Warnstreiks bei Bosch „Es wird eine heiße Tarifrunde“

IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs: „Ihr seid diejenigen, die die horrenden Gewinne erarbeiten.“ Foto: Benjamin Büttner

Waiblingen/Murrhardt. Matthias Fuchs erwartet „eine der schwierigsten Tarifrunden in den letzten Jahren“. Am Dienstag legten die Beschäftigten bei Bosch in Waiblingen und Murrhardt vorübergehend die Arbeit nieder. „Es wird eine heiße Tarifrunde“, sagte der Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen zu den rund 200 Bosch-Beschäftigten vor dem Werkstor in Waiblingen. – Der Arbeitgeberverband Südwestmetall kritisierte die Warnstreiks als „Eskalation zur Unzeit“.

Matthias Fuchs war am Dienstag schon früh auf den Beinen. Vormittags bei Bosch Elektrowerkzeuge in Murrhardt, mittags bei Bosch WaP in Waiblingen – und am Abend nochmals in Waiblingen, diesmal bei Bosch Packaging Technology. Am Montag rollten die Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie an und erreichten am Dienstag den Rems-Murr-Kreis. Am Mittwoch sind die Beschäftigten bei Stihl in den Werken 1 und 6 zu Warnstreiks aufgerufen. Dass bei Stihl in den Tarifauseinandersetzungen ein Schwerpunkt liegen wird, daraus macht Matthias Fuchs keinen Hehl. Zumal Personalchef Dr. Michael Prochaska Vorsitzender von Südwestmetall im Rems-Murr-Kreis ist. Der 52-Jährige erinnert sich an seinen ersten Arbeitskampf 1983, den er bei Stihl in der Lehrwerkstatt miterlebt hat. Dass er damals nicht mitstreiken durfte, scheint Fuchs noch heute zu bedauern. Wie viele Arbeitskämpfe er seither als Beschäftigter, hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär und seit fünf Jahren Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen begleitet hat, kann er auf Anhieb nicht sagen.

Ruhige und keineswegs sehr kämpferische Worte

Worum es bei dieser Tarifrunde geht, erklärte Matthias Fuchs den rund 200 Teilnehmern der Kundgebung vor dem Bosch-Werkstor mit ruhigen und keineswegs sehr kämpferischen Worten. Mit Blick in die überschaubare Runde stellte er fest, dass wohl eine Reihe von Bosch-Kollegen ihre Arbeit eine Stunde früher als üblich niedergelegt haben, aber nun schon „die Biege zum Parkplatz“ gemacht hätten. Mit dem Wetter hatte die IG Metall bei ihrem Winter-Arbeitskampf zunächst Glück: zehn Grad und Sonnenschein. Doch die Metaller seien dank der roten Streikschals mit den Aufschriften „Miteinander für morgen“ oder „Wir für mehr“ auch für frostigere Temperaturen gerüstet.

„Viele Leute verstehen, um was es geht!“

Die Arbeitgeber seien nervös, stellte Fuchs fest. Die Arbeitszeitverkürzung, die im Zentrum der Tarifauseinandersetzung steht, komme nicht nur bei den IG-Metallern, sondern auch in der Gesellschaft gut an, zitierte Fuchs Schlagzeilen und Kommentare. „Viele Leute verstehen, um was es geht!“ Nämlich um mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, um mehr Zeit für Kinder und Familie zu haben oder um die eigenen Eltern zu pflegen. Strittig ist nicht nur die Flexibilität, sondern vor allem der Lohnzuschuss, den die Gewerkschaft fordert, wenn Mitarbeiter für bis zu zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen.

Lösung nicht vor Gericht sondern am Verhandlungstisch suchen

Die Arbeitgeber haben diese Forderung mit einem Gutachten gekontert, dass dieser Zuschuss die heutigen Teilzeitbeschäftigten diskriminiere. „Das kann man ganz schnell ändern“, meinte Fuchs. Indem auch diese künftig den Zuschuss erhielten. Die Lösung dieses Konflikts sollten die Arbeitgeber nicht vor Gericht suchen, sondern am Verhandlungstisch, forderte der Gewerkschafter den Tarifpartner zu ernsthaften Gesprächen auf. Ganz nebenbei widersprach er dem von den Arbeitgebern erweckten Anschein, dass es der Gewerkschaft um die 28-Stunden-Woche für alle gehe. Nein, es gehe um individuelle Arbeitszeitverkürzungen für einige wenige.

„Den Beschäftigten fehlt die Zeit zur Erholung“

Die Bosch-Kollegen stünden hinter dieser Forderung, sagt Gürhan Ag, der Betriebsratsvorsitzende von Bosch WaP in Waiblingen. Selbst wenn sie gar nicht in Erwägung zögen, selbst kürzerzutreten. Vor allem die älteren Kollegen sollten die Möglichkeit erhalten, jeden Tag etwas kürzer arbeiten, sich einen Tag in der Woche frei oder zusätzliche Freischichten nehmen zu können. Der Leistungsdruck sei enorm gestiegen. Der Drei-Schicht-Betrieb gehe an die Substanz. „Irgendwann geht es nicht mehr“, sagt Ag über die Belastungen der rund 500 Mitarbeiter bei Bosch in Wechselschicht. „Den Beschäftigten fehlt die Zeit zur Erholung.“ An dieser Art der Flexibilität müssten doch auch die Arbeitgeber ein Interesse haben – und nicht nur an flexiblen Mitarbeitern für den Betrieb.

Flexiblere Arbeitszeiten und sechs Prozent mehr Lohn

Außer flexibleren Arbeitszeiten fordert die IG Metall sechs Prozent mehr Lohn. Gründe für Zurückhaltung sieht Fuchs angesichts der guten Lage in der Metall- und Elektroindustrie keine: „Ihr seid diejenigen, die die horrenden Gewinne erarbeiten.“ Dass die Arbeitgeber ihr Angebot von zwei Prozent mehr Lohn mit der Forderung verknüpfen, die Arbeitszeiten in ihrem Sinne zu flexibilisieren und zur 40-Stunden-Woche zurückkehren zu können, zeigt für Fuchs vor allem eins auf: dass die Tarifrunde nicht leicht wird.

Am Donnerstag sitzen die Tarifpartner ein weiteres Mal zusammen. Ende Januar, bei der vierten Gesprächsrunde, müssten sich die Arbeitgeber bewegen, sagt Fuchs. Ansonsten folgten nach Mitgliedervoten sogenannte 24-Stunden-Streiks. Bereits im Februar könnte die Urabstimmung beginnen, in der die rund 10 000 IG-Metaller im Kreis über einen Streik entscheiden.


Südwestmetall: „Eskalation zur Unzeit“

Die Metallarbeitgeber im Rems-Murr-Kreis haben den Beginn der Warnstreiks in der laufenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie (M+E) als „Eskalation zur Unzeit“ scharf kritisiert. „In Tarifkonflikten gilt für Streiks und auch für Warnstreiks das Ultima-Ratio-Prinzip: Sie dürfen nur zum Einsatz kommen, wenn alle anderen Verständigungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind“, erklärte Dr. Michael Prochaska, Vorsitzender der Bezirksgruppe Rems-Murr des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, in einer Pressemitteilung.

Prochaska, Personalvorstand bei Stihl in Waiblingen, verwies auf den Auftakt der dritten Verhandlungsrunde am Donnerstag in Böblingen: „Dort muss sich die IG Metall endlich bewegen.“ Die Arbeitgeber hätten ja bereits ein angemessenes Lohnangebot unterbreitet und beim Thema Arbeitszeit Bereitschaft signalisiert, über die Forderung nach Möglichkeiten zur zeitweisen Arbeitszeitreduzierung zu verhandeln - wenn das von den Betrieben benötigte Arbeitsvolumen sichergestellt werde, zum Beispiel indem Beschäftigte individuell länger arbeiten dürfen: „Das ist unser Beitrag, die guten und sicheren Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter in unserer Industrie noch sicherer zu machen und dabei gleichzeitig unseren Betrieben gute Rahmenbedingungen zu geben, um die großen vor uns liegenden Herausforderungen meistern zu können.“ Die IG Metall hingegen habe die bereits in der ersten Verhandlung vorgelegten Arbeitgeberforderungen bisher nur rundweg abgelehnt.

Die Metallarbeitgeber warnten die Gewerkschaft davor, bei den Streikaktivitäten zu überziehen. „Gerade angesichts der guten Konjunkturlage entstehen den Betrieben dadurch sofort erhebliche Belastungen“, sagte Prochaska. So könnten bei teilweise maximaler Auslastung Produktionsausfälle und damit verbundene Ertragseinbußen in vielen Betrieben absehbar nicht mehr aufgeholt werden. Sollten Betriebe durch streikbedingte Ausfälle in Lieferverzug geraten, drohten zudem Konventionalstrafen. „Wir haben erst zweimal verhandelt. Es gibt also noch gute Chancen, am Verhandlungstisch zu einer Lösung zu kommen“, so Prochaska.

Die Metallarbeitgeber bezeichneten die Streikplanungen der Gewerkschaft, die Ganztagesstreiks im Rahmen der Warnstreiks vorsehen, außerdem als „Spiel mit dem Feuer“. Teile der Forderung - der Teilentgeltausgleich für Beschäftigte mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen, die ihre Arbeitszeit vorübergehend absenken - seien nicht nur realitätsfern und ungerecht, sondern deren Rechtmäßigkeit sei bereits fraglich.

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