Weinstadt Die Burg hatte wohl keinen Turm

Weinstadt-Beutelsbach. Ja, an der Ruine Kappelberg gab’s tatsächlich eine Burg – doch für einen Turm spricht bislang wenig. Das sagt das Landesamt für Denkmalpflege. Verantwortlich für die dünne Faktenlage ist vor allem die Rebflurbereinigung Ende der 60er, bei der es nur eine Notgrabung gab. Die Archäologen hatten damals gerade mal zwei Wochen Zeit.

Es gibt kein lokalpolitisches Thema, das die Menschen in Weinstadt in den vergangenen Monaten so genervt hat wie der geplante Holzturm. Den wollen die Stadtverwaltung und eine Mehrheit des Gemeinderats auf der Burgruine Kappelberg errichten, um einen Hingucker für die Interkommunale Gartenschau im Jahr 2019 zu haben. Gestützt haben sich die Befürworter dieser Idee dabei auch auf historische Quellen, in denen von einem Turm die Rede ist. Wegen des großen Widerstands der Weinstädter veranstaltete die Stadt Mitte Dezember einen Infoabend, zu dem auch Dr. Martin Hahn vom Landesamt für Denkmalpflege eingeladen war. Er versuchte, den Zuhörern klarzumachen, dass die Faktenlage nicht so eindeutig für die Existenz eines Turms auf dem Kappelberg spricht, wie das mancher denkt. „Es könnte im dümmsten Fall der Kuhstall gewesen sein oder die Küche“, sagte Martin Hahn damals – was mancher im Gemeinderat und in der Stadtverwaltung als Angriff auf die Bedeutung Beutelsbachs als Wiege Württembergs sah. Das hatte Martin Hahn freilich nicht beabsichtigt. Ihm ging es nur darum, zugespitzt zu zeigen, wie viel Spekulation bei der Turmfrage mitschwingt. Und als Hauptkonservator und stellvertretender Referatsleiter im Landesamt für Denkmalpflege muss er nun mal an ein Thema mit kritischer Distanz herangehen: „Ich finde es immer besser, bei den Fakten zu bleiben.“

Auf Anfrage unserer Zeitung hat Martin Hahn für das Denkmalamt nun erneut Stellung genommen. Er legt klar dar, was für die Existenz eines Turms spricht und was nicht. Klar ist dabei nur eines: Es hat an der Stelle der heutigen Ruine Kappelberg tatsächlich mal eine Burganlage gegeben. Darauf deuten archäologische Funde aus den späten 60er Jahren hin. Doch die Ausgrabung verlief damals freilich nicht so, wie sich das ein Archäologe wünscht: Im Zuge der Rebflurbereinigung konnte Dr. Gerhard Wein im Auftrag des Bürgermeisteramts Beutelsbach und des Staatlichen Amts für Denkmalpflege Stuttgart nur eine Notgrabung vornehmen – für die er gerade mal 14 Tage Zeit hatte.

Wegen der Rebflurbereinigung gibt es wohl nicht mehr viel zu finden

Unter diesen Umständen war die Ausgrabung laut Martin Hahn noch sehr erkenntnisreich. So wurde unter anderem eine Bauinschrift mit der Jahreszahl 1252 gefunden. Aber schon diese konnte keinem bestimmten Burgteil zugeordnet werden, weil sie in einem Graben entdeckt wurde. Es war nicht die einzige Frage, die offenblieb. „Nach heutigem Erkenntnisstand würde eine weitergehende archäologische Untersuchung nur mit viel Glück neue Ergebnisse zeitigen, da aufgrund der umfassenden Planierungsarbeiten der Flurbereinigung weitere Funde wohl nicht zu erwarten sind.“

Anders als bei einem Fachwerkhaus ist es bei Mauerresten, wie sie Ende der 60er Jahre bei der Ausgrabung gefunden wurden, nicht möglich, das genaue Entstehungsjahr zu bestimmen. Allerdings können Experten den Zeitraum eingrenzen: Aufgrund des vielgestaltigen Steinmaterials und der nicht durchgehenden Lagerfugen spricht viel dafür, dass die Burg frühestens in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand. Noch wahrscheinlicher sogar erst im 14. oder 15. Jahrhundert. Fürs 13. Jahrhundert spricht laut dem Landesamt ein Steinmetzzeichen einer bogenförmig erneuerten Türöffnung im unteren Teil der Ruine – was sich auch an Feuerspuren im Sandstein erkennen lässt. „Wenn er brennt, verfärbt er sich rötlich“, erklärt Martin Hahn.

Mauern sind für einen hohen Turm nicht dick genug

Gegen die Existenz eines Wohnturms, wie er typisch für das elfte Jahrhundert war, spricht die Art des Mauerwerks. Für einen klassischen Bergfried (wie bei einer Burg der Staufer) ist die Mauer zudem zu dünn. „Das sind keine zwei Meter“, sagt Hahn beim Ortstermin an der Burgruine. Für einen hohen Turm sei eine mindestens drei Meter dicke Mauer nötig. Das heißt: Auch wenn wir auf der Burgruine einen quadratischen Raum vorfinden, heißt das noch lang nicht, dass hier ein Turm gestanden haben muss. Klar, eine Burg hat meistens einen Turm, aber es gibt laut den Denkmalpflegern keinen Beleg dafür, dass an dieser Stelle einer stand. „Die quadratischen Grundmauern lassen lediglich den Schluss zu, dass es sich hier um ein rechteckiges Steingebäude mit maximal zwei bis drei Geschossen gehandelt haben könnte.“

Heutige Rekonstruktion ist nicht originalgetreu

Die rekonstruierte Ruine, die in den 60er Jahren errichtet wurde, ist wissenschaftlich gesehen Unsinn. „Das ist reine Fantasie“, betont Martin Hahn. Zum Beispiel gibt es keinen Beleg dafür, dass in dem Gebäude mal ein Doppelbogenfenster existierte – trotzdem wurde eines gebaut. Viele Besucher bekommen so einen falschen Eindruck vermittelt. Martin Hahn würde es deshalb gutfinden, wenn die Bürger an der Burgruine über die zeitlich engen Umstände der Notgrabung und die Art der Rekonstruktion aufgeklärt werden.

Den Holzturm, den die Stadt Weinstadt an dieser Stelle nun plant, findet Martin Hahn vom Ansatz her gar nicht so schlecht. Weil eben jeder Betrachter sofort sieht, dass es sich um etwas Modernes handelt. Bei der jetzigen Burgruine ist das ja nicht der Fall. Sie täuscht quasi einen Originalzustand vor, der nicht gegeben ist. Doch eines findet Denkmalpfleger Martin Hahn am Entwurf der Stadt nicht gut – und das ist die Form. „Jeder, der das Holzgerüst sieht, sagt: Da war ein Turm.“

Stadt sammelt Ideen

Die Vorzeige-Projekte der Stadt für die interkommunale Gartenschau 2019 werden der Öffentlichkeit präsentiert – und zwar am Dienstag, 15. September, von 18 Uhr an in der Prinz-Eugen-Halle in Großheppach. Beim sogenannten Weinstädter Ideengarten ist Bürgerbeteiligung explizit erwünscht. Und da wird es logischerweise auch um den geplanten Holzturm auf der Burgruine Kappelberg gehen – denn der soll nach dem Willen seiner Befürworter die Menschen bei der Gartenschau nach Weinstadt locken. Um angesichts der Konkurrenz durch die 15 anderen Teilnehmerkommunen nicht unterzugehen.

Das Landesamt für Denkmalpflege erinnert in dem Zusammenhang erneut an jenen Vorschlag, den Martin Hahn für seine Behörde bereits in der städtischen Infoveranstaltung zum Holzturm im Dezember vorgetragen hat. Die Idee: Die historische Bedeutung eines Orts muss nicht immer durch ein Bauvorhaben hervorgehoben werden. Hahn favorisiert einen Wettbewerb unter Grafikern und Architekten, bei dem die Stadt weitere Ideen sammeln könnte. „Es muss nicht unbedingt was Gebautes sein. Da gibt es so ein breites Spektrum. Es würde sich lohnen, das Fass noch mal neu aufzumachen.“

Nun ist Martin Hahn ja im Juni von SPD-Stadtrat Wolf Dieter Forster (einem glühenden Turmbefürworter) in einer öffentlichen Sitzung des Technischen Ausschusses vorgehalten worden, dass er kein Archäologe sei, sondern ein – Zitat – „Sesselfurzer vom Amt“. In einem Punkt hatte Forster objektiv zweifelsohne recht: Martin Hahn ist tatsächlich kein Archäologe, sondern Denkmalpfleger. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Aussagen von Martin Hahn zur Burguine Kappelberg nicht kompetent sind, ist allerdings gewagt.

Denn Martin Hahn hat in seiner Behörde natürlich Experten um sich, zum Beispiel eine Mittelalterhistorikerin, mit der er ausführlich gesprochen hat. Ebenso wie mit Dr. Gerhard Wein, der in den späten 60er Jahren die Notgrabung an der Burgruine koordinierte. Als Denkmalpfleger ist es sein Job, auf Basis solcher Gespräche zu überlegen, wie mit einer Ruine umzugehen ist. Und bei der Frage, ob es einen Turm gab, kann Hahn auf Basis der Fakten nur eines sagen: „Das weiß keiner.“ Selbst kein Archäologe.

OB Oswald duckt sich weg
Kommentar von Bernd Klopfer

Monatelang hatte Oberbürgermeister Jürgen Oswald Zeit, in Sachen Burgruine für Aufklärung zu sorgen. Er hätte Stadtarchivar Bernd Breyvogel das Mandat erteilen können, sich öffentlich zu den historischen Fakten zu äußern. Damit die Bürger wissen, was für die Existenz eines Turms spricht und was nicht. Doch passiert ist nichts.

Was zur Folge hatte, dass Stadtarchivar Bernd Breyvogel und Pressesprecher Jochen Beglau im Juni im Technischen Ausschuss von Stadtrat Friedrich Dippon attackiert wurden. Ihnen wurde vorgehalten, sich nicht zu kümmern. Doch die beiden trifft keine Schuld. Verantwortlich ist zuerst der Oberbürgermeister. Er ist der Chef und muss solch ein kommunalpolitisch brisantes Thema wie die Turmdebatte anpacken. Bei Gegenwind muss ein OB präsent sein – und darf sich nicht wegducken. Bislang fährt Oswald einen anderen Kurs. Das verstehe, wer will.

Dr. Martin Hahn vom Landesamt für Denkmalpflege hatte ursprünglich vorgeschlagen, zum Pressetermin mit unserer Zeitung Stadtarchivar Breyvogel hinzuzuziehen. Das wäre sinnvoll gewesen, denn es geht um die Burgruine – und da muss die Stadt präsent sein. Es wäre auch ein Zeichen der Geschlossenheit gewesen. Nach dem Motto: Was die Fakten angeht, sind sich Stadt und Regierungspräsidium einig. Doch die Chance wurde von Oswald vergeigt.

Trotzdem steckt in jeder Krise auch eine Chance. Diese ganze Debatte um den Holzturm hat zumindest dafür gesorgt, dass wir uns wieder mehr mit der Geschichte von Beutelsbach beschäftigen. Mitte September wird es eine Bürgerinformationsveranstaltung zu den Gartenschauprojekten geben – und da wird es auch um den geplanten Holzturm gehen. Es ist die letzte Chance für OB Oswald, das Thema offensiv anzupacken.

  • Bewertung
    2
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!