Weinstadt Minimalismus: Mit wenig Besitz glücklich werden

Joachim Klöckner (70) bezeichnet sich selbst als Minimalisten. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Weinstadt-Endersbach. Er hat keine eigene Wohnung, braucht keine Heizung und kommt überhaupt mit wenig Besitz zurecht: Joachim Klöckner bezeichnet sich selbst als Minimalisten. Bei seinem Vortrag im Endersbacher Steinbruch hat er vor rund 80 Zuhörern dargelegt, warum ihn das glücklich macht – und wieso er sich auch mal einen Flug gönnt.

Alles fing an mit der Idee, die Welt zu retten. Damit war Joachim Klöckner nicht allein in den politisch bewegten 80ern, als unzählige Menschen für den Frieden oder gegen Atomkraft auf die Straße gingen. Jahre später, als das Wort Öko in Teilen der Bevölkerung zum Schimpfwort geworden war, fragte sich der Autor des Buchs „Der kleine Minimalist“, was die Umweltbewegung eigentlich falsch gemacht hatte, dass es so weit kommen konnte. Joachim Klöckner ist sich sicher, dass es der erhobene Zeigefinger war. „Die Menschen sagen: Du hast eine Meise, ich lass’ mich nicht dauernd zum schlechten Menschen machen.“ Joachim Klöckner versuchte lange Zeit, die Leute mit Energiesparen zum ökologisch bewussten Handeln zu bringen, indem er ihnen die finanziellen Vorteile aufzeigte. Sein Motto: Die Hälfte von eurem Jahresgewinn ist mein Honorar. Davon, sagt er, habe er gut gelebt. Mit der Zeit habe er dann gemerkt, dass er auch sein Privatleben ändern muss. Er fragte sich, was er wirklich braucht. Die Antwort war einfach: nie viel.

Vortrag im Rahmen der Tiny-House-Ausstellung

Es war kein Zufall, dass Joachim Klöckner seinen Vortrag in der Mitte der Tiny-House-Ausstellung im Endersbacher Steinbruch hielt. Die Mini-Häuser sind dort seit Mitte Mai zu sehen. Sie zeigen den Versuch, auf wenig Raum ökologisch bewusster zu wohnen. Die Stadt Weinstadt organisiert dort seit Wochen immer wieder Vorträge – und Joachim Klöckner hat seinen nun am Montagnachmittag gehalten.

Der 70-Jährige selbst hat keine eigene Wohnung. Zurzeit lebt er im Zuhause einer Altenpflegerin, die gerade auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Im Winter hält er sich gerne in Hostels in Südportugal auf, wo er laut eigenen Angaben mit seinen monatlichen 470 Euro Rente gut zurechtkommt. Zuvor habe er oft in Wohngemeinschaften gelebt, wo sein Bett allein aus einer Hängematte bestand. An einem festen Ort hält es der Buchautor ohnehin nicht lange aus: Nach drei, vier Monaten, sagt er, wolle er wieder etwas Neues erleben. „Ich sage immer, ich habe noch 30 Jahre vor mir. Ich würde gerne meine Mutter toppen.“

Bauindustrie wird beim Thema CO2-Sparen vergessen

Wenn Joachim Klöckner seinen eigenen ökologischen Fußabdruck betrachtet, dann findet er, dass er sich durchaus ab und an eine Flugreise gönnen darf. Ihn stört zudem, dass viele beim Thema CO2-Sparen nur auf Fluggäste, Autofahrer und Fleischesser schauen. Dabei, sagt er, werde die Bauindustrie völlig vergessen. Der Spiegel berichtete erst im Juni, dass allein bei der Herstellung von Zement mehr CO2 ausgestoßen wird als durch den gesamten weltweiten Flugverkehr.

So gesehen sind Tiny-Häuser ein Beitrag zum Klimaschutz. Joachim Klöckner findet es besonders toll, wenn diese innen viel leeren Raum bieten – wodurch sich wieder Sparvorteile ergeben. „Ich brauche das Bett nicht tagsüber – das kann im Boden verschwinden.“ Schon kommt das Zuhause mit weniger Platz aus. Eine Toilette und eine Spüle können nach Joachim Klöckners Auffassung zum Beispiel in eine Art Drehtür eingebaut werden – schließlich müsse niemand ständig Geschirr spülen oder auf dem Klo sitzen. Der Wohnungsinhaber kann dann durchs Drehen der Tür zwischen der Spüle, der Toilette und eventuell auch der Dusche wechseln. Heizungen braucht Joachim Klöckner nicht. Er findet, dass sich durch simple Ideen viel Energie einsparen lässt – indem zum Beispiel im Winter einfach jeder zuhause konsequent eine Strickjacke trägt. „Es gibt so einfache Lösungen.“


Buch zum Vortrag

„Der kleine Minimalist: Praktische Erfahrungen für ein befreites, glückliches Leben“ lautet der Titel des Buchs von Joachim Klöckner. Es hat 123 Seiten, ist gebunden und kostet 16 Euro (ISBN: 3711001505).

Wachstum ist aus Joachim Klöckners Sicht nur in drei Bereichen des Lebens sinnvoll: bei Lernen und Bildung, Innovationen und Kreativität sowie Empathie und Menschlichkeit. „Größere Autos und Flachbildschirmfernseher unterstütze ich nicht.“

Zum Luxus, den sich Joachim Klöckner gönnt, gehören sein Handy, sein iPad und seine Digitaluhr, die mit diversen Gesundheitsfunktionen ausgestattet ist. Auch eine Flugreise leistet sich der 70-Jährige gelegentlich. Ansonsten fährt er meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

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