Weinstadt-Strümpfelbach „Ich habe auch schon Mörder verteidigt“

„Ich verteidige den Menschen – niemals die Tat“: Der in Strümpfelbach wohnende Rechtsanwalt Thorsten Zebisch hat im evangelischen Gemeindehaus Strümpfelbach über seinen Beruf gesprochen – und die moralischen Zwickmühlen, die dieser mit sich bringt. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Weinstadt-Strümpfelbach.
Er lebt in Strümpfelbach, hat drei Kinder, kennt den ein oder anderen Mörder persönlich und die Hells Angels haben ihn zu ihrer Weihnachtsfeier eingeladen: Bei der Veranstaltungsreihe „Männer im Dialog“ der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde sprach der Verteidiger über die moralischen Aspekte seines Jobs.

„Meine Frau wollte nicht hin“, erklärt Zebisch seine Absage an die Rockerbande. Einige Mitglieder kennt er ganz gut, einen ganz bestimmten Kandidaten hat er gleich durch mehrere Prozesse in Folge begleitet. „Ich verteidige den Menschen – niemals die Tat“, betont Zebisch immer wieder mit Nachdruck. Dabei geht es ganz sicher nicht darum, einem Schuldigen die Strafe zu ersparen, sondern nur darum, einen Menschen und seine Rechte vor Gericht zu vertreten. „Die Aufgabe des Verteidigers ist die bestmögliche Verteidigung des Mandanten – und das verlangt auch das Gesetz“.

Da gibt es dann böse Blicke zum bösen Verteidiger

Ein einfacher Grundsatz, der jedoch, je schwerer das verhandelte Verbrechen ist, bei vielen auf Unverständnis stößt. „Da gibt es dann böse Blicke zum bösen Verteidiger und die Leute fragen dich, wie kannst du nur, wie kannst du so einen verteidigen?“ Aus seinem „Wie-kann-man-nur“-Register hat der Anwalt für den heutigen Vortrag einige besonders brisante Fälle ausgesucht, über die er relativ frei sprechen kann, da sie bereits durch die Presse gingen. Es sind knapp ein Dutzend Fälle aus der Gegend rund um Stuttgart und Tübingen, mit denen er selbst zu tun hatte. In den aus verschiedenen Zeitungen zusammengesammelten Berichten geht es um Mord, Vergewaltigung, fahrlässige Tötung, schwere Körperverletzung, illegale Waffentransporte und Finanzbetrug.

Zwei der Fälle sind besonders grauenvoll: Ein Mann, der seine schwerbehinderte Schwester bis zum Tod vernachlässigt, und eine junge Mutter, die das Neugeborene in eine Dachrinne legt und geht. „Hier fällt es leicht, die Eigenschaften des Menschen kleinzureden und zu sagen: Das sind Monster“, etwas, das seiner Meinung nach auf keinen Fall passieren darf. „Der Angeklagte darf niemals entmenschlicht werden.“ Denn jeder bringt seine eigene Geschichte mit: Die junge Mutter war vergewaltigt worden, ein Umstand, der erst während der Hauptverhandlung ans Licht kam. „Man muss sich überlegen, was in ihr vorgehen musste, dass sie eine Schwangerschaft komplett verdrängt hat, dass der Körper so etwas zulässt.“

Auch Angeklagte sind Menschen

Im anderen Fall war die Mutter der Toten, die einzige Bezugsperson, verstorben. Der Bruder hatte zunächst nach allen Kräften versucht, seine Schwester gut zu pflegen. Als die Schwester sich gegen ihn entschlossen wehrte, Nahrung verweigerte und ihn sogar aussperrte, knickte er ein, schaute einfach nicht mehr nach ihr. „So was ist keine Entschuldigung. Es schafft nur ein Verständnis dafür, warum manche Menschen psychisch auf bestimmte Art reagieren“, sagt Thorsten Zebisch.

Hintergrundgeschichten wie diese machen es eben möglich, den Angeklagten als Menschen wahrzunehmen, nicht als Objekt oder, schlimmer noch, entmenschlichtes Monster. Der Schrecken der Tat bleibt: „Die Schwester ist am Schluss erbärmlich verhungert, im eigenen Kot kläglich verendet.“ Auch die Obduktion eines Säuglings bleibt ungemindert tragisch: „Das sind Bilder, die will man nicht gesehen haben.“ Trotzdem hat er die Täter verteidigt, beide haben ihre Strafe bekommen – wenn auch keine so umfangreiche, wie sich das viele Beobachter gewünscht hätten.

„Es ist nicht meine Aufgabe, die Wahrheit zu finden“

Das Ziel eines Prozesses neben der reinen Wahrheitsfindung ist es laut Zebisch, dass durch das Urteil im Idealfall ein gewisser Rechtsfrieden eintritt. Zum einen soll natürlich die geschädigte Partei das Urteil ausreichend finden, aber auch der Angeklagte soll sich während der ganzen Verhandlung fair behandelt fühlen und seine Rechte beachtet sehen. Manchmal bedeutet das, dass der Verteidiger Dinge weiß, die er der Staatsanwaltschaft vorenthalten muss – denn das Verhältnis zum Mandanten beruht auf Vertrauen und Diskretion. So sind die Spielregeln nun mal, und das ist auch gut so, findet der Jurist. „Wenn der Staat es nicht schafft, den Angeklagten zu überführen. Es ist nicht meine Aufgabe, die Wahrheit zu finden oder das Urteil zu fällen. Und wenn es kein Vertrauen ins System mehr gibt, will ich nicht wissen, was passiert.“

Zebischs Grenze: Er verteidigt keinen, der ein Kind vergewaltigt hat

Der angestrebte Rechtsfrieden kommt natürlich bei weitem nicht immer zustande. Nicht jeder Angeklagte ist zufrieden mit dem gesprochenen Urteil, und für direkt Betroffene scheint die verhängte Strafe oft zu mild im Vergleich dazu, was sie verloren haben. Wer betroffen ist, kann nicht nüchtern urteilen. Auch für Zebisch gibt es eine ganz klare Gewissensgrenze der Belastbarkeit: „Ich habe eine kleine Tochter. Wenn ich jemanden verteidigen müsste, der ein kleines Kind vergewaltigt und umgebracht hätte – das könnte ich nicht. Aber dass tu’ ich dann auch nicht und das ist in Ordnung. Ich bin auch nur ein Mensch, wenn Sie reinstechen, kommt Blut raus.“

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