Weinstadt-Endersbach 30 Jahre Mauerfall: "Das Ende der DDR war ein Wunder"

Jörg und Jenny Peinelt in ihrem Garten in Endersbach. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Kinder, die in der Grundschule Panzer malten; Jobs, die man nur bekam, wenn man Parteimitglied der SED war; ein von Staats wegen völlig kontrolliertes Leben. Irgendwann war klar für Jörg und Jenny Peinelt, dass sie in der DDR keine Zukunft für sich sahen. Ihren ersten Ausreiseantrag stellten sie 1986. Er wurde abgelehnt. Sie gaben nicht auf. Mit zwei Koffern und einem Kinderwagen verließen sie im Juni 1989 ihre Heimatstadt Gotha. Fünf Monate später fiel die Mauer.

Es müssen eindringliche Jahre gewesen sein. Denn mehr als 30 Jahre später haben die beiden, die heute in Endersbach leben, die Ereignisse noch vollkommen präsent. 1986 haben sie ihren ersten Ausreiseantrag gestellt. Als offizielle Begründung gaben sie die gewünschte Familienzusammenführung mit einer Tante in Böblingen an. Das sei damals die einzige Begründung gewesen, die vom Staat einigermaßen akzeptiert wurde. Trotzdem verlor Jenny Peinelt ihre Arbeit sofort. Die gelernte Kartografin hatte Armeekarten hergestellt und musste auf der Stelle ihren Schreibtisch räumen. Ihr Mann wurde in seiner Firma vom Abteilungsleiter zum normalen Mitarbeiter runtergestuft. „Mit einem Schlag hatten wir existenzielle Sorgen“, sagt er. „Ich habe viel weniger verdient, meine Frau gar nichts mehr. Arbeitslosengeld gab es in der DDR ja nicht.“

Aufgeben kam für die Familie nicht infrage. Langsam hätten sie angefangen, ihre Möbel zu verkaufen, erzählt Jenny Peinelt: „Für uns gab es kein Zurück.“ Doch die Schikanen nahmen zu: Urlaub machen in Ungarn, wohin DDR-Bürger offiziell ohne Visum reisen durften, war für sie plötzlich tabu. Die sogenannte „Reiseanlage zum visafreien Reiseverkehr“, die DDR-Bürger beantragen mussten, wurde ohne Begründung abgelehnt. Stattdessen fuhren sie in die Tschechoslowakei. An der tschechischen Grenze seien sie versucht gewesen, aufs Autodach zu steigen und über den Grenzzaun zu springen. „Aber es gab auch dort Türme und Wachen“, erzählt Jenny Peinelt. „Da haben wir Abstand genommen.“

Es war ein Tanz auf dem Drahtseil

Stattdessen machten sie einen zweiten Versuch. Diesmal beantragten sie die Familienzusammenführung in Australien, weil dort ein Onkel lebte. Der Onkel in Australien bürgte für sie. Das Verfahren zog sich hin. Jedes Vierteljahr mussten sie aufs Amt, ihre Personalausweise auf den Tisch legen und die Gründe für den Ausreiseantrag darlegen. „Es war ein Tanz auf dem Drahtseil“, erinnert sich Jörg Peinelt. Ein falsches Wort, und sie hätten in großen Schwierigkeiten gesteckt. „Aber wir wussten, wir wollten weg. Wir wollten mit den politischen Verhältnissen und der Unfreiheit nichts mehr zu tun haben.“ Die Situation spitzte sich zu, als Jörg Peinelts Mutter in den Westen gehen wollte. Für Rentner waren Reisen erlaubt, sagt Jörg Peinelt. Seine Mutter sei von der Polizei aber verhört worden. Er selbst wurde für kurze Zeit verhaftet.

Sie setzten alles auf eine Karte, eine Woche des Zitterns begann1988 bekamen sie Post aus Australien – mit den Einwanderungspapieren, die sie ausfüllen sollten. Die Konsequenzen ließen nicht auf sich warten: Sie verloren ihre Staatsbürgerschaft und bekamen einen Staatenlosenpass. Dann nach einem Jahr, endlich, im Frühjahr 1988 das lang ersehnte Ausreisevisum – eingestempelt für ein halbes Jahr. „Doch dann“, sagt Jörg Peinelt, „haben die Australier gesagt, das Kontingent ist voll.“ Die Enttäuschung war abgrundtief. „Wir haben geweint“, sagt seine Frau. Trotzdem: Aufgeben kam für sie wieder nicht infrage. Sie setzten alles auf eine Karte. Vor den offiziellen Sachbearbeitern behaupteten sie kühn, ihr Fall werde an der australischen Botschaft in Bonn weiterverhandelt und dass sie dort hinmüssten. „Sie sagten, kommen Sie in einer Woche wieder.“ „Es war eine Woche Zittern“, erinnert sich Jenny Peinelt. Sie verschenkten die restlichen Möbel – die Zeit in der DDR, sie war für sie irgendwie schon abgeschlossen. Als ihr Mann eine Woche später am Samstag vom Amt zurückkam, hatte er eine Flasche Sekt dabei: Sie durften ausreisen. Die Freude war unermesslich.

"Sie hatten Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden"

Danach blieb ihnen gerade noch das Wochenende, um ihre Angelegenheiten zu regeln und sich von Freunden und Familie zu verabschieden. Ein Abschied, von dem sie dachten, dass er für immer sei. Mit einem Spanferkel und einem Fass Bier hätten sie am Abend ein Fest gefeiert, erzählt Jörg Peinelt. „Mit 40 Leuten, von denen sich später drei als Zuträger der Stasi rausstellten.“ Was sie heute aber auch wissen: „Die wurden erpresst“, sagt Jenny Peinelt. „Sie waren bei einem Fluchtversuch festgenommen worden und hatten Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden.“

Am Montag nahm die Familie den Zug in den Westen - mit zwei Koffern, einer Reisetasche und einem Kinderwagen. „Du denkst nicht an die Konsequenzen. Alles fällt auf einmal ab“, sagt Jörg Peinelt. Als sie im falschen Zug saßen, umsteigen mussten, aber keine D-Mark für die Fahrkarte hatten, half ihnen ein Zugbegleiter bei der Weiterfahrt. Am Ende des Tages standen sie mit ihren Kindern am Gleis und wussten nicht, wohin – aber sie hatten es geschafft. Vom Auffanglager in Gießen kamen sie nach einer Woche nach Rastatt und dann nach Radelstetten bei Schwäbisch Gmünd. In der DDR hatte sich Jörg Peinelt mit Learning by doing IT-Kenntnisse angeeignet. Beim Arbeitsamt in Gmünd machte man ihm keine Hoffnung, damit in diesem Bereich eine Stelle zu finden. „Bewerben Sie sich als Fahrer“, riet man dem studierten Verkehrsingenieur. Der nahm stattdessen Kontakt mit einer Stuttgarter Firma auf - und bekam den Job in der IT.„Von da an ging es bergauf“, sagt Jenny Peinelt, und ihre Augen leuchten.

"Da sind Tränen geflossen"

Schon am 1. November hatten sie eine Wohnung in Lorch. Der kleine Sohn bekam einen Platz im Kindergarten, die Tochter kam in die Realschule. Zeugnisse hatten sie keine mitgebracht - die waren dem Kind in der DDR vor der Ausreise verweigert worden. Noch heute erinnert sich Jenny Peinelt an den freundlichen Schulleiter in Lorch, der sie beraten hatte. Überhaupt seien sie überall gut betreut worden. An manches mussten sie sich gewöhnen – etwa an die kurzen Kita-Öffnungszeiten –, fremd gefühlt hätten sie sich nie. Heute sagt Jenny Peinelt: „Wir hatten einen Schutzengel.“

Am 9. November saßen sie in ihrer kleinen Wohnung in Lorch. Ein Tisch, ein Campingkocher, Matratzen im Schlafzimmer und ein gebrauchter Fernseher, aus dem sie die Nachricht erfuhren: Die Mauer ist gefallen. Am selben Tag setzte sich Jenny Peinelts Bruder in seinen Trabi und kam um Mitternacht bei ihnen an: „Ich dachte, ich sehe meine Familie nie wieder. Da sind Tränen geflossen.“

Heute sagen sie: „Die Ereignisse waren wie eine Lawine. Aber wir haben es als deutsches Volk geschafft, das friedlich über die Bühne zu bringen.“ Der Fall der Mauer sei nie abzusehen gewesen, auch wenn die Unruhe vor dem Ende der DDR groß war. Von einem Wunder spricht Jörg Peinelt, zu dem sie einen kleinen Beitrag geleistet hätten. Ein paar Wochen nach dem Mauerfall sind Jörg und Jenny Peinelt mit ihrem ersten Auto zu Besuch in die DDR gefahren. An der Grenze seien die gleichen Leute gestanden. „Sie lächelten.“

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