Was passiert in unseren Moscheen? Auftakt unser neuen großen Serie

 Foto: ZVW

Waiblingen.
Auch der Islam gehört zum Rems-Murr-Kreis. Zwischen Fellbach und Plüderhausen, Weinstadt und Großerlach leben viele Muslime. Wir wissen kaum etwas über sie, noch nicht einmal die genaue Zahl. Wir wissen nur, dass es im Rems-Murr-Kreis 17 islamische Kulturvereine und Moscheen gibt. Das ist eine relativ hohe Zahl im Vergleich zu etwa 2400 islamischen Gemeinden bundesweit. Wir wissen auch: Der organisierte Islam im Rems-Murr-Kreis ist vielfältig. Er reicht von Integrationsbereiten Ditib-Moscheen über Reformgemeinden wie Achmadis und Aleviten bis hinzu Milli Görüs, einer umstrittenen Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ein Überblick zum Auftakt unsere Serie:


Wir wollen mit unserer neuen Serie ein Schlaglicht auf islamische Kulturvereine, Moscheen und Muslime werfen. Unser Ziel ist es, ein differenziertes Bild zeichnen. Am Ende der Serie wollen wir genauso viel über die islamischen Gemeinde wissen wie über unsere christlichen Gemeinden. Wir wollen wissen, wer links ist, wer rechts, wer gut ist, wer schlecht, wer sich für Integration und Dialog einsetzt und wer nicht. 

Doch wie viele Muslime leben hier tatsächlich? Bis vor fünf Jahren gab es noch nicht einmal vernünftige Zahlen für die Bundesrepublik, denn die Statistiker hatten vor Jahrzehnten aufgehört, sich bei Volksbefragungen nach der Religionszugehörigkeit zu erkundigen. Mit der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, vorlegt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, liegen seit 2007 erstmals halbwegs verlässliche Daten vor. Danach leben in Deutschland etwa 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime. Ein Drittel davon wohnt in Nordrhein-Westfalen, 16,6 Prozent in Baden-Württemberg. Versucht man aus diesen Zahlen Schätzungen für den Rems-Murr-Kreis abzuleiten, ergibt sich folgendes Bild: 24.000 bis 27.000 Muslime leben danach hier. Vermutlich sind die Zahlen noch höher, weil in der Region Stuttgart mehr Menschen mit Migrationshintergrund leben als an vielen anderen Orten in Baden-Württemberg.

Ehrenmorde, Hassprediger, Zwangsheirat, Parallelgesellschaft: Der Islam in Deutschland hat seine Schattenseiten. Der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) hat  jetzt ein Buch mit seinen Erfahrungen veröffentlicht: „Neukölln ist überall“. Dieser Berliner Stadtbezirk mit einem Migrantenanteil von 41 Prozent und vielen Hartz-4-Empfängern ist inzwischen zum Synonym für gescheitere Integration, Gewalt und Jugendkriminalität geworden.

„Parallelgesellschaften erreichen mitunter die Bedeutung der Familie“; schreibt Buschkowsky. „Ihrem Wohl ist alles unterzuordnen. Jeder hat die Pflicht, alles zu tun, was sie schützt und stärkt, und alles zu unterlassen, was ihr oder ihrer Ehre schadet. So fragte ein muslimischer Schlüsseldienst beim Imam per E-Mail an, ob er der Polizei helfen darf, die Wohnung eines Glaubensbruders zu öffnen, oder ob ihn das sündig macht.“ Buschkowsky hält den Islam in Deutschland eher für ein Integrationshindernis: „Extreme Frömmigkeit kann zur hohen Hürde auf dem Weg in die moderne und liberale Gesellschaft  werden.“

Doch Waiblingen, Schorndorf, Winnenden und Welzheim sind nicht Neukölln. Der Wohlstand im Süden gibt der Integration der Migranten bessere Chancen. Aber Neukölln ist eine Warnung: Dieser Berliner Stadtbezirk zeigt, was passieren kann, wenn die Politik und die Gesellschaft sich jahrzehntelang vor Problemen drücken und einfach wegschauen.

Alarmsignale gibt es auch im Rems-Murr-Kreis: Fundamentalistische Salafisten haben kürzlich in Schorndorf den Koran verteilt. Der von vielen als Hassprediger titulierte Pierre Vogel trat vor vier Jahren in Rudersberg auf. Die extremistischen „Grauen Wölfe“ sind in der Jugendarbeit aktiv. Milli Görüs ist mit zwei Kulturvereinen in Waiblingen und Schorndorf vertreten.

Die Milli Görüs Gemeinden gelten in vielen Ländern als umstritten und ihnen werden islamistische Tendenzen unterstellt. Die Gemeinden werden vom  deutschen Verfassungsschutz beobachtet. Auf ihrer Facebook-Seite wird die Weltsicht der „Milli-Görüs-Ordensbrüder" mit folgenden Worten beschrieben: „Milli Görüs ist die Sichtweise, die nicht Stärke, sondern die Wahrheit [auch: das Recht, Gott] hochhält. In jüngster Zeit war der im Paradies weilende Glaubenskämpfer Erbakan der Vorreiter der Bewegung, die den Islam auf dem Weg des Dschihad zur Weltherrschaft bringen will."

Religion spielt für Muslime in Deutschland eine große Rolle. „Der Anteil der religiösen Menschen unter den Muslimen ist hoch“, heißt es in der Studie des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. „36 Prozent schätzen sich als sehr stark gläubig ein, weitere 50 Prozent geben an, eher gläubig zu sein.“

Doch der Alltag der meisten Muslime  ist viel pragmatischer als bisher angenommen. Das zeigen weitere Zahlen aus der Studie, die auch im Rems-Murr-Kreis zutreffen könnten. Sie machen zugleich klar, das die islamischen Kulturvereine nur einen Ausschnitt des Lebens von Muslimen bilden. Ein Drittel der Muslime besucht mehrmals im Monat religiöse Veranstaltungen oder Gottesdienste. Und nur 13 Prozent der Muslime engagieren sich aktiv einer Gemeinde.

Hier weitere Ergebnisse aus der Studie:

  • Die größte Herkunftsgruppe unter den Muslimen in Deutschland sind türkischstämmige Menschen.
  • Fast jeder zweite der hier lebenden Muslime hat die deutsche Staatsangehörigkeit.
  • Die deutschen Muslime sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung besonders jung.
  • Auch bei den deutschen Muslimen gibt es unterschiedliche Glaubensrichtungen: 74 Prozent sind Sunniten, 13 Prozent Aleviten, sieben Prozent Schiiten und zwei Prozent Ahmadis.
  • Ein Drittel der Muslime betet täglich, ein Fünftel nie.
  • Rund 70 Prozent der Befragten begehen religiöse Feste und Feiertage.
  •  „Die Einhaltung von Speise- und Getränkevorschriften spielt vor allem für türkische Muslime eine Rolle: 85 Prozent von ihnen hält sich daran.“
  • Das Fasten wird aber weniger streng eingehalten: Nur etwas mehr als die Hälfte der Muslime beachtet die Regeln im Fastenmonat Ramadan.
  • 28 Prozent der Frauen tragen ein Kopftuch.

Fortsetzung: Ein Überblick über 17 Kulturvereine des größten islamischen Verbandes Ditib im Rems-Murr-Kreis >>>  

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