Weinstadt Fairchoice-Zertifikat für Weingut Ellwanger

Sven, Yvonne und Bernhard Ellwanger. Foto: Büttner / ZVW

Weinstadt. Manchmal lässt sich’s nicht verhindern: Den größten Batzen im CO2-Fußabdruck der Großheppacher Ellwangers machen, nein, nicht die Trecker-Fahrten zu und in den Weinbergen aus. Es sind die Glasflaschen. Wie aber soll ein Weingut ohne Glasflaschen existieren? Die Ellwangers mussten also andere Möglichkeiten finden, um bei der Fairchoice-Zertifizierung zu punkten. Sie haben es geschafft. Was aber bitteschön ist denn „Fairchoice“?

Das Weingut Bernhard Ellwanger, längst sind auch die Kinder Sven und Yvonne mit dabei, füllt in Flaschen aus deutschen Glashütten – da ist zumindest mal der Transportweg nicht so weit. Und so sind sie trotz der Unabänderlichkeit bei der Fairchoice-Zertifizierung überall im grünen Bereich. Zum dritten Mal inzwischen. Die Ellwangers sind stolz drauf, sagen, dass da ein Berg Arbeit drinsteckt, dass aber so eine regelmäßige Zertifizierung auch dafür sorgt, dass die Arbeit nicht liegenbleibt und sich zu noch größeren Bergen anhäuft.

Aber wer kennt schon Fairchoice? Bioland, Demeter, alles längst ein Begriff, längst Synonym für Produkte, die der bewusste Verbraucher mit bestem Gewissen kaufen kann. Aber Fairchoice? Nein, sagt Sven Ellwanger, sein Betrieb ist nicht bio. Obwohl vieles von dem, was in seinem Wengert Gesetz ist, so auch in jedem Bio-Betrieb gemacht wird. Glyphosat? Gibt’s nicht. Düngen? Nur organisch. Aber am liebsten so, dass zwischen den Reben die Wicken, der Klee und die Luzerne wachsen. Die Pflanzen holen sich den Stickstoff aus der Luft, binden ihn und wenn sie dann in die Erde gearbeitet werden, geben sie ihn nach dem Verrotten an die Weinstöcke ab.

„Wir leben von der Natur; wir müssen mit der Natur leben“

Ja und warum jetzt nicht bio? Wer bio anbaut, sagt Sven Ellwanger, darf vieles nicht. Zum Beispiel ein Fungizid zur Pilzbekämpfung spritzen. Wer bio anbaut, darf nur BioZugelassenes spritzen. Und das heißt oft fahren, fahren, fahren. So viel fahren aber beißt sich irgendwie doch auch wieder mit bio, oder? Vater Bernhard Ellwangers Steckenpferd sind deshalb auch die pilzwiderstandsfähigen Weinsorten. „Piwi“ ist der Vermarktungsbegriff und wo bei alten Sorten sieben- bis sogar 15-mal gegen die Pilze gespritzt werden muss, reichen hier zwei Fahrten. Da freuen sich auch Biobauern. Denn das senkt den Dieselverbrauch und schont den Boden. So ein Trecker bringt schließlich Gewicht auf die Scholle. Das ist ökologisch. Und ökonomisch. Bio und nicht-bio rücken zusammen - Schritt für Schritt und mit dem liebevoll-sorgenden Blick auf das, was den Wengertern seit je die Lebensgrundlage ist. Die Weinberge und ihre Lagen sind seit Hunderten von Jahren dieselben geblieben, man dürfe, sagt Bernhard Ellwanger, nicht das Maximale rausholen. „Wir leben von der Natur; wir müssen mit der Natur leben.“

Der ganze Betrieb wird durchleuchtet

Bei Fairchoice geht’s eigentlich um alles. Fairchoice heißt „ökologisch verträgliche, sozial gerechte und wirtschaftlich tragfähige Produktion und Vermarktung“. Wer Fairchoice will, muss seinen ganzen Betrieb durchleuchten lassen: „Ein sinnvoller Unternehmensgewinn ist zwingend erforderlich“, heißt es in den ökonomischen Richtlinien. Bei den sozialen Richtlinien wird gefordert: „Der Betrieb investiert je nach seinen Möglichkeiten in Umwelt-, Sozial-, Gesundheits-, Kultur-, oder Bildungsprojekte“. Und: „Der Betrieb bildet aus“. Oder: „Der Arbeitgeber verhindert die Überlastung einzelner Mitarbeiter und schafft Bedingungen zur Reduzierung von Stress am Arbeitsplatz, was auch für den Betriebsleiter und Familienmitglieder gilt.“ Die nämlich – nein, werden nicht oft vergessen, sie vergessen sich oft selbst. Die Löhne erfüllen im Übrigen „mindestens den gesetzlichen Tariflohn des Landes. Die Saisonarbeitskräfte erhalten mindestens den festgelegten Lohn von 7 Euro pro Stunde“.

Ein Gutachter nimmt den CO2-Fußabdruck des Weinguts, bilanziert den Wasserverbrauch, der Strom soll bevorzugt aus regenerativen Quellen stammen. Der Einsatz von Insektiziden jeglicher Art ist grundsätzlich verboten. Dem Traubenwickler kommen die Ellwangers mit der längst überall bekannten Pheromonfalle bei. Die Kirschessigfliege verlangt Handarbeit: Der Schädling mag’s gern kuschelig, also müssen die Blätter rund um die roten Trauben weggezupft werden.

Selbst Putzmittel fließen in die Bewertung ein

Der Boden wird gehegt und gepflegt, begrünt, nur schonend bearbeitet. Sven Ellwanger tüftelt für seine engen Steillagen gerade an Maschinen, denn da gibt’s nichts Passendes von der Stange zu kaufen. Obstbäume, Wildkräuter, Windschutzhecken, kleine Biotope, Nistkästen und Vogelsitzstangen – dafür findet er auch noch Plätzchen in seinen Weinbergen.

Die Arbeit im Haus verlangt nach gerade so viel Muskelschmalz, wie die draußen: Geputzt wird mit „mechanischen Mitteln“, Chlorhaltiges geht gar nicht – Schmierseife oder Essig- und Zitronensäure sind in Ordnung.

Ja und dann, wenn endlich alles fertig ist, muss der Wein auch noch an die, die ihn trinken. Möglichst umweltfreundlich natürlich, Verpackungen bitteschön aus nachwachsenden Rohstoffen, möglichst noch mit dem Blauen Engel oder dem FSC-Zeichen versehen. Und der Transport? Tja, ganz CO2- und Energie-neutral wäre der kleine Spaziergang. Doch kämen nur die, die den tun können, würden die Ellwangers nicht überleben. Da spricht also die Ökonomie dagegen. Und gegen den Geist der Zeit kommen die Ellwangers auch nicht an: Sie haben einen Internet-Shop und sie verschicken bis Australien und Japan. Manche Dinge lassen sich einfach nicht ändern. Andere aber eben schon.


Fairchoice

Das Fairchoice-Zertifikat gibt es seit 2010. Das Deutsche Institut für nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Heilbronn steht dahinter, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat es gefördert.

Das Programm umfasst 44 pragmatische, messbare und für die Weinerzeugung relevante Kriterien aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Für die Zertifizierung müssen Mindestanforderungen erfüllt werden, aber die Kriterien müssen nicht von Beginn an komplett erfüllt werden. Wer noch nicht überall auf dem Stand ist, wird alle Jahre überprüft, ist alles im grünen Bereich, wird nur noch alle drei Jahre neu zertifiziert.

Bislang ist die Anzahl der zertifizierten Weingüter überschaubar: Sieben sind es laut Homepage, darunter neben den Ellwangers zum Beispiel das staatliche Weinbauinstitut Freiburg und das Staatsweingut Meersburg. Allerdings gibt es noch ein zweites Label, „Fair’n green“, das sehr ähnliche Ansätze und Kriterien hat.

  • Bewertung
    9
 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
    Kommentare werden vor der Veröffentlichung auf der Seite geprüft. Es gelten unsere Kommentarregeln. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden nicht veröffentlicht.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!