Weinstadt Motorradlärm: Anwohner hoffen auf Hilfe

Sie haben sich die Probleme der Anwohner der Weinstraße schon im Juli 2017 angehört (von links): Der Kernener FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann, der Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Marwein (Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung) und Oberbürgermeister Michael Scharmann. Bereits damals hat Haußmann außerorts Tempo 50 gefordert. Passiert ist bislang nichts. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Weinstadt-Schnait. Sie ärgern sich seit vielen Jahren über Motorräder mit extralauten Auspuffen und Raser – und geben den Kampf für weniger Verkehrslärm nicht auf: Die Anwohner der Schnaiter Weinstraße intervenieren seit fast zwei Jahrzehnten immer wieder bei der Weinstädter Stadtverwaltung, Landtagsabgeordneten und dem Regierungspräsidium. Sie hoffen vor allem darauf, dass innerorts endlich die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde gesenkt wird – und außerorts auf 50. Die Grüne Offene Liste Weinstadt (GOL) hat diese Forderung nun aufgegriffen – doch die Stadtverwaltung sieht keinen Spielraum. Die GOL bezweifelt das.

Bei Motorradfahrern beliebte Strecke

Das Problem in der Weinstraße ist, dass der Lärm vor allem dann am schlimmsten ist, wenn es Wochenende ist und bei angenehm warmen Temperaturen die Sonne scheint. Genau dann, wenn die Anwohner sich in ihren Gärten erholen wollen, kreuzen die Motorradfahrer auf. Warum? Die Weinstraße von Schnait hoch nach Manolzweiler ist mit ihren engen Kurven und dem Blick runter ins Remstal die ideale Panoramastrecke. Wer Motorradfahren genießen will, der kann es dort – auf Kosten der Menschen, die hier wohnen. Gerade jene Zeitgenossen, die ihren Auspuff getunt haben, gehen den Anwohnern auf die Nerven. Aber auch jene Autofahrer, die ihr Fahrzeug stark beschleunigen, sorgen für Ärger. Für den Laien klingt es zunächst logisch, dass eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit den Lärmpegel senken könnte. Aber ist das auch wirklich so?

Wer die Argumente der Stadtverwaltung durchliest, wird zunächst mit einem im April 2014 gestarteten Pilotversuch konfrontiert. Dabei war an Wochenenden und Feiertagen innerorts plötzlich Tempo 40 vorgeschrieben. Die Auswertung ergab nach Angaben der Stadt indes, dass durch Tempo 40 die Lärmspitzen nicht eingedämmt worden seien. Darüber hinaus hätten Messungen ergeben, dass Tempo 40 keine signifikante Reduzierung der besonders lauten Vorbeifahrten gebracht habe. Die Vertreter der Interessensgemeinschaft Weinstraße, mit denen sich unsere Zeitung damals unterhielt, empfanden dies anders – und sprachen von einer klaren Verbesserung.

Streit um Tempo 30

2017 gab es einen neuen Anlauf. Die Verkehrsplaner vom Stuttgarter Büro Karajan kamen zu dem Schluss, dass es sich positiv auswirken würde, wenn in der Weinstraße Tempo 30 inklusive Geschwindigkeitskontrollen im Bereich des Ortseingangs eingeführt werden. Anders sah es das Regierungspräsidium Stuttgart. Das stellte damals fest, dass Tempo 30 wegen des Verkehrsaufkommens, der tatsächlich festgestellten Geschwindigkeiten und der Unfalllage rechtlich nicht in Betracht komme. Auch das Landratsamt riet davon ab, ebenso das Polizeipräsidium Aalen.

Der Weinstädter Ordnungsamtsleiter Peter Schmidt schließt sich dieser Sicht an. Er verwies in der Sitzung des Gemeinderats am Donnerstag auf die durchschnittlich 1560 Fahrzeuge am Tag in der Weinstraße – und das sei im Vergleich etwa zur Beutelsbacher Ortsdurchfahrt wenig. Dann erwähnt er noch, dass die Lärmmessungen von Mai bis August Durchschnittswerte von 74 bis 80 Dezibel ergeben hätten – bei Spitzenwerten von bis zu 99 Dezibel. Schmidt hält das für nicht besonders problematisch. Das Umweltbundesamt sieht das anders. Es schreibt auf seiner Internetseite, dass Männer in lauten Wohnungen (mit einem Tages-Mittelungspegel von mehr als 65 Dezibel außerhalb der Wohnung) ein um 20 bis 30 Prozent höheres Herzinfarktrisiko haben als Männer aus ruhigeren Gebieten (Tages-Mittelungspegel bis 60 Dezibel). Lärm macht tatsächlich krank.

Am 22. Oktober prüften Fachleute der Stadt erneut mit Vertretern der Polizei und des Landratsamts die Sachlage vor Ort, diesmal aufgrund des Antrags der GOL-Fraktion. Die Kreisbehörde betonte, dass Tempo-30-Schilder innerorts und Tempo-50-Schilder außerorts suggerieren würden, dass diese Höchstgeschwindigkeiten auch in den Kurven gefahrlos gefahren werden könnten. Dies sei jedoch nicht der Fall. Zudem würden Geschwindigkeitsmessungen keine auffälligen Überschreitungen ergeben. Das Polizeipräsidium Aalen stellte fest, dass es in der Weinstraße außerorts im Kurvenbereich nur sechs Unfälle innerhalb von zehn Jahren gegeben habe – und innerorts sogar keinen einzigen, der statistisch erfasst wurde.

Stadtrat Siglinger hält Aussagen der Behörden für Unsinn

„Was da verzapft wird, das hältst du im Kopf nicht aus“, ärgerte sich GOL-Fraktionschef Manfred Siglinger. Er versteht nicht, wie Landratsamt und Polizei sagen können, dass Tempo-30-Schilder Autofahrer dazu verleiten, immer mindestens 30 Kilometer pro Stunde zu fahren, egal ob ein niedrigeres Tempo sicherer wäre oder nicht. Wenn das stimme, dann müssten aus Siglingers Sicht die Tempo-30-Schilder auf der unübersichtlichen Ortsdurchfahrt von Baach sofort abmontiert werden. Denn bei den dortigen Kurven kann beim Abbiegen auch nicht die ganze Zeit Tempo 30 gehalten werden. Über die Aussagen der Behörden ärgerte sich auch sein Fraktionskollege Christof Oesterle, der selbst in der Weinstraße wohnt. Er wies zudem darauf hin, dass sehr viele Schüler auf der Weinstraße unterwegs seien – und der Gehweg dort oft nicht ausreichend breit ist.

Die GOL will die Sache jedenfalls nicht auf sich beruhen lassen. Fraktionschef Siglinger hat die Stadtverwaltung in der Sitzung des Gemeinderats aufgefordert, ihm Einsicht in die Originalakten der Polizei und des Landkreises zu geben – und OB Michael Scharmann hat ihm daraufhin zugesagt, dies zu ermöglichen. „Wir werden die Sache so nicht auf sich beruhen lassen.“

  • Bewertung
    23
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!