Weinstadt Notfallknopf gedrückt - keiner kommt

Im Ernstfall kann er Leben retten: Diesen Rettungsknopf muss Hanna Maldinger stets bei sich haben. Drückt sie ihn, wird sie mit einer Pflegekraft der Dienste für Menschen gGmbH verbunden, die Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Weinstadt-Beutelsbach.
„Ich verlange, dass richtig reagiert wird von allen, die damit zu tun haben“: Die Beutelsbacherin Hanna Maldinger wirft der Dienste für Menschen gGmbH (DfM) vor, dass die Mitarbeiter mit dem System des Notfallknopfs im betreuten Wohnen nicht richtig umgehen können. Folge davon seien Fehler, die im Ernstfall die Gesundheit gefährden würden. Die 55-Jährige hat selbst Multiple Sklerose (MS) und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Wenn sie in ihren vier Wänden in der Luitgardstraße den Notfallknopf drückt, erwartet sie eigentlich, dass aus dem benachbarten Luitgardheim schnell jemand kommt. Und sie setzt voraus, dass die Mitarbeiter Routine im Umgang mit Notfällen haben. In der Praxis hat Hanna Maldinger nach eigenen Angaben bei sich und bei Nachbarn immer wieder festgestellt, dass das Personal selbst aufgeregt reagiere, wenn ein Notruf abgesetzt wird. „Das darf gar nicht sein – die müssen doch erst mal die Leute beruhigen.“ Hanna Maldingers Verdacht: Den Pflegekräften beim Notruf fehlt es an regelmäßigen Schulungen. Doch stimmt das wirklich?

Pflegekraft soll 30 Minuten lang nicht die Wohnung gefunden haben

Unsere Zeitung hat Hanna Maldinger in ihrer Wohnung getroffen. Die kämpferische 55-Jährige schilderte uns zwei exemplarische Fälle. Hier der erste, der sich so zugetragen haben soll: Eine Pflegekraft brauchte laut Hanna Maldinger 30 Minuten vom benachbarten Luitgardheim bis zur Wohnung. In dem Fall von 2013 war die heute 55-Jährige nicht selbst betroffen, sondern eine andere Bewohnerin. Die Pflegekraft soll nicht die richtige Wohnung gefunden haben, obwohl das System laut Hanna Maldinger automatisch den Namen der betroffenen Person und die Hausnummer anzeigt. Sprich: Wäre es um Leben und Tod gegangen, wäre die Hilfe wohl viel zu spät gekommen. In einem Schreiben vom 27. März 2013, das unserer Zeitung vorgelegt wurde, räumte ein Vertreter der Dienste für Menschen gGmbH ein, dass „Handlungsbedarf besteht“.

Der andere Fall soll sich erst vor wenigen Wochen so abgespielt haben: Hanna Maldinger hat nach eigener Darstellung im Beisein einer Pflegerin vom Ambulanten Dienst der DfM abends den Notfallknopf gedrückt. Die Abwicklung des Notfalls, erzählt die 55-Jährige, sei gut gewesen – bis auf eine Sache: Die Pflegerin im Luitgardheim vergaß laut Hanna Maldinger, im System zu quittieren, dass alles planmäßig abgewickelt wurde. Das System dachte also laut der Beutelsbacherin weiter, dass der Notfall noch nicht fertig bearbeitet wurde. Folge sei gewesen, dass Hanna Maldinger 20 Minuten lang den lauten Signalton in ihrer Wohnung ertragen musste sowie die automatische Ansagestimme, die ständig „Anruf aufgelaufen“ von sich gegeben habe. Erst nach den 20 Minuten sei im Luitgardheim der Fehler bemerkt worden.

Ambulanter Bereitschaftsdienst hat in der Regel kurzen Anfahrtsweg

Hanna Maldinger geht es laut eigenem Bekunden nicht darum, einzelne Mitarbeiter persönlich zu kritisieren. „Die Leute sind alle supi.“ Ihr ist es vielmehr wichtig, dass die DfM gGmbH das richtige Verhalten beim Drücken eines Notfallknopfs regelmäßig schult. Frank El-Banany, zuständiger Regionalleiter bei Dienste für Menschen, betonte auf Nachfrage, dass sämtliche Notrufe aus dem betreuten Wohnen auf ein Mobiltelefon umgeleitet werden. Vom frühen Vormittag bis etwa 13 Uhr, 13.30 Uhr geht von Montag bis Freitag dann eine Pflegefachkraft ran, die in der Columbus-Begegnungsstätte in der Luitgardstraße 20 ihr Büro hat. Danach nimmt ein Mitarbeiter aus dem Luitgardheim die Anrufe entgegen und informiert den ambulanten Bereitschaftsdienst. Dessen Mitarbeiter rücken laut Frank El-Banany in der Regel aus Weinstadt oder Waiblingen an, im Ausnahmefall auch mal aus Schwaikheim oder Backnang.

Mitarbeiter müssen entscheiden, welcher Fall mehr Priorität hat

Der Vorwurf, dass es keine regelmäßigen Schulungen gebe, ist laut dem DfM-Regionalleiter schlichtweg falsch. Wenn ein neuer Mitarbeiter seinen Dienst aufnimmt, wird er nach seinen Angaben im Umgang mit dem Notrufsystem geschult. Es handelt sich um eine Gegensprechanlage, bei der die Pflegefachkräfte die Möglichkeit haben, nachzufragen, was dem jeweiligen Bewohner passiert ist. Dies dient laut Frank El-Banany dazu, herauszufinden, wie dringend die Hilfe benötigt wird. Kommt kein Sprachkontakt zustande, müssen die Mitarbeiter der DfM vom Schlimmsten ausgehen – und dem Fall die höchste Prioritätsstufe beimessen. Es könnte ja dann sein, dass die Person am anderen Ende der Leitung bereits ohnmächtig ist. In solch einem Fall wird dann auch parallel ein Krankenwagen gerufen. Das Notrufsystem ist laut Regionalleiter Frank El-Banany zudem Bestandteil regelmäßiger Dienstbesprechungen – und zwar immer dann, wenn ein Problem auftrat.

Zum ersten von Hanna Maldinger geschilderten Fall von 2013, bei dem die Pflegekraft die Wohnung des Betroffenen lange nicht gefunden hat, stellt Frank El-Banany fest, dass die technische Anlage von damals schon längst durch eine neue ersetzt wurde. „Das kann so heute nicht mehr passieren.“ Beim jüngsten Fall geht der Regionalleiter davon aus, dass ein technischer Defekt vorlag und deshalb der Signalton in der Wohnung so lang ertönte. Leider komme es manchmal vor, dass das System verlange, den Vorgang drei- bis viermal zu quittieren. „Der Fall ist nicht zu erklären und ist nicht die Regel.“ Danach seien übrigens die Anlagen in allen Wohnungen des betreuten Wohnens in der Luitgardstraße vor Ort überprüft worden. Grundsätzlich besteht laut Frank El-Banany das Problem, dass Bewohner immer mal wieder das Notrufsystem bewusst abschalten oder aus Versehen den Stecker ziehen. In dem Fall muss dann immer jemand ausrücken und nach dem Rechten sehen.

Frank El-Banany kennt laut eigenem Bekunden nicht jeden Bewohner des betreuten Wohnens in Beutelsbach, allerdings hatte er mit Hanna Maldinger schon öfter Kontakt. Er kenne das Gefühl bei Betroffenen, dass bei einem Anruf subjektiv immer das Gefühl eines Notfalls vorherrsche. Aufgabe der Pflegefachkräfte sei es indes, zu priorisieren. „Wir müssen gucken: Wo ist der größte Notfall?“

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