn gar zu einem langen Interview eingeladen.

Fehlt nur noch der Durchbruch

Erstens, zweitens, drittens, viertens. Nur fehlt fünftens: der Durchbruch. Er kann nicht leben von der Kunst, geht einem Brotberuf nach. Und ist jetzt auch schon 40. Pop-Acts starten oft mit Anfang 20 durch; manchmal mit 15.

Ein Weg könnte sein, sich mit vielen Live-Shows geduldig eine Gefolgschaft zu erspielen. Aber Auftritte hatte Lenin Riefenstahl bislang nur „unregelmäßig. Soll jetzt mehr werden.“ Ob seine Band-Mitstreiter noch mitziehen, wenn das wirklich richtig reise- und zeitintensiv würde? Er zweifelt.

Einen Tonträger rausbringen? Hat er gemacht: Vinyl, 500er-Auflage. Es kostete ihn 2500 Euro, „da zahlst du drauf. Ist halt schön, das zu haben.“ Eine CD? Vergiss es. „CD funktioniert noch im Metal-Bereich, im Schlager-Bereich“, ansonsten ist das Silberling-Format „halt tot“. Abgesehen davon: Selbst die durchaus berühmte Gruppe Tocotronic spiele, so munkelt es, die erste Hälfte jeder Live-Tour, um die Produktionskosten des neuen Albums zu bezahlen.

„Wenn ein Lied funktioniert“, auf Spotify „in die richtige Playliste kommt“, auf Deezer, Amazon, Apple hochgewirbelt wird wie ein Kinderdrache von der Thermik, dann „kann es superschnell gehen“. Aber „so naiv und verträumt, damit zu rechnen“, ist er nicht – „da wärst du ja doof“.

Unter der Knute der Algorithmen: Musik und das Gesetz von Spotify

Eigentlich sollte er dreimal am Tag was auf Instagram posten, der Algorithmus verlangt Beständigkeit; und „Facebook-Targeting“ betreiben, „Zielgruppen-Monitoring“, um „Reichweiten zu generieren“; und seine Lieder so aufnehmen, dass sie für Spotify maßgeschneidert sind: Das Intro darf nicht zu lang sein, die Strophe muss zackig zum Refrain führen, sonst haben die Leute schon wieder weggeklickt. Bloß hat Rottler nur mäßig Lust dazu. Der Mensch muss sich täglich im Job anpassen – wenn er das auch noch bei seiner Leidenschaft tut, „macht ja gar nichts mehr Spaß“.

Es gab schon unbekannte Bands, die drei Minuten bei „Inas Nacht“ im Fernsehen spielten – danach ging’s durch die Decke. Oder du kriegst einen Job im Tour-Vorprogramm einer Band, die Hallen zwischen 500 und 2000 Leuten füllt. Oder Jan Böhmermann und Olli Schulz gehen in ihrem Podcast „Fest & Flauschig“ auf deine Mucke steil. Oder oder oder. Es ist „eine Lotterie“: Auf jede Erfolgs-Story kommen zehntausend ungeschriebene Geschichten von geplatzten Hoffnungen. Popmusik ist wie Fußball: eine Superstar-Ökonomie – ein paar werden steinreich und weltberühmt, die meisten zahlen für ihr Hobby drauf.

Aber jetzt bitte nicht vor Mitleid weinen, eins nämlich ist zuverlässig und berechenbar klar: Der Kerl wird immer kreativ sein, er kann ja nicht anders. Kunst macht glücklich, zur Not muss das fürs Erste reichen.


Lenin Riefenstahl

Zunächst mal ist der Name von Christian Rottlers Band ein Wortspiel, das schlicht schön provokativ Wladimir Iljitsch Lenin und Leni Riefenstahl kurzschließt. Aber es steckt noch mehr dahinter: Lenin und Riefenstahl, findet Christian Rottler, haben einiges gemeinsam – er verfolgte den Zweck, die Menschheit marxistisch zu beglücken, und wählte das Mittel, Verbrechen zu begehen; sie verfolgte den Zweck der großen Kunst und wählte das Mittel, mit Hitler zu kungeln. Damit stehen die beiden stellvertretend für die Widersprüche, die wir alle in uns tragen. Der Nike-Schuhträger, der gegen die Globalisierung protestiert, der „Fridays-for-Future“-Demonstrant, der wegen seiner Urlaubsflüge eine „CO2-Bilanz wie ein Kohlekraftwerk“ hat – sie alle künden von der „Fehlbarkeit des Individuums“. Sich selber bezieht Rottler da ausdrücklich mit ein.

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