Weihnachten: Fest der Versöhnung Mediator: „Konflikte sind Teil unseres Lebens“

Winterbach. Als Mediator kommt Frédéric Pjie als Feuerwehrmann dann, wenn es zwischenmenschlich brennt und kracht. Zugleich ist er Aufbauhelfer und versucht, die Scherbenhaufen wieder zusammenzusetzen, sei es in Paarbeziehungen, im Arbeitsumfeld oder in Familien. Im Interview spricht er über das menschliche Harmoniebedürfnis und erklärt, warum es trotzdem Streit gibt.

Herr Pjie, Weihnachten wird auch das Fest der Versöhnung genannt. War Christus der erste Mediator der Geschichte?

Vielleicht war er nicht der erste, aber auf jeden Fall ein großartiger Mediator. Die ganze christliche Lehre basiert ja auf Versöhnung und Nächstenliebe. Das Fest von Jesu Geburt ist aber auch ein Ereignis, bei dem, wie ich finde, eine wichtige Erkenntnis über die menschliche Natur sehr klar wird.

Welche?

Dass Frieden und Harmonie menschliche Grundbedürfnisse sind. Das ist eine Erfahrung, die ich in meinem Beruf jeden Tag mache: Es ist eine grundlegende Motivation all unseres Tuns, danach zu streben.

Wir wollen alle geliebt werden?

Liebe, Harmonie, Miteinander, soziale Interaktion – das alles führt zu Glück. Die Isolation führt nur zu Traurigkeit und Unwohlsein. Und es gibt ein paar Momente im Jahr, in denen das den Menschen knallhart bewusst wird. Weihnachten ist so ein Moment. Deswegen ist zu dieser Jahreszeit die Selbstmordrate auch so hoch.

"Ohne Zuhören geht gar nichts, ohne Zuhören gibt es keine Lösung von Konflikten"

Wenn wir uns alle nach Harmonie sehnen, warum gibt es dann aber so viel Streit und Konflikte auf der Welt?

Die meisten Menschen wollen nicht streiten. Neurobiologisch gesehen sind wir auf Kooperation ausgerichtete Wesen. Aber Konflikte und Auseinandersetzung sind Teil unseres Lebens. Das liegt daran, dass wir keine rationalen Wesen sind. Wir sind zu einem großen Teil von Emotionen bestimmt. Und wenn wir in Gefühlen feststecken, dann verengen sie unseren Blick. Oft geht es um Ängste. Und es gibt Panikmechanismen, die uns regelrecht um den Verstand bringen.

Können Sie ein Beispiel geben?

In der Paarmediation geht es beispielsweise oft um die Kinder. Da gibt es die Angst, den Kontakt zu den Kindern zu verlieren, wenn es eine Trennung gibt. Und diese Angst blockiert sämtliche Möglichkeiten, gemeinsame Lösungen zu finden. Ich habe aber auch damit zu tun, wenn es in einem Familienunternehmen um die Nachfolge geht: Alle wünschen sich eine Lösung und doch stockt der Prozess, weil einer der Beteiligten unbewusste Ängste hat, vielleicht zu kurz zu kommen oder nicht ausreichend wahrgenommen zu werden. In einer Mediation werden diese Gefühle gehört und ernst genommen. Das wirkt oft Wunder.

Angst scheint gerade auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen ein wichtiges Stichwort zu sein. Angst vor dem Terror, Angst vor einer angeblich drohenden „Überfremdung“.

Ja, bestimmte Akteure arbeiten mit diesen Ängsten und versuchen, Kapital daraus zu schlagen. Das heißt, aber nicht, dass die Ängste der Menschen nicht ernst genommen werden sollten.

Eine derzeit häufig verwendete Floskel ...

Stimmt, aber es steckt schon etwas Wichtiges dahinter. Ich würde mir wünschen, dass alle Ängste Raum bekommen und gehört werden. Ich denke, wenn das passieren würde, dann würde diese Polarisierung aufhören, die wir gerade zunehmend erleben, diese Einteilung in Gut und Böse, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Ohne Zuhören geht gar nichts, ohne Zuhören gibt es keine Lösung von Konflikten.

Warum kommt es überhaupt zu dieser extremen Polarisierung, also einer Bildung von Lagern, in denen die Leute sich sammeln und feindselig zum anderen Lager hinüberblicken?

Ich glaube, so eine Lagerbildung macht niemanden wirklich glücklich. Sie gibt jedoch den Menschen das Gefühl der Sicherheit und der Zugehörigkeit, und das sind wichtige Grundbedürfnisse. Wir dürfen bei all dem jedoch nicht vergessen, dass Konflikte auch Chancen bieten.

Wie das?

Konflikte müssen nicht von vorneherein etwas Schlechtes sein. Sie können unsere Beziehungen auch weiterbringen, wir können daran wachsen und uns besser verstehen lernen. Da Konflikte auch im Alltag gar nicht zu vermeiden sind, ist es wichtig, dass wir Kompetenzen entwickeln, die dem Ganzen das Drama nehmen. Darum geht es bei der Mediation: Wie kann ich einen Konflikt konstruktiv und angstfrei angehen?

Sie sagten bereits, dass uns oft die Emotionen im Weg stehen. Ist die Kontrolle darüber also eine solche Kompetenz?

Ja, wir können lernen, unsere Emotionen bewusst wahrzunehmen und dann mit ihnen umzugehen. Wir gewinnen dadurch an Autonomie. Ich nenne es mal emotionale Intelligenz. Je mehr wir davon haben, desto besser können wir in Konfliktfällen handeln. Es gibt auch sehr einfache Techniken, die helfen können.

"Die Weihnachtsgans macht zwar satt, aber nicht allein glücklich"

Welche?

Beispielsweise kann man es sich antrainieren, immer, wenn man wütend ist, wenn einen jemand auf die Palme bringt, drei- oder viermal ganz tief durchzuatmen. Das ist ganz simpel, hat aber einen unheimlich großen Effekt. Der Sauerstoff bewirkt etwas in unserem Körper. Wir spüren Entspannung und durch die Zeit, die wir uns geben, können wir rationaler an die Sache herangehen und bewusster agieren, statt nur zu reagieren. Die Lösung eines Konflikts gelingt nicht, wenn ich in meiner Wut dem anderen nur vorhalte, was er schlecht und falsch macht. Dann wird nämlich auch er emotional immer mehr aufgeladen und die Sache schaukelt sich hoch.

Leichter gesagt als getan. Oft genug landen Streitigkeiten, sei es in der Ehe, zwischen Nachbarn oder mit dem Arbeitgeber, ja doch vor Gericht.

Leider ja. Aber vor Gericht wird nur Unglück produziert. Wenn Sie einen Konflikt gerichtlich ausfechten, dann haben Sie in der Regel den Effekt, dass es einen Verlierer gibt, der sich ungerecht behandelt fühlt, und einen Gewinner, der auch nicht glücklich ist, weil der andere in seinen Augen viel zu gut weggekommen ist. Natürlich brauchen wir die Justiz. Aber sie ist nicht dazu geeignet, die Parteien miteinander zu versöhnen, also die Beziehung wieder herzustellen. Das geschieht in einer Mediation.

Wie kommt die Gesellschaft raus aus der vorhin angesprochenen Polarisierung, raus aus dem Gegeneinander zu mehr Miteinander?

Ich sehe zum Beispiel gute Ansätze in den Schulen. Dort wird Mediation zunehmend gelehrt, zum Beispiel in Form von Streitschlichtern. Es geht darum, neue Wege der Konfliktlösung und des Miteinanders kennenzulernen und einzuüben. Wir können eine neue Bewusstseinsstufe erreichen, indem wir uns von der Einteilung in richtig und falsch und dem „Ich habe recht und du hast unrecht” verabschieden und aufbrechen in die Welt des „Sowohl als auch“.

Zum Schluss noch mal zu Weihnachten: Allein und einsam sein beim Fest ist ja das eine. Aber bei den Familien, die zusammen sind, führt die Nähe unter dem Weihnachtsbaum oft auch zu Streit. Wie kann man das vermeiden?

Was auf jeden Fall hilft, ist eine Struktur, verbindende Elemente einzubauen, gemeinsame Spiele, gemeinsames Singen. Wichtig ist, dass alle damit etwas anfangen können. Alles kommt infrage, was uns auf einer anderen Ebene verbindet und mögliche offene Streitpunkte aus dem Kopf nimmt. Man sollte nicht einfach so in den Abend reinschlittern, sondern sich vorher Gedanken machen, wie er laufen soll, und nicht alles auf die Weihnachtsgans setzen. Denn die macht zwar satt, aber nicht allein glücklich.


Zur Person

Frédéric Pjie, 51 Jahre, ist in Freiburg geboren und in Winterbach aufgewachsen. Zwischenzeitlich lebte er 25 Jahre in Frankreich. Er arbeitet als Mediator und Coach in Winterbach und Frankreich und ist Geschäftsführer der Firma Bibacom (Paris), die Kommunikation, Konflikttransformation und Personalentwicklung anbietet.

Fünf Tipps, wie Versöhnung gelingen kann

Wer mit jemandem ein konstruktives Gespräch führen will, das nicht damit endet, dass die Parteien sich anschreien oder gar nicht mehr miteinander reden, sollte zuvorderst eines beachten, sagt Frédéric Pjie: „Sagen Sie nichts aus dem Zorn heraus.“ Er empfiehlt vier tiefe Atemzüge, bevor man antwortet. „Das erlaubt mir, mich emotional wieder zu regulieren und einen kühleren Kopf zu bekommen.“ Man steige so aus dem „Ping Pong“ von Reaktion und Gegenreaktion aus.

Der zweite Tipp setzt noch früher und grundsätzlicher an als der erste: „Es fängt immer bei mir selbst an“, sagt Frédéric Pjie. „Ich sollte mir Zeit nehmen, mir selbst klar zu werden, wie es mir geht.“ Statt nur darüber nachzudenken, warum der andere doof ist und sich zu ärgern, sollte man sich klar werden, was man selbst eigentlich will, empfiehlt der Mediator. „Ich muss meine Bedürfnisse kennen, dann kann ich sie auch klarer ausdrücken.“

Aus dem zweiten folgte der dritte Tipp: Statt dem Gegenüber vorzuhalten, was einem an ihm nicht gefällt, sollte man besser von sich selbst sprechen: Wie geht es mir? Was hätte ich gerne? „Klare Kommunikation hilft dem anderen, mich besser zu verstehen“, sagt Frédéric Pjie.

Tipp 4: Wer sich versöhnen oder Streit sogar vermeiden will, der sollte lernen, „mit einem offenen Herzen“ zuzuhören, sagt Frédéric Pjie. „Es fällt uns oft schwer, andere nicht zu unterbrechen.“ Aber das könne man lernen.

Ist eine Beziehung, ein Streit komplett verfahren und die Fronten verhärtet, so kann es helfen, sich Unterstützung zu holen. „Das muss kein Mediator sein“, sagt Frédéric Pjie. „Die Präsenz einer dritten Person ändert sofort die Streitdynamik, auch wenn diese nur zuhört.“

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