Weinstadt/Kernen Bricht die Remstalkellerei auseinander?

Am Freitagnachmittag ließ die Weingärtnergenossenschaft die Bombe platzen. Foto: Habermann/ZVW

Weinstadt/Kernen. Die Weingärtnergenossenschaft Stetten gehörte 1940 zu den Gründungsmitgliedern der Remstalkellerei. Nun sind die Stettener Genossen die ersten, die der wirtschaftlich gebeutelten Remstalkellerei den Rücken kehren. In einer Pressemitteilung kündigen die Stettener an, mit der Weinkellerei Kern in Rommelshausen über eine Zusammenarbeit zu verhandeln.

Am Freitagnachmittag ließ die Weingärtnergenossenschaft die Bombe platzen. Unter der unscheinbaren Überschrift „Weingärtnergenossenschaft Stetten hält Generalversammlung ab“ kündigten die 100 Genossen an, künftig ihre Weine von der Weinkellerei Kern ausbauen lassen zu wollen. Ein erstes Treffen solle noch vor Weihnachten stattfinden. Am Donnerstagabend hatten die Remstalkellerei-Oberen Heike Schacherl und Peter Jung bei der Generalversammlung um Verständnis für den harten Schritt geworben, drei Monate kein Traubengeld ausbezahlen zu können. Die Remstalkellerei hat nicht nur ein gravierendes Kosten-, sondern auch ein großes Vermarktungsproblem. Die Jahrgänge 2014 bis 2016 gelten als unverkäuflich und müssen womöglich abgeschrieben werden. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Auszahlungen an die Wengerter.

Der Schritt der WG Stetten, aus der Remstalkellerei auszuscheren, kommt nicht aus dem Nichts. Die Ortsgenossenschaft hatte bereits 2017 gegen den Neubau der Zentralkelter gestimmt und wollte weiterhin eigene Wege gehen. Die zentrale Kelter sollte für die Remstalkellerei ein Schritt aus der Misere sein, um die Kostenprobleme in den Griff zu bekommen. Seit Jahren verdienen Remstalkellerei-Wengerter weniger als ihre Kollegen in vielen anderen Weingärtnergenossenschaften.

Der Wunsch, „sich nach einem neuen Vermarkter umzuschauen“

Angesichts der neuesten Entwicklungen in Bezug auf die ausbleibenden Traubengeldzahlungen und vor dem Hintergrund der desaströsen wirtschaftlichen Lage der Remstalkellerei sei die Stimmung bei der Generalversammlung gedrückt gewesen, heißt es in der Pressemitteilung. „Nach dem Votum gegen die Zentralkelter Mitte des Jahres 2017 wurde von vielen Mitgliedern der Wunsch geäußert, sich nach einem neuen Vermarkter umzuschauen“, berichteten der Aufsichtsratsvorsitzende und der Vorstandsvorsitzende der Stettener WG.



Nach intensiven Gesprächen mit verschiedenen Vermarktungsbetrieben habe die Führung der WG bei der Versammlung einen ersten konkreten Gesprächspartner vorgestellt. Die Weinkellerei Wilhelm Kern aus Rommelshausen habe Bereitschaft signalisiert, mit den Mitgliedern der Kernener Kooperative in Verhandlungen zu treten. Die hat 2013 ein neues Gebäude in Rommelshausen errichtet und baut dort Weine aus, die von 120 Vertragswinzern aus ganz Württemberg angeliefert werden.

„Die Mitglieder der Genossenschaft erhoffen sich von der Zusammenarbeit mit der Kellerei Wilhelm Kern eine bessere und stetige Vergütung für ihre Trauben“, heißt es in der Pressemitteilung. Langfristig möchten beide Seiten dafür sorgen, dass die Bewirtschaftung der Rebflächen in Kernen Zukunft hat. Die Genossen beschlossen daraufhin, noch vor Weihnachten ein erstes Treffen mit der familiengeführten Kellerei zu organisieren. Letztlich werde die Entscheidung über den Verbleib in der Remstalkellerei wie üblich in einer Genossenschaft durch Abstimmung im Rahmen einer Mitgliederversammlung herbeigeführt. „Da langfristige Verträge bestehen, ist die Stettener Ortsgenossenschaft auf jeden Fall noch mehrere Jahre an die Remstalkellerei gebunden.“

Die Stettener Kelter steht nicht zum Verkauf

Ein Verkauf der Genossenschaftskelter im Ort stehe momentan nicht zur Debatte; auch die Kellerei Wilhelm Kern hat kein Interesse am Gebäude signalisiert. Die Weingärtnergenossenschaft Stetten im Remstal eG mit knapp 100 Mitgliedern bewirtschaftet nach eigenen Angaben derzeit knapp 50 Hektar Rebfläche vornehmlich in Stetten. Das entspricht fast einem Zehntel der Rebfläche der Remstalkellerei. Ein Großteil der Flächen ist mit Riesling in den Lagen Pulvermächer und Häder bestockt. Die Genossenschaft besteht seit 88 Jahren und ist seit 1940 an die Remstalkellerei angeschlossen. Die Wilhelm Kern GmbH ist seit ihrer Gründung in Stuttgart 1903 familiengeführt – mittlerweile in vierter und fünfter Generation.

Die Struktur der Remstalkellerei ist komplex. Die Wengerter sind nicht direkt Mitglieder der Genossenschaft, sondern über eine der neun Ortsgenossenschaften. Die führen durchaus ihr Eigenleben und verfolgen eigene Interessen. Das hat das jahrelange Hickhack um die Zentralkelter gezeigt, deren Bau vor allem von den großen Betrieben als notwendig erachtet wird. Sie ist aber nicht nur in Stetten auf Widerstand gestoßen. Dem Vernehmen nach oftmals von den nicht mehr aktiven Mitgliedern, die die Mehrheit in den Versammlungen hatten.


Verständnis für den Unmut

Die Remstalkellerei-Geschäftsführung ist auf Tour. Nach dem Brandbrief zur Lage über die „desaströse Wirtschaftslage“ der Genossenschaft in der vergangenen Woche besuchen Heike Schacherl und Peter Jung die Ortsgenossenschaften. Auftakt war am Donnerstag bei der Weingärtnergenossnschaft Stetten. „Die Mitglieder haben ein Anrecht auf Informationen“, so Jung auf Anfrage.

Er habe durchaus Verständnis für den Unmut der Wengerter, dass die Remstalkellerei die Auszahlung des Traubengeldes für drei Monate aussetzt, sagte Jung. „Wir wissen, was das für den einen oder anderen Wengerter bedeutet.“ Es sei viel Arbeit notwendig, um zu erklären, wie es um die Remstalkellerei steht. „Wir haben nicht nur ein Vermarktungs-, sondern auch ein Strukturproblem.“

Die Aussetzung der Traubengeld-Auszahlungen von Dezember bis Februar hatte das Ziel, Rückzahlungen zu vermeiden, die womöglich fällig werden, wenn die Jahrgänge abgerechnet sein. Künftig sollen die Mitglieder der Remstalkellerei sich auf die Zahlungen verlassen können, also keine Vorauszahlungen mehr, sondern nur noch Traubengeld erhalten, das tatsächlich erwirtschaftet wurde.

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