Weinstadt Ein Weltmeister unterrichtet die Tangofreunde

Er wurde 2003 Vize-Weltmeister in Buenos Aires und 2006 Weltmeister in Tokio: Tangotänzer Enrique Grahl gehört zu den Könnern seiner Kunst. Im ehemaligen Sängerheim in der Brunnenstraße 5 in Schnait zeigt er seinen Schülern jeden Mittwochabend, was den Tango von anderen Tänzen unterscheidet. Foto: Palmizi / ZVW

Weinstadt. „Es ist eine Kunst – eine Körpersprachekunst“: Das Reizvolle am Tango ist für Enrique Grahl, dass ihn alle auf der Welt miteinander tanzen können – und zwar genau deshalb, weil er nicht standardisiert ist. Der Weltmeister von 2006 unterrichtet nun auch in Schnait – bei den erst 2018 gegründeten Tangofreunden Weinstadt, die wir für die Serie „Unser Verein“ vorstellen.

„Das Wichtigste ist die innere Präsenz – die kriegen wir nur, indem wir uns strecken“: Enrique Grahl steht auf den Zehenspitzen und beugt seinen Kopf nach hinten. Um ihn herum sind fünf Tanzpaare versammelt, die seine Darbietungen mit ihren Augen aufmerksam verfolgen: drei erwachsene Paare, ein jugendliches Paar und ein Junge mit einer Frau. Es ist Mittwochabend im ehemaligen Sängerheim des inzwischen aufgelösten Schnaiter Silchervereins, das der neue Eigentümer Jürgen Stahl zu einem Bürgerhaus machen möchte. Seit vergangenem Jahr veranstalten dort die Tangofreunde Weinstadt einmal pro Woche ihre Tanzstunden – und alles fing damit an, dass die Vorsitzende eine alte Liebe wiederentdeckte: den Tango.

„Ein 14-Jähriger will natürlich nicht mit seiner Mutter Tango tanzen“

20 Jahre war Kerstin Suhrborg jung, als sie bei Tangotänzer Enrique Grahl einen Kurs besuchte. Der Weltmeister von 2006 und Vizeweltmeister von 2003 stammt aus einer deutschen Familie, die für fünf Generationen in Argentinien lebte, dem Ursprungsland des Tangos, ehe sie zu Zeiten der Diktatur in die Bundesrepublik zurückkehrte. Als Kerstin Suhrborgs Sohn Max auf die Welt kam, war erst mal Tango-Pause angesagt – bis die Weinstädterin 15 Jahre später, im Frühjahr 2018, bei ihrem alten Stuttgarter Trainer wieder loslegte. „Ich fühle mich seitdem viel jünger.“

Kerstin Suhrborg überzeugte auch ihren Sohn, mitzumachen. „Ein 14-Jähriger will natürlich nicht mit seiner Mutter Tango tanzen“, sagt sie und lacht. Doch auch dieses Problem ließ sich schnell lösen: Max tanzte einfach mit Natalie, der Schwester seines besten Freundes. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass alle für die Tanzabende nicht mehr nach Stuttgart fahren mussten. Natalie machte nämlich viel Werbung – und bald hatten sie die fünf Tanzpaare aus Weinstadt beisammen.

Feste Schrittfolge hilft beim Tango nicht weiter

„Beim Tango gibt es keine Standardisierung“, sagt Enrique Grahl. Entstanden ist er Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien, einem Schmelztiegel der Kulturen für Menschen von verschiedenen Kontinenten. Tango ist für Enrique Grahl ein Tanz, bei dem zwei Menschen miteinander durch ihre Körper kommunizieren und aufeinander eingehen.

Wer zum Beispiel eine offene Handfläche zeigt, wirkt einladend, eine Faust steht dagegen eher für Aggressivität. Eine feste Schrittfolge, die einfach nur auswendig gelernt werden muss, hilft beim Tango nicht weiter. Wer aber zwei, drei Kurse besucht hat, dem verspricht Enrique Grahl, dass er wirklich mit jedem Menschen auf der Welt Tango tanzen kann – unabhängig davon, wo und bei wem diese Person gelernt hat.

Alle fünf Paare, die an diesem Mittwochabend im ehemaligen Schnaiter Sängerheim dabei sind, haben sich übrigens schick gemacht. Es ist kein Muss bei einem Kurs, aber Weltmeister Enrique Grahl kann es nur empfehlen. Tango ist eben auch eine Frage der Optik. Männer sollten am besten Lackschuhe tragen, Frauen Schuhe mit Absätzen. „Wenn du auf High Heels elegant die Kurve kriegst, sieht es besonders gut aus.“

„Frauen lieben Männer, die tanzen“

Frauen für einen Tangokurs zu begeistern ist nach Kerstin Suhrborgs Erfahrung nicht das Problem. Schwieriger ist es, genug Herren zu finden. Unmöglich ist es aber nicht, wie die Vereinsvorsitzende selbst bewiesen hat: Sie hat neben ihrem Sohn auch ihren Mann mit ihrer Leidenschaft angesteckt. „Frauen lieben Männer, die tanzen. Das macht einen Mann total attraktiv, wenn er tanzen kann.“


Neue Tänzer sind jederzeit willkommen

Fünf Paare kommen im Moment zu den Tanzstunden im ehemaligen Sängerheim in der Brunnenstraße 5 in Schnait. Wer reinschnuppern will, kann einen Basiskurs für Tango-Anfänger wählen, der am 30. Januar startet und bis 27. Februar geht. Die fünf Kursabende kosten insgesamt 60 Euro und finden immer mittwochs von 18.30 Uhr bis 19.30 Uhr statt.

Der Aufbaukurs für Tänzer mit Vorkenntnissen beginnt am selben Tag, nur etwas später, nämlich um 19.30 Uhr (Dauer: eineinhalb Stunden). Kosten für fünf Abende: 92,50 Euro pro Person. Mitmachen kann jeder, unabhängig vom Alter.

Unterrichtet werden alle von Enrique Grahl, der 2006 Tango-Weltmeister in der Stilrichtung Salon wurde.

Interessierte müssen sich vorab bei Kerstin Suhrborg, der Vorsitzenden der Tangofreunde Weinstadt, unter 01 70/4 56 39 84 melden.

Der Verein wurde im April 2018 gegründet und besteht derzeit aus zehn Mitgliedern. Momentan muss noch kein Mitgliedsbeitrag bezahlt werden. Angedacht ist jedoch, bald einen zu erheben. Im Gegenzug sollen die Tango-Kurse dann für Mitglieder etwas preiswerter angeboten werden.

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