Weinstadt Diesel-Fahrverbot kommt Endersbacher Firma teuer

Albrecht Rühle betreibt das Unternehmen Rühle Brennstoffe inklusive der Tankstelle Rühle in Endersbach. Foto: Habermann/ZVW

Weinstadt-Endersbach. Ein neuer Tanklaster, ein neues Geschäftsauto, ein leistungsstarker Rußfilter für den kompakten Tankwagen: Das Diesel-Fahrverbot hat Albrecht Rühle eine Stange Geld gekostet, noch ehe es am Dienstag in Kraft getreten ist. Der Endersbacher Brennstoffunternehmer liefert unter anderem Heizöl an Kunden in Stuttgart. Er sieht sich nun gerüstet – doch am Sinn des Verbots hat er seine Zweifel.

280 000 Euro hat Albrecht Rühle über die vergangenen drei Jahre in einen modernen Fuhrpark und ein neues Geschäftsbusle investiert. Der Bus und sein neuester Tanklastwagen, ein Jahr alt, erfüllen nun die Abgasnorm Euro-6, der zweite, drei Jahre alt, die Norm Euro-5.


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Gut, dass er sie schon besitzt: Der Aufbauhersteller, der die Großfahrzeuge für den Endersbacher Unternehmer angefertigt hat, ist Rühle zufolge für das Jahr 2019 komplett ausgebucht. Ihren Fuhrpark aufzurüsten scheint für so manche Firma das Gebot der Stunde zu sein.

Rühle hat Kunden und ein Tanklager in Stuttgart

Rühles dritter Tankwagen ist 22 Jahre alt und dank eines Rußpartikel-Filters „total sauber“, schließt Rühle seine Aufzählung. Dieses treue Gefährt erfüllt nur die Euro-2-Norm. Ausrangieren will Rühle es trotzdem nicht. Denn nur dieser Laster lässt sich auf engen, zugeparkten Straßen oder kleinen Anlieferflächen einsetzen.

Und da könnten die Probleme beginnen. Denn just diesen kompakten Tankwagen braucht Rühle, um das Notstromaggregat des Stuttgarter Marienhospitals und einen Kunden auf dem Killesberg mit Brennstoff zu beliefern. Ob er hier die Ausnahmeregelung für gewerblichen Warentransport geltend machen und eine Sondergenehmigung erwirken kann, bleibt abzuwarten. Auch ob es Strecken gibt, bei denen der Lieferverkehr allgemein freigegeben ist, muss er nun klären. Und nicht zuletzt, welche Regelungen künftig für den Stuttgarter Hafen gelten. Dieser liegt innerhalb der Stadtgrenzen, ergo innerhalb des Sperrgebiets. Die Hälfte seiner Brennstoffe bezieht Rühle von dort aus einem Tanklager.

Ausweichrouten hat er schon parat

Doch abgesehen von diesen Fragen sieht Rühle den kommenden Monaten gelassen entgegen. Die meisten seiner Kunden in Stuttgart kann Rühle mit seinen beiden neuen Tanklastern beliefern, weitere Kunden hat er beispielsweise auf den Fildern und verteilt im Rems-Murr-Kreis.

Ausweichrouten um Stuttgart herum hat er schon parat, denn schon seit längerem gilt dort ein allgemeines Durchfahrtsverbot für Lastwagen. Dieses bewirkte, dass Lkw-Fahrer von der Bundesstraße 14 aus nur den Weg zum Pragsattel oder den Weg über die B 10 in Richtung Esslingen und Autobahn A 8 einschlagen konnten, erklärt er. Spätestens bei Stau hieß es dann: ausweichen. Nun wird Ausweichen zur Regel. Zum Beispiel dann, wenn Rühles Fahrer Waren aus Karlsruhe nach Weinstadt transportieren. Von dort stammt die andere Hälfte der vielen Millionen Liter Heizöl und Benzin, die Rühle mit Lastern und an seiner Tankstelle vertreibt.

"Das ist beschissen, aber was bleibt mir anderes übrig?"

Vor Stuttgart können die Fahrer in Richtung Ludwigsburg abbiegen. Über Kornwestheim und Waiblingen-Hegnach erreichen sie Weinstadt. „Das ist beschissen, aber was bleibt mir anderes übrig?“ Deutliche Worte. Möge Hegnach trotz der Beschwerden der Anwohner (wir berichteten) nie für Lastwagen gesperrt werden, hofft er – denn sonst weiß er nicht, welche Route ihm noch bleibt. Womöglich nur ein kreisrunder Umweg um Stuttgart über Plochingen und Esslingen.

Immer größere Umwege: Diese Aussicht nährt Rühles Zweifel am Sinn des Fahrverbots. Er fragt sich, wie viel sich effektiv verbessert, wenn der Verkehr sich nur verlagert. Routen verlängern sich dadurch, entsprechend mehr Reifenabrieb und Auspuffgase sind zu erwarten. Ausweichrouten werden stärker be- und womöglich überlastet. Ganz zu schweigen von den längeren Fahrzeiten für die Fahrer. Wer dadurch zu lange unterwegs ist, muss wegen der Ruhezeiten auf Rastplätzen übernachten. Dient das wirklich dem atmenden Menschen oder nur den Messwerten?

Ganz grundsätzlich fragt er sich deshalb, ob die stete technische Weiterentwicklung von Autoherstellern auf Dauer nicht besser wirkt. Schließlich hat sie bereits aus rußspeienden Kisten deutlich sauberere Fahrzeuge gemacht. „Wenn ich daran denke, was unsere Laster schwarz geraucht haben ... Es ist nicht alles so schlecht.“

Und nicht zuletzt fragt er sich, ob der Fokus aufs Auto nicht zu verengt ist. Kurzstreckenflüge, Kreuzfahrten: „Sind solche Dinge wirklich auch nötig?“


... und die Tankstelle?

Rund fünfzig Prozent der Treibstoff-Einnahmen an der Tankstelle Rühle macht der Diesel-Verkauf aus.

Albrecht Rühle erwartet Absatzminderungen, aber keine enormen Einbußen. Da in seinem direkten Umfeld Speditionen und Handwerker ansässig sind, geht er von einer weiterhin hohen Abnehmerzahl aus.

Wie genau sich der Treibstoff-Markt kurz- und langfristig entwickelt, wagt er nicht vorauszusagen. „Ich denke, das wird sich auf jeden Fall verschieben.“ Er vermutet, dass es auf einen Energie-Mix hinauslaufen wird: eine Mischung aus Elektro-Antrieb, Gas, Benzin, womöglich Wasserstoff – und auch Diesel.

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