Was ein Glasfaseranschluss kosten kann Winterbacher geht mit Anwalt gegen Stadtwerke Schorndorf vor

Hans Engelsdorfer mit der Glasfaserleitung für Hochgeschwindigkeitsinternet, die die Stadtwerke Schorndorf ihm in den Keller gelegt haben. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winterbach. Während die Stadtwerke-Kunden in Schorndorf schnelles Internet über den Glasfaseranschluss ins Haus für 950 Euro bekommen sollen, hat Hans Engelsdorfer in Winterbach das Vielfache bezahlen müssen. Seine Beschwerden darüber waren bis jetzt erfolglos. Tatsächlich verlangen andere Anbieter deutlich weniger. Und im Zuge des Projekts „Gigabit-Region“ und der Kooperation mit der Telekom gibt es solche Anschlüsse im Idealfall sogar für null Euro. Wie kann das sein?

Für Hans Engelsdorfer ist es ein persönlicher Kampf, er will aber auch andere Winterbacher davor bewahren, dass sie sich ebenso ärgern müssen wie er. Im Oktober 2018 hat er bei den Stadtwerken Schorndorf einen Glasfaseranschluss für sein Haus bestellt. Im Mai hat eine Baufirma diesen gelegt. Bezahlt hat Engelsdorfer dafür 2944,06 Euro. Und fiel dann aus allen Wolken, als er diesen Sommer in unserer Zeitung las, dass die Stadtwerke mit ihrem neuen Geschäftsfeld „Schorndorf Media“ die gleiche Leistung in Schorndorf für 995 Euro anbieten wollen. „Ein sagenhaft günstiger Preis“, wie Stadtwerke-Geschäftsführer Andreas Seufer dazu verlauten ließ.

Hans Engelsdorfer fühlte sich abgezockt und beschwerte sich bei den Stadtwerken Schorndorf, er wollte wissen: Wie kommt dieser Preisunterschied zustande? Ein längerer Schriftwechsel folgte, an dessen Ende der Winterbacher jetzt seinen Anwalt eingeschaltet hat. Für diesen fällt der Vorgang unter den Wuchertatbestand. Mit Verweis auf die juristische Dimension der Sache wollen die Stadtwerke Schorndorf gegenüber unserer Zeitung derzeit keinen Kommentar zum Sachverhalt abgeben.

Wie erklären die Stadtwerke Schorndorf ihren Angebotspreis?

Gegenüber Hans Engelsdorfer haben die Stadtwerke sich erklärt: Die knapp 1000 Euro für den Glasfaserhausanschluss gelten demnach nur für das Stadtgebiet von Schorndorf und beruhen demnach auf dem Grundsatz, dass die Glasfaserleitungen immer dann verlegt werden, wenn in einem bestimmten Gebiet ohnehin andere Maßnahmen anstehen, also zum Beispiel wenn Strom- oder Wasserleitungen saniert oder neu verlegt werden. Da dann sowieso aufgegraben wird, ist der Aufwand geringer, so die Argumentation der Stadtwerke. In Winterbach oder auch anderen Gebieten, wo diese Synergie-Effekte nicht auftreten, machen die Stadtwerke dagegen nach eigenen Worten „objektbezogene Einzelangebote“.

Gerade das will Hans Engelsdorfer nicht als Erklärung hinnehmen. Denn: Auch bei ihm im Goldammerweg in Winterbach sei die Straße offen gewesen, die Landeswasserversorgung habe dort gearbeitet. Für seinen Glasfaser-Hausanschluss sei lediglich ein Kopfloch gegraben worden, 60 auf 60 Zentimeter im Umfang und 80 Zentimeter tief, von dort sei das Kabel ohne weitere Grabung in seinen Keller geführt worden.

Das Angebot der Stadtwerke für knapp 3000 Euro habe sich dagegen auf die Erstellung einer Montagegrube mit Graben und Oberflächenwiederherstellung bezogen. Hans Engelsdorfer sagt deswegen: Was er bekommen habe, könne eben kein „objektbezogenes Einzelangebot mit Echtkosten sein“. Zumal er recherchiert hat, dass auch andere Haushalte im Goldammerweg genau das gleiche Angebot mit den 2944,06 Euro erhielten. „Es wurden Angebote abgegeben, die sich im Nachhinein als Pauschalangebote entpuppten“, sagt er.

Was verlangen andere Anbieter auf dem Markt?

Pauschalangebote gibt es auch von anderen Anbietern. So kann man bei der Telekom einen Hausanschluss für 799 Euro bestellen, bei Vodafone für 999 Euro (sofern nicht mehr als 20 Meter auf dem jeweiligen Grundstück gegraben werden muss). „Voraussetzung ist, dass die an dem jeweiligen Haus vorbeikommen, also dass das jeweilige Gebiet mit Glasfaser ausgebaut wird“, sagt Helmut Haag, Projektleiter für Kommunikation bei der Gigabit-Region Stuttgart GmbH. Dann seien das die bundesweiten Einheitspreise, die marktüblich seien.

Wie kommen nun solche riesigen Preisunterschiede? Die Stadtwerke Schorndorf selbst geben dazu wie gesagt keine Stellungnahme ab. Branchenkenner, mit denen unsere Redaktion sprechen konnte, wundern sich jedoch über die 3000 Euro in Hans Engelsdorfers Fall.

Wie kommt das laufende Projekt „Gigabit-Region Stuttgart“ ins Spiel?

Die Gigabit-Region Stuttgart GmbH hat der Verband Region Stuttgart initiiert, um den Glasfaser-Ausbau für eine zukunftsfähige Internet-Versorgung aller Haushalte voranzubringen (siehe „Gigabit“). Kooperationspartner ist dabei die Telekom.

In diesem Zusammenhang wurde Hans Engelsdorfer erneut hellhörig. Dort, wo die Telekom im Rahmen des Gigabit-Region-Projekts hinkommt, zahlen die Bürger nämlich, wenn alle Bedingungen stimmen, für einen Glasfaseranschluss: nichts. So zum Beispiel in Allmersbach im Tal, das zu den Modellkommunen der Gigabit-Region gehört. Dort haben sich mehr als 1000 Haushalte für einen Glasfaserhausanschluss entschieden und bekommen ihn kostenlos. Dafür müssen sie sich lediglich für zwei Jahre vertraglich an die Telekom binden. Wer den Glasfaserhausanschluss später will, zahlt eben die 799 Euro aus dem regulären Pauschal-Angebot. Und der Ausbau in der Gigabit-Region geht weiter: In Fellbach ist die Vorvermarktung für ein Gebiet mit 10 500 Hausanschlüssen gerade angelaufen.

Helmut Haag von der Gigabit-Region Stuttgart will zur Preispolitik der Stadtwerke Schorndorf in Winterbach nichts sagen. Kein Geheimnis ist aber, dass man bei der Gigabit-Region den Schorndorfer Weg beim Glasfaserausbau kritisch sieht. Schorndorf ist eine von wenigen Kommunen in der Region, die bisher kein Teil des gegründeten Zweckverbands sind. Helmut Haag sagt, ganz allgemein ohne direkten Bezug zu den Stadtwerken Schorndorf: Wenn man nur dort den Glasfaserausbau vorantreibt, wo ohnehin Straßen- oder Tiefbauprojekte laufen, dann dauert das Ganze sehr lange. Das Ziel der Region Stuttgart und der Kommunen im Zweckverband mit der Telekom sei es dagegen, es schneller, nämlich eben bis 2030 hinzukriegen, dass 90 Prozent aller Haushalte einen Glasfaseranschluss haben.


Die Gigabit-Region Stuttgart

  • Gigabit pro Sekunde ist eine Einheit, die die Bandbreite, das heißt, die Leistungsfähigkeit, einer Internetverbindung angibt. Weit verbreitet und üblich in halbwegs normal versorgten Gebieten sind derzeit Bandbreiten zwischen 16 und 100 Megabit pro Sekunde. Ein Gigabit sind 1000 Megabit.
  • Gigabit, das ist derzeit auch das Schlagwort der Zukunft des Hochgeschwindigkeitsinternets. Der Zweckverband Gigabit-Region Stuttgart und seine Kooperation mit der Telekom ist ein bislang deutschlandweit in der Form einzigartiges Konstrukt. Darin sind fünf Landkreise, darunter auch der Rems-Murr-Kreis, und über diese auch der Großteil der Kommunen beteiligt. Das vertraglich mit der Telekom fixierte Ziel ist: 90 Prozent aller Haushalte sollen bis 2030 die Möglichkeit zu einem direkten Glasfaseranschluss haben, um damit auf Bandbreiten in Gigabit-Geschwindigkeit zugreifen zu können.
  • Dazu sind Investitionen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro geplant. 600 Millionen bringt die Telekom mit und sie garantiert 500 weitere Millionen, wenn die beteiligten Städte und Gemeinden in der Region insgesamt Leistungen in der gleichen Höhe, also 500 Millionen, beitragen.

Lohnt es sich für die Winterbacher, auf die Gigabit-Region zu warten?

Winterbach ist Mitglied des Zweckverbands zum Glasfaserausbau und damit Teil des Projekts Gigabit-Region Stuttgart. Hans Engelsdorfer leitet daraus nun die Empfehlung für seine Mitbürger ab: „Warten bis der Gigabit-Region-Stuttgart-Zweckverband den Breitbandausbau in Winterbach beginnt.“

Es ist allerdings derzeit noch völlig offen, wann der Ausbau in Winterbach beginnt. Aber: „Wenn dort der Ausbau kommt, dann ist der Glasfaserhausanschluss in der Vorvermarktung umsonst“, sagt Helmut Haag. Voraussetzung ist, dass die Telekom entweder eigenwirtschaftlich ausbaut oder sich für bestimmte Gebiete, wo das nicht möglich ist, vertraglich mit der Gemeinde Winterbach einigt. „Ich habe noch kein Angebot von der Telekom auf dem Tisch“, sagt auch Bürgermeister Sven Müller. „Ich weiß nicht, wie viele Millionen Euro die Gemeinde Winterbach bringen muss, damit die Telekom aktiv wird.“

Ein sicherer Rat ist: Wer ein Angebot eines Telekommunikations-Anbieters für einen Glasfaser-Hausanschluss bekommt, sollte vorher gut vergleichen und ausloten, welche anderen Möglichkeiten es in naher Zukunft geben könnte.


Ein freier Markt

  • Hans Engelsdorfer hat sich auch an den Winterbacher Bürgermeister Sven Müller gewandt, ihm in seiner Sache zu helfen. Dieser versuchte zu vermitteln, sagt aber: Mehr als die Antwort der Stadtwerke, die auch Hans Engelsdorfer bereits erhalten habe, könne er nicht weitergeben. Diese Antwort klingt für Müller auch plausibel.
  • „Ich bin da machtlos“, sagt der Bürgermeister gegenüber unserer Zeitung. Die Stadtwerke seien ein eigenständiges Unternehmen, denen er nicht hineinreden könne.
  • Helmut Haag von der Gigabit-Region Stuttgart hält es für ein weit verbreitetes Missverständnis, dass der Staat oder die Kommunen im Telekommunikationsbereich etwas steuern könnten. „Das ist eine private Wettbewerbswirtschaft“, sagt er. Jedes Unternehmen, das es für wirtschaftlich halte, könne überall tätig werden und Glasfaser-Anschlüsse legen. Das sei der große Unterschied zum Gas- oder Strom-Bereich, in dem von staatlicher Seite Konzessionen vergeben werden.
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