Weinstadt Neues Theaterstück mit Flüchtlingen

Weinstadt. Die Zuschauer können beim neuen Stück der Hebebühne nicht einfach nur bequem konsumieren: Sie werden von einer Schleuserin mit harten Fragen traktiert und zudem in einen engen Raum eingesperrt. Um eine Ahnung zu vermitteln, was Flüchtlinge erdulden müssen. Zudem spielen auch einige Asylbewerber selbst mit – und zwar in ihrer Muttersprache.

Video: Das Theater Hebebühne Weinstadt schaut durch die interkulturelle Brille und setzt - musikalisch untermalt - Literatur von hier und anderswo in Szene
 

Basher Al Saho kauert am Boden, schreit, springt herum – und stirbt letztendlich den Bühnentod. Der junge Syrer vom Schönbühl hat an seiner Ein-Mann-Performance lange gefeilt und sie inhaltlich noch verschärft. Im Juli, beim Fest der Flüchtlinge vom Jugendheim Schönbühl und vom Saffrichhof, hat Basher Al Saho sie schon mal aufgeführt – und die Macherinnen der Hebebühne waren damals mehr als begeistert. Sozialarbeiter Johannes Reich hatte ihnen den jungen Syrer empfohlen, weil er wusste, dass er unbedingt Theaterspielen will. Das Stück von Basher Al Saho ist radikal, es endet mit dem Tod – und angedeutet wird das durch ein Kreuz, das er als Requisite benutzt. Es symbolisiert ein Grab. Basher Al Saho hat das Kreuz bewusst gewählt, weil es ein Zeichen ist, das im christlich geprägten Deutschland leichter verstanden wird. Die Szene des jungen Syrers ist nur ein Mosaikstein in dem neuen Stück der Hebebühne, das vor allem eines leisten will – nämlich mit dem Publikum durch die interkulturelle Brille zu gucken.

Schönbühl-Eigentümer Thomas Barth unterstützt das Projekt

„Sehen wir es doch einmal anders“ lautet der Titel, aufgeführt wird das neue Werk der Weinstädter Theatermacherinnen um Anne Fabriz am Donnerstag, 6. Oktober, und am Montag, 10. Oktober – und zwar von 19.30 Uhr an im ehemaligen Jugendheim Schönbühl, wo derzeit rund 90 männliche Asylbewerber untergebracht sind. Die Hebebühne bekam von Eigentümer Thomas Barth dafür die ehemalige Schlosserei als Spielort, zudem unterstützt der Unternehmer das Projekt finanziell. In dem Stück wirken Flüchtlinge aus verschiedenen Weinstädter Unterkünften mit, zum Beispiel die syrische Kurdin Wajiha Said, die auch am Freitag, 30. September, von 20 Uhr an in der Mensa am Weinstädter Bildungszentrum Passagen aus ihrem bislang unveröffentlichten Buch „Die fünfte Durchreise“ vorliest. „Ich brauche noch einen Verleger“, sagt Wajiha Said, die in Syrien bereits zwölf Bücher veröffentlicht hat. Im Theaterstück der Hebebühne trägt sie ein selbst geschriebenes Gedicht zum Thema Heimat vor, ihr Sohn Souyar begleitet sie dabei auf der Saz, einer traditionellen Langhalslaute. Es geht in dem Gedicht darum, dass Wajiha Said ihre alte Heimat Syrien verloren hat – weil sie ihr Land verlassen musste, obwohl sie es nicht wollte. „Die Heimat hat sich selbst getötet“, sagt Wajiha Said. Weinstadt ist jetzt ihr neues Zuhause – auch wenn die Zukunft voller Ungewissheiten ist.

Im neuen Stück der Hebebühne wirken aber auch bewusst Menschen mit, für die Deutschland schon seit Jahrzehnten eine neue Heimat geworden ist. Es sind die Japanerin Yumiko Shii-Michelbach, die Spanierin Elena Rovira, die Polin Anna Dlucik und der Grieche Costas Haidas. Letzterer trägt einen Text vor, der sich um die antike Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes dreht. Der schrieb einst darüber, wie ein Sexstreik der Frauen den langen Krieg zwischen Sparta und Athen beendete.

Auch die Macherinnen der Hebebühne haben einige eigene Szenen entwickelt, die bisweilen sehr nachdenklich stimmen. Wie immer dürfen wir nicht zu viel verraten – aber so viel dann doch: Gisela Pfohl wird beispielsweise eine Schleuserin darstellen, die das Publikum durch die Räume der ehemaligen Schlosserei führt und es wie bei einem Verhör mit Fragen wie dieser konfrontiert: „Sind Sie stolz darauf, Deutscher zu sein?“

Auch werden die Zuschauer in ein enges Zimmer geführt, in dem dann die Türen verschlossen werden. Natürlich kann dadurch keiner der Anwesenden auch nur im Entferntesten nachempfinden, was es bedeutet, als Flüchtling auf einem mit Menschen vollgepferchten Schiff ausharren zu müssen. In den Händen von Schleppern, nicht wissend, ob das Boot ans Ziel kommen oder doch kentern wird. Doch eines vermag diese Art des Theaters dann doch: Es stimmt nachdenklich.

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