Weinstadt-Strümpfelbach. 200 Helfer werden bei den Festtagen des Musikvereins Strümpfelbach mit anpacken – und zwar nicht nur Vereinsmitglieder. „Wir haben hier ein gutes Miteinander im Ort“, betont der Vorsitzende Rainer Fauth. Vier Tage werden sie feiern, inklusive Umzug mit 50 Gruppen, darunter 15 Kapellen. Immerhin steht der 125. Geburtstag an.

Akziser, Farrenhalter, Waldmeister: Unter solchen Wörtern können sich junge Leute heute erst was vorstellen, wenn sie den Begriff googeln. Es handelt sich um Berufe, die einige der Gründerväter des Musikvereins Strümpfelbach ausgeübt haben. Christian Wilhelm ist Akziser gewesen, sprich ein Steuereintreiber. Neben seiner Tätigkeit als Wirt der Traube hat sich Christian Mödinger als Farrenhalter um den Gemeindebullen gekümmert, der die Kühe im Dorf begattet hat. Und Wilhelm Schmid hat als Waldmeister gearbeitet – sprich als eine Art Förster. Sieben Männer sind als Gründer überliefert, sie haben 1888, im Dreikaiserjahr, den Musikverein Strümpfelbach aus der Taufe gehoben. Nicht ungewöhnlich für die Zeit, denn in einigen Nachbarorten hat es bereits Musikkapellen gegeben. Und mit dem Stuttgarter Instrumentenbauer Robert Barth haben die Strümpfelbacher gleich einen Lehrmeister gefunden. Er hat ihnen sozusagen die ersten Töne beigebracht.

„Jeder hat bei uns seinen Platz“

125 Jahre später blicken Vereinschef Rainer Fauth, Schriftführer Werner Äckerle-Dietz und der Ehrenvorsitzende Paul Halbisch auf eine stolze Geschichte zurück. Der Musikverein Strümpfelbach ist fest im Ort verwurzelt: Er veranstaltet mit dem jährlichen Kelterfest eines der wichtigsten Feste in Strümpfelbach, hat seit 1976 eine eigene Jugendkapelle mit aktuell 24 Kindern und seit 2001 ein eigenes Vereinsheim. Rund 70 Personen haben damals ehrenamtlich angepackt – und 3700 Arbeitsstunden geleistet. Etwa 300 Mitglieder hat der Verein derzeit, darunter auch eine sehr aktive Seniorengruppe, die sich immer am zweiten Mittwoch eines Monats zum Stammtisch im Vereinsheim trifft. „Wir haben für jedes Alter was zu bieten. Jeder hat bei uns seinen Platz“, sagt Rainer Fauth.

Die Vorbereitungen auf die großen Festtage vom 27. bis 30. September haben bereits vor zwei Jahren begonnen. Der Festumzug, die Musikkapellen, die rund 60 Seiten dicke Festschrift – all das will organisiert sein. Termine für Fotos mussten vereinbart werden. Nur bei der Suche nach altem Archivmaterial hat es der Musikverein zum 125. Geburtstag leicht gehabt – dank der Vorarbeit vor 25 Jahren. Der Ehrenvorsitzende Paul Halbisch kann sich noch gut daran erinnern, wie sie Ende der 80er Jahre quasi alle verfügbaren Dorfältesten von Strümpfelbach abgeklappert haben, um die Namen auf dem Gründerbild von 1888 zu ermitteln – mit Erfolg. „Uns ist es tatsächlich gelungen, alle Namen herauszufinden.“

Im Lauf der Jahrzehnte hat sich so einiges geändert. Lange war der Musikverein ein reiner Herrenclub – bis er sich dann in den 70er Jahren auch für Frauen geöffnet hat. Paul Halbisch ist froh darüber. „Das bereichert den ganzen Verein.“ Mit der Nachwuchsarbeit ist der Ehrenvorsitzende ebenfalls zufrieden. Vom Musizieren in der Gruppe, da ist Halbisch überzeugt, profitiert jedes Kind. „Da lernen sie, sich unterzuordnen – ohne es zu merken.“ Denn ein Orchester funktioniert nur, wenn jeder dem Dirigenten folgt. Zugleich versucht der Musikverein natürlich, ganz pädagogisch die Lust am Auftritt zu wecken. Der Jugendvorspielnachmittag am Samstag vor dem ersten Advent dient zum Beispiel dazu, auf der Bühne gemeinsam Spaß zu haben. „Unsere Einstiegsdroge ist die Blockflöte“, witzelt Rainer Fauth. Alle Registergruppen des Jugendorchesters treten einzeln auf und zeigen ihr Können. Im Publikum sitzen dann die Eltern, Großeltern und sonstigen Verwandten, sind mächtig stolz auf den Auftritt des Nachwuchses – und die Kinder haben ein Erfolgserlebnis, das anspornt.

Das Problem für den Musikverein beginnt eher im Alter zwischen 20 und 30. Berufswahl und Studium sorgen oft dafür, dass junge Erwachsene den Musikverein Strümpfelbach verlassen. So ist der Schwund beim Übergang von der Jugendkapelle zum großen Orchester relativ groß. „Es bleiben weniger als zehn Prozent“, sagt Schriftführer Werner Äckerle-Dietz.

Die vier Festtage, die jetzt anstehen, sind für den Verein sehr wichtig. Bekanntlich kosten Instrumente sehr viel Geld. Allein für eine halbwegs ordentliche Klarinette sind 1000 bis 2000 Euro fällig. Und eine Tuba kostet laut Rainer Fauth schnell mal 7000 bis 8000 Euro. Für Besserverdiener kein Problem – für viele andere Menschen aber schon. „Deshalb stellen wir als Verein die Instrumente.“ Genau damit ermöglicht es der Musikverein Strümpfelbach jedem Menschen, seiner Leidenschaft für Musik nachzukommen – unabhängig vom Einkommen. Wer also beim Musikverein sein Viertele trinkt, tut damit was Gutes.

Paul Halbisch hat schon einige runde Geburtstage seines Vereins erlebt. 1948, zum Sechzigsten, ist er 14 Jahre alt gewesen. Er wird dieses Fest nie vergessen – denn damals hat beim Fest des Musikvereins jeder gratis getrunken. Es fand vom 19. bis 21. Juni 1948 statt – mitten in der Umstellung von der Reichsmark auf die Deutsche Mark. Und weil so gut wie alle Strümpfelbacher nur das alte Geld hatten, verzichtete der Verein laut Halbisch kurzerhand aufs Kassieren. „Am Ende waren fünf Mark in der Kasse – einer hatte was gespendet.“