Weinstadt Gotthilf Fischer feiert 90. Geburtstag

Gotthilf Fischer – Chorleiter aus Leidenschaft. Foto: Klopfer / ZVW

Weinstadt. Er ist der wohl berühmteste Weinstädter, trat mit seinen legendären Fischer-Chören bereits vor dem Papst und dem US-Präsidenten auf. Am Sonntag feiert Gotthilf Fischer seinen 90. Geburtstag. Noch heute leitet er mit großer Leidenschaft Menschen an, die gerne singen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über den Trubel um seine Person, eine singende Chauffeurin und darüber, was ihn von Dieter Bohlen unterscheidet.

Es gibt Menschen, die hassen Geburtstage und wollen sich am liebsten verkriechen. Nach dem Motto: Ich bin gar nicht da, ich will auch nichts geschenkt – und auf spontane Überraschungsfeiern habe ich schon gleich dreimal keine Lust. Gehören Sie zu diesen Geburtstagsmuffeln?

Eigentlich nein. Aber wenn wochenlang vorher schon ziemlich Trubel ist, bin ich für einen ruhigen Geburtstag sehr dankbar.

Rund um Ihren 90. Geburtstag sind Sie ziemlich ausgebucht. Wie bewältigen Sie den Trubel?

Dieser Trubel belebt mich und macht mich dankbar und froh. Und da mein Beruf mein Hobby ist, macht er auch mit 90 noch Spaß.

Gurgeln Sie täglich mit Salbeitee? Gehen Sie jeden Tag eine halbe Stunde spazieren? Oder liegt das Geheimnis für Ihr langes Leben auf dem Boden eines Vierteles? Wir sind gespannt, Herr Fischer: Verraten Sie uns bitte Ihre Tipps, wie Sie sich fit halten.

Rechtzeitig meine Termine zu erreichen hält mich fit. Und ich schwöre auf bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, die mich vital und jugendlich halten.

Sie sind ein Verfechter des deutschen Liedes und wünschen sich schon lange, dass Zeitungen Ihren Lesern jeden Tag ein Lied des Tages vorstellen. Gibt es eigentlich irgendeine Gelegenheit, bei der Sie es nicht ertragen, wenn jemand singt?

Oh ja, wenn meine Chauffeurin auf einer Tausend-Kilometer-Fahrt vom Start bis zum Ziel singt, schlafe ich aus lauter Verzweiflung.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten, Ihre Chorproben würden sich für Außenstehende wie Darbietungen eines „Quietschvereins“ anhören?

Sagen die Menschen so etwas?

Stellen Sie sich vor, Dieter Bohlen würde anrufen und Sie als Juror für die RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ anwerben. Hätten Sie Lust, über das Talent von Nachwuchssängern zu urteilen?

Ich war schon in vielen Jurys und wollte immer allen helfen, eigne mich also mehr zum guten Onkel.

Im Gespräch mit der Waiblinger Kreiszeitung haben Sie 2016 gesagt, dass Sie bei Chorproben immer etwas Verblüffendes feststellen – nämlich dass die Menschen dabei 20 Jahre jünger aussehen. Trifft das auch auf den Chorleiter selbst zu?

Wie man sieht, oder?!

Mit dem Alter rückt natürlich auch das Thema Tod immer näher. Anfang 2013, kurz vor Ihrem 85. Geburtstag, trafen wir Sie in Weinstadt – und Sie wirkten sehr nachdenklich. An Weihnachten, sagten Sie damals, seien Sie nicht in Weinstadt, sondern im Hotel Dollenberg im Schwarzwald, dort, wo um jene Zeit oft die seien, „die keine Frau mehr haben und keine Familie.“ Rund vier Jahre zuvor, am zweiten Weihnachtsfeiertag 2008, ist Ihre geliebte Frau Hildegard gestorben, an den Folgen eines Gehirnschlags. Was vermissen Sie an Ihr – und was würden Sie ihr gerne noch sagen?

Sie war immer gleich gut gestimmt in guten wie in schlechten Zeiten und auch heute noch ist sie bei mir: Ich rede jeden Tag mit ihr.

Unsere vorherige Frage war sehr persönlich. Gerade Prominente müssen sich sehr oft sehr private Dinge fragen lassen. Nicht selten werden Journalisten von Menschen, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen, als nervig empfunden. Welche drei Fragen von Journalisten an Gotthilf Fischer wollen Sie nicht mehr hören?

Also, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich kenne keine Journalisten, die mich nerven, warum auch?

Mit Sicherheit ist Ihnen diese Frage schon oft gestellt worden, aber wir können Sie Ihnen leider nicht ersparen. Also: Wie werden Sie Ihren 90. Geburtstag feiern?

Den Tag selbst verbringe ich im kleinsten Kreis. Danach feiern mich meine Chöre während der täglichen Chorproben, das heißt, eine Woche lang werde ich geehrt. Und dann ist es auch gut.

Herr Fischer, vielen Dank für das Interview und herzlichen Glückwunsch!

„Da mein Beruf mein Hobby ist, macht er auch mit 90 noch Spaß“


Weltberühmt ohne musikalische Ausbildung

Gotthilf Fischer wurde am 11. Februar 1928 in Plochingen geboren. Er ist der Sohn eines Zimmerermeisters, der in seiner Freizeit viel musizierte.

Bereits 1942 gründete er als Vierzehnjähriger seinen ersten Chor, als er sich an der Lehrerfortbildungsanstalt in Esslingen zum Sportlehrer ausbilden ließ.

1945 wurde er Leiter des Concordia-Gesangsvereins in Deizisau, der 1949 unter seiner Leitung beim großen Schwäbischen Sängerfest in Göppingen die beiden Wettbewerbe in Volks- und Kunstgesang gewann, in der Folge sammelten sich weitere Gesangsvereine unter seiner Leitung, die die sogenannten Fischer-Chöre bilden.

Der Autodidakt ohne musikalische Ausbildung trat mit den Fischer-Chören unter anderem zum Abschluss der Weltmeisterschaft 1974, vor Papst Johannes Paul II und US-Präsident Jimmy Carter auf.

Geehrt wurde er unter anderem 1977 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 1982 für besondere Verdienste um das deutsche Volkslied mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse. 1993 bekam er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Fischer initiierte und moderierte die ARD-Sendung „Straße der Lieder“, die am 16. Februar 2008 nach zwölfjähriger Laufzeit eingestellt wurde.

Er hat mehr als 16 Millionen Schallplatten verkauft. 2017 prämierte ihn sein Winnender Label „Herz7“ mit dem goldenen „Lifetime Award“ für 70 Jahre Tonaufnahmen.

1998 wurde er zum Klavierspieler des Jahres ernannt, obwohl Fischer niemals eine längere oder kompetente Klavierausbildung bekommen hat oder als Pianist in Erscheinung getreten ist.

Neue Doppel-CD

Video: Die Sehnsuchtsmelodie von Gotthilf Fischer.

Zum 90. Geburtstag veröffentlicht sein Label eine Doppel-CD, die einen Überblick über das musikalische Schaffen und Wirken sowie die gesamte Karriere von Gotthilf Fischer geben soll. Unter den 39 Titeln finden sich neben bekannten Titeln wie „Glück auf“, „Freude schöner Götterfunken” oder dem “Gefangenenchor” auch “Eine Sehnsuchtsmelodie”, die erste Komposition Fischers aus dem Jahre 1946. Diese galt als verschollen, wurde aber im Archiv wiederentdeckt und mit Rodrigo de Foullon als Solosänger neu aufgenommen.

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