Weinstadt Kindersoldaten ein neues Leben geben

Weinstadt-Schnait. Für Kindersoldaten ist der Weg zurück ins normale Leben hart. Tshamala Schweizer, Geschäftsführer von Afrokids, engagiert sich für sie. Sein Verein hilft armen und vom Schicksal gebeutelten Menschen in Zentralafrika. Tshamala Schweizer hat es selbst nicht immer leicht gehabt: Er musste einst vor dem Diktator Mobutu fliehen.

Ganz allein ist Tshamala Schweizer in Deutschland gestrandet. Ohne Familie, ohne Freunde, ohne Sprachkenntnisse. Er hat 1992 seine Heimat verlassen müssen, die heutige Demokratische Republik Kongo, die damals den Namen Zaire trägt. Joseph Mobutu ist an der Macht, einer der korruptesten und schlimmsten Diktatoren Afrikas. „Ich war politisch engagiert, in einer christlichen Organisation, die die Opposition unterstützt hat. Deshalb bin ich geflohen“, erzählt Tshamala Schweizer. Nach der Flucht geht er zunächst nach Belgien, da das Land als ehemalige Kolonialmacht immer noch enge Beziehungen zum Kongo pflegt – und weil Französisch in beiden Ländern Amtssprache ist. Doch es klappt nicht. Tshamala Schweizer probiert es in Deutschland, bekommt Asyl, macht einen Sprachkurs, testet seine Kenntnisse gleich im Alltag, liest regelmäßig Bücher und schafft es schließlich. Manchem würde das reichen, doch Tshamala Schweizer will mehr: Er will etwas tun für seine alte Heimat, jenseits der Politik. Jenen helfen, die es am schwersten haben.

Tshamala Schweizer kann sieben Sprachen

Aus privatem Engagement ist schließlich der Stuttgarter Verein Afrokids geworden. Es ist eine kleine Truppe, seit der Gründung 2009 hat der Verein 25 zahlende Mitglieder, davon 18 Aktive. Repräsentative Räume besitzen sie nicht. Die Geschäftsstelle koordiniert Tshamala Schweizer, Jahrgang 1962, von zu Hause aus. Ehrenamtlich, neben seiner Arbeit bei Coca-Cola in Urbach. Im Büro des Vereins Afrokids, das er in einem Zimmer seiner Schnaiter Wohnung eingerichtet hat, hockt im Käfig ein Papagei. Genauer gesagt eine Guatemala-Amazone. Wenn er Laute von sich gibt, hören die sich wie Funkgerät-Geräusche an. In einer Schale liegen Süßkartoffeln und Maniok, an der Wand hängt eine Afrika-Karte. Tshamala Schweizer trinkt gerade einen Latte macchiato, den ihm seine Lebensgefährtin gemacht hat. Die ist immer wieder beeindruckt davon, wie der gebürtige Kongolese all die Arbeit managt. Und welches Sprachtalent er hat: Tshamala Schweizer spricht Portugiesisch, Französisch und Deutsch, dazu etwas Spanisch und Italienisch. Er kann Kikongo, eine sogenannte Bantusprache, die in der Demokratischen Republik Kongo und in Angola verbreitet ist. Und Lingála, eine Nationalsprache in beiden Kongostaaten. Die Hilfsprojekte von Afrokids konzentrieren sich nicht zufällig auf Angola und die Demokratische Republik Kongo. Tshamala Schweizers Mutter stammt aus Angola, geboren und aufgewachsen ist er jedoch im Kongo.

Mit Paketen fängt alles an

Ende der 90er fängt Tshamala Schweizer an, mit anderen Afrikanern aus Stuttgart, Esslingen, Freiburg und Tauberbischofsheim Hilfspakete in zentralafrikanische Länder zu schicken. Am Anfang sind es vor allem alte Brillen, Medikamente, Verbandsmaterial. Nach und nach, mit den Jahren, wächst vor Ort das Netz derer, mit denen Tshamala Schweizer und seine Leute zusammenarbeiten – auf heute 120 Leute, darunter mehrheitlich Frauen. „Vielen wurde von uns vorher geholfen.“ Es sind Menschen, die etwas zurückgeben wollen. Menschen wie Madeleina aus Angola.

Tshamala Schweizer erinnert sich noch gut an sie. „Sie war die Erste, die von uns Hilfe bekam.“ Als Jugendliche, erzählt der Schnaiter, sei sie von Soldaten regelmäßig vergewaltigt worden. Madeleina musste von 1986 bis 1992 einer Miliz als Waffenträgerin und Sexsklavin dienen. „Heute hilft sie vielen anderen Frauen.“ Gleichberechtigung, Bildung, das ist ein wichtiges Anliegen des Vereins. Besonders schwierig ist die Arbeit mit Kindersoldaten. Buben, die im Alter von sechs, sieben Jahren plötzlich mit Waffen auf Menschen schießen müssen. Die zu Killern gemacht werden. „Sie werden sogar gezwungen, ihre eigene Familie umzubringen. Oder sie müssen bei der Vergewaltigung ihrer eigenen Familie zugucken, um Mut zu zeigen.“ Mit Versprechungen auf ein besseres Leben werden die Kinder getäuscht. Wenn die Familie verschont wird, sehen die Jungs ihre Eltern dennoch nie wieder. Ihre Familie, das ist jetzt die Miliz, das Söldnerheer. Liebe gibt es hier nicht, nur Gewalt. „Für 50 Dollar bekommt man im Kongo eine Kalaschnikow“, sagt Tshamala Schweizer. Und wer das hört, der weiß: Solche Kinder wieder in ein normales Leben zurückzuführen, das ist sehr schwer. „Zu Hause will sie niemand mehr haben. Oder sie schämen sich.“ Daher versuchen sie bei Afrokids zunächst, das Vertrauen dieser Kinder zu gewinnen. Ihnen zu helfen, wieder ein Dach über dem Kopf zu bekommen. „Die beste Therapie ist, sie wieder in eine Familie zu bringen.“

Afrokids sucht deshalb vor Ort in Angola oder im Kongo fremde Familien, die ein Pflegekind aufnehmen. Ihm Geborgenheit schenken. Und dann, irgendwann, reden die Kinder ganz von selbst über ihre Vergangenheit. Über die schrecklichen Dinge, die sie als Kindersoldaten tun mussten. Auch haben sie die Chance, endlich zur Schule zu gehen. Denn oft sind sie Analphabeten. Und genau hier lauert die Gefahr, nach der Zeit als Kindersoldat ein zweites Mal missbraucht zu werden – als billige Arbeitskraft. „Sie müssen oft in Minen arbeiten, um Coltan oder Diamanten abzubauen.“ Ein Teufelskreis, der nur mit Bildung und viel Zuwendung in den Pflegefamilien durchbrochen werden kann.

Auch Kleinunternehmer und Landwirte werden gefördert

Der Verein Afrokids ist vor allem dort präsent, wo die großen Hilfsorganisationen nicht sind. Also jenseits der Hauptstädte, in Dörfern. Die Hilfe konzentriert sich auch nicht nur auf ehemalige Kindersoldaten. Vor kurzem hat Tshamala Schweizer per Mail erfahren, dass der Verein mehr als 100 alte Fahrräder gespendet bekommt. Für Dorfkinder, die regelmäßig 20 Kilometer zur Grundschule gehen müssen, ist das ein Segen. Neben Sachspenden gibt der Verein auch direkt Geld – verbunden mit einer Bedingung. Wenn sich jemand zum Beispiel 600 Euro für seine Landwirtschaft oder seine Unternehmensidee leihen will, dann muss er nach einer gewissen Zeit einen Teil seines Gewinns an einen anderen Hilfsbedürftigen abgeben.

Tshamala Schweizer ist klar, dass er mit seinem kleinen Verein keine Wunder vollbringen kann. Aber aufgeben, das kommt für den gläubigen Christen nicht infrage. Dafür ist er auch ein zu positiver Mensch. „Ich will nicht die Welt retten – aber die Leute, denen ich helfen kann, die lass ich nicht ertrinken.“

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