Weihnachten: Fest der Versöhnung Täter und Opfer an einem Tisch

Diplom-Pädagogin Filiz Ablak muss neutral bleiben, darf weder für die eine noch die andere Seite Partei ergreifen. Foto: Schneider / ZVW

Waiblingen. Versöhnung – ein großes Wort. Kommt es zu einer Versöhnung zwischen einem Straftäter und seinem Opfer, dann hat Filiz Ablak unglaublich viel erreicht. Sie ist bereits mit weniger zufrieden. Im Täter-Opfer-Ausgleich geht es um Wiedergutmachung, um Klärung, um Gerechtigkeit. Täter und Opfer schauen sich in die Augen, reden und reichen sich – vielleicht – am Ende die Hand. Das erfordert sehr viel Mut. Von beiden Seiten.

Filiz Ablak hat es ausschließlich mit jugendlichen Straftätern und Beschuldigten zu tun. Ihre Aufgabe ist es, zunächst Vorgespräche mit Tätern wie Geschädigten zu führen. Sofern alles passt und sich beide Seiten uneingeschränkt freiwillig auf ein Treffen einlassen, steht der persönlichen Begegnung nichts mehr im Wege. Diplom-Pädagogin Filiz Ablak moderiert das Gespräch. Geht’s um Wiedergutmachung in Form von Geld, hält sie sich weitgehend heraus, und auch sonst obliegt es den Gesprächspartnern, eine Einigung zu finden: Die Beteiligten verhandeln untereinander, welcher Betrag angemessen oder auf welche Weise der Schaden zu regeln ist.

„Beschuldigte bekommen ein Gesicht, Geschädigte eine Stimme“

Das ist einer der Aspekte, den Filiz Ablak an ihrer Arbeit besonders mag: Die Beteiligten treffen eigene Entscheidungen, übernehmen Verantwortung fürs Gelingen des Ausgleichs. Es geht nicht vorrangig darum, dass ein 100-Euro-Schein den Besitzer wechselt. Im Täter-Opfer-Ausgleich stecken sehr viel mehr Chancen: Geschädigte können das Gefühl ablegen, hilflos ausgeliefert zu sein. Sie können ihrem Peiniger mitten ins Gesicht sagen, wie sich das angefühlt hat damals, als er geklaut, geschlagen oder Schlimmeres getan hat. „Beschuldigte bekommen ein Gesicht, Geschädigte eine Stimme“ – so fasst Filiz Ablak Sinn und Zweck des Täter-Opfer-Ausgleichs zusammen.

Im Großteil der Fälle hat Staatsanwaltschaft zuvor entschieden

Der Beschuldigte wird sich nicht herauswinden können. Darauf legt Filiz Ablak bereits im Vorgespräch Wert: Leugnet ein Täter seine Verantwortung, stehen die Chancen für einen echten Ausgleich eher schlecht. Einem Richter wird das auffallen, und er wird es ins Urteil einfließen lassen, davon ist auszugehen. Umgekehrt kann ein Täter auf eine mildere Strafe hoffen, sofern er sich ernsthaft und glaubwürdig bemüht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.

In einem Großteil der Fälle, die Filiz Ablak betreut, hat zuvor ein Staatsanwalt entschieden: Wir verzichten zunächst auf ein Verfahren – aber nur, wenn du dich im Täter-Opfer-Ausgleich mit deiner Tat auseinandersetzt, und zwar umfassend. Sofern die Sachlage klar ist, kann bei jedem Straftatbestand ein Täter-Opfer-Ausgleich für beide Seiten Gutes bewirken, davon ist Filiz Ablak überzeugt. Sie hat in Tübingen sowohl Erziehungswissenschaften als auch Kriminologie studiert, daher kann sie sich sowohl in jugendliche Straftäter wie auch in die Gefühlswelt Geschädigter gut einfühlen. Ein Jugendlicher, der eine Straftat begeht, „ist nicht per se ein schlechter Mensch“, betont die 31-Jährige. Bei den meisten „wächst sich das“.

Ablak muss neutral bleiben

Dem Opfer hilft das nicht. Was passiert ist, ist passiert, daran kann Filiz Ablak nichts mehr ändern. Doch sie kann helfen, dass sich das Opfer wieder besser fühlt. Die Straftat hat Ungerechtigkeit geschaffen. Der Täter-Opfer-Ausgleich kann „Gerechtigkeit wieder herstellen, den Konflikt klären und bereinigen. Das ist die Idee“, sagt die frühere Jugendgerichtshelferin.

Sie selbst muss neutral bleiben, darf weder für die eine noch die andere Seite Partei ergreifen. Die Gesprächsregeln legt sie im Vorfeld fest: Den andern ausreden lassen. Sich mit Respekt begegnen. Von den eigenen Befindlichkeiten sprechen statt den andern frontal angehen.

„Eine Entschuldigung hat einen ganz hohen Stellenwert“

Manchmal, aber längst nicht immer, geben sich die Beteiligten am Ende die Hand. Das hat hohe Symbolkraft. Das Wort „Entschuldigung“ auch. „Eine Entschuldigung hat einen ganz hohen Stellenwert bei Geschädigten“, das hat Filiz Ablak schon oft miterlebt. Etwa als zwei Jugendliche sich begegneten; es ging um Körperverletzung und Bedrohung. In diesem Fall waren offenbar beide sowohl Täter als auch Opfer; sie hatten sich gestritten, sich gegenseitig gekränkt, bis die Situation eskalierte. Ihr Beschluss am Ende des Ausgleichsgesprächs: Wir lassen es jetzt gut sein, jeder geht seiner Wege. Es folgte ein Handschlag, „und dann war’s okay“.

Versöhnung lässt sich nicht erzwingen

Es klappt nicht immer, und ohnehin mündet nur ein Teil der Jugendstrafverfahren in einen Täter-Opfer-Ausgleich. Sei es, dass Beschuldigte nicht einsehen, worum es geht. Sei es, dass ein Opfer sich nicht in der Lage sieht, im selben Zimmer mit dem Peiniger zu sitzen: Es gibt ebenso viele Gründe fürs Scheitern wie fürs Gelingen.

Filiz Ablak sieht eine Versöhnung als ein mögliches Ziel – erzwingen lässt sie sich nicht. Auf beiden Seiten erzeugt die Tat und die dadurch entstandene Ungerechtigkeit Gefühle. Vielleicht lässt der Druck auf der Brust etwas nach am Ende des Ausgleichsgeprächs. Vielleicht gelingt Versöhnung – „in erster Linie mit sich selbst.“


Spenden für den Opferfonds

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist ein außergerichtliches Verfahren. §155a der Strafprozessordnung sieht vor: „Die Staatsanwaltschaft und das Gericht sollen in jedem Stadium des Verfahrens die Möglichkeiten prüfen, einen Ausgleich zwischen Beschuldigtem und Verletztem zu erreichen. In geeigneten Fällen sollen sie darauf hinwirken. Gegen den ausdrücklichen Willen des Verletzten darf die Eignung nicht angenommen werden.“

Die Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr mit Sitz in Waiblingen kümmert sich seit 1. Juli diesen Jahres um den Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendstrafverfahren, das heißt, die Beschuldigten sind maximal 21 Jahre alt. Die Fachstelle gehört zum Verein Sozialberatung Stuttgart.

Mittellose Beschuldigte können den Opferfonds nutzen, um einem Geschädigten Geld zukommen zu lassen als Wiedergutmachung. Zu diesem Zweck erhalten Beschuldigte aus dem Opferfonds ein zinsloses Darlehen. Sie können gemeinnützige Arbeitsstunden zu einem Stundensatz von sechs Euro leisten und auf diese Weise das Darlehen nach und nach abtragen.

Der Verein Sozialberatung Stuttgart bittet um Spenden und Zuweisung von Bußgeldern, um den Opferfonds mit entsprechenden Mitteln auszustatten.

Weitere Informationen zum Täter-Opfer-Ausgleich gibt’s unter www.sozialberatung-stuttgart.de.

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