Junge Musiker erobern Weinstadt Steillage Open Air mit Michael Schulte und Lotte

, aktualisiert am 12.08.2019 - 07:12 Uhr

Weinstadt-Großheppach. Wettertechnisch blieben sie bis zum Schluss optimistisch, die Macher des zweitägigen Festivals Steillage, das am Freitag und Samstag in den Großheppacher Mühlwiesen über die Bühne ging. Das vom Wetterbericht ins Spiel gebrachte Tief türmte zwar am Freitagabend bedrohliche Wolken auf, machte dann tatsächlich jedoch einen eleganten Bogen ums Gelände.

Was sich am Ende des ersten Veranstaltungstages aus dem himmlischen Riesenschwarz letztendlich als harmloser Sommerregen entleerte, bescherte den Besuchern in den letzten Konzertminuten nur eine wohlverdiente und sanfte Abkühlung nach schwülheißen Stunden. Und das Samstagswetter kam ohne jede Drohgebärde aus. Für Nils Max, Leiter der Künstleragentur „Klinkt“ von der Popakademie Mannheim, die das Festival in Kooperation mit der Stadt Weinstadt gestaltete, war das ideale Wetter noch das i-Tüpfelchen für eine rundum gelungene Unternehmung. „Das Gelände ist großartig, die Atmosphäre verführerisch, das große Engagement der zahlreichen Helfer beeindruckend und die Künstler sind perfekt und unglaublich freundlich von Seiten der Stadt umsorgt. Steillage ist eine Supersache.“

Mit den Stars von heute und morgen

Bevor an den beiden Konzerttagen die jeweiligen Headliner Michael Schulte (Freitag) und „OK Kid“ (Samstag) auf die Bühne kamen, präsentierte das junge Festival zunächst Zukunftsmusik. Popstars von morgen, vielversprechend talentiert und mit allen musikstilistischen Wassern gewaschen, lockten das Publikum sehr schnell aus seiner zunächst zurückhaltenden Reserve. Yunus etwa, mit Frontman Johannes Berger, gab gleich die Richtung vor. Für den jungen Bratschisten und Sänger, der sich als zwölfjähriger Eminem sieht, tröpfelte das Publikum zum Festivalauftakt am Nachmittag nur langsam aufs Gelände. Doch Yunus zeigte sich als Opener der Spitzenklasse. „Kind kaputt“ und das Indierockduo „Fullax“ legten im Verlauf des Nachmittags ebenfalls einen tollen Auftritt hin. Und bereits in den ersten Nachmittagsstunden wurde klar: Steillage bietet einen grandiosen Einblick in die Mannheimer Zukunftsküche und damit das, was in der Popszenerie generell aktuell so brodelt.

Lotte, durch Bandpool gefördert, ist bereits ganz vorne an der Bühnenrampe gelandet. Gut gelaunt holte sie sich ihr Publikum mit bereits bekannten Songs wie „Du fehlst“ oder „Auf dich“ von ihrem ersten Album „Querfeldein“ und bot für das Publikum auch Songs ihres im Herbst erscheinenden Albums „Glück“. Michael Schulte, selbst kein Mannheimer Zögling, scharte jedoch mit seiner Band ausschließlich ehemalige Akademiestudenten um sich. Den großen, bühnentechnisch aufgebauten Sicherheitsabstand zum Publikum überbrückte der nachdenkliche Poplyriker ohne Schwierigkeiten. „Das Weinstädter Publikum muss ja ziemlich gefährlich sein“ merkte er schmunzelnd an, bevor er musikalisch nicht nur mit bereits Bekanntem überzeugte. Super seine Fassung von Lenas „Satellite“ etwa, eine gute Brücke zum eigenen ESC-Hit „You let me walk alone“, mit dem er das begeisterte Publikum nach genau 60 Minuten entließ und den Zeitplan des Abends leider ohne Zugabe aufs Genaueste einhielt.

Kritische Songs von OK Kid

Mit aktuell Hochkarätigem aus der Mannheimer Kaderschmiede ging’s auch am Samstag weiter. Die coole Formation Indieboy präsentierte sich erstmalig in komplett neuer Zusammensetzung in Weinstadt, die vier Musiker von Fibel rockten das Gelände und Marspol outete sich mit kleinen musikalischen Zitateinsprengseln als echter 80er-Fan. OK Kid beendeten das Open Air am Samstag dann grandios mit ihrem leidenschaftlichen und hemmungslosen Bekenntnis zum Pop. Ihre kritischen Songs („Lügenhits“) samt klarem politischen Statement gegen die AfD machten deutlich: Auf dieser Spielwiese wird das Bild der weichgespülten Popbranche spürbar aufgelöst. Das Publikum ging begeistert mit, die intensive Stimmung auf dem freundlich gestalteten Festivalgelände war greifbar.

Federführend für Idee und Konzept von Steillage ist Projektleiter H. J. Batschauer. Nach einem Beschluss des Weinstädter Gemeinderates vor zwei Jahren ins Projektteam der Gartenschau gekommen, bereicherte er fortan mit seinen Ideen die Programmfindung rund ums grüne Remstaljahr. Ob Sunset Lounge, Tiny-House-Ausstellung oder Steillage, Batschauer sorgte für Volltreffer.

„Weinstadt als Wiege Württembergs sollte mit Steillage ein Festival bekommen, das den Begriff Wiege konkret definiert: Hier kann etwas wachsen und gedeihen“, erläuterte Batschauer seine Überlegungen. Auf der Bühne also: hochkarätige junge Talente als Vertreter eines per Definition entwicklungsträchtigen Genres. Auf dem Festivalgelände: ein junges, entwicklungshungriges Publikum. Sein Festivalkonzept, auf den Mannheimer Pool bestausgebildeter Talente zurückzugreifen, bescherte der Region eine Premiere, die sich gewaschen hat, ein sprühendes Potpourri der aktuellen Popmusiklandschaft. Steillage geht also idealerweise in eine Dauerschleife. „Das ist so in der Planung“ bestätigt Batschauer.


1500 Tickets verkauft

1500 von 3000 Tickets wurden laut der Stadt verkauft. Die Zahl spiegelt nicht ganz den Zuschauerzuspruch: Am gegenüberliegenden Remsufer und Brückenzugängen waren viele Zaungäste, die gratis zuhörten.

Finanziell muss die Stadt bei diesem Event draufzahlen. Selbst wenn alle 1500 verkauften Tickets Kombitickets waren (zum Preis von je 56 Euro), kommen so nur Einnahmen von 84 000 Euro zustande. So ergibt sich bei Netto-Ausgaben von 180 000 Euro auf jeden Fall ein Defizit.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Stadt bereits im Vorfeld ihre geschätzten Kosten stark reduziert hat: Ursprünglich veranschlagte sie 440 000 Euro, wenngleich hier noch der Sportplatz an der Prinz-Eugen-Halle als Festivalort vorgesehen war.

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