Weinstadt/Stuttgart Großheppacher Firma gestaltet Medaillen für Turn-WM

Einmal Gold in den Händen halten: Die Turnerin Elisabeth Seitz in Großheppach, umringt von Peter Huber, links, Leiter der Münzprägeanstalt, Fabian Hambüchen, Ministerpräsident Kretschmann, Turn-Präsident Wolfgang Drexler und Firmenchef Bernd Kußmaul. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Weinstadt. Lange bevor die ersten Salti und Schrauben bei der Kunstturn-WM 2019 in Stuttgart gesprungen werden, ist in Großheppach das Medaillenfieber ausgebrochen. Gold, Silber und Bronze am Bande, das nahm seinen Anfang bei der Bernd Kußmaul GmbH und gleicht fast der Neuerfindung des Ehrenzeichens. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wollte sich das jetzt selbst ansehen.

Zu den Kunden von Kußmaul gehören VW, mit seiner Marke Bugatti, oder Rolls Royce. Dann handelt es sich um formschöne und glitzernd funkelnde Metall-Konsolen für den Innenraum, aber auch um Ingenieursleistungen für ein noch leichteres und aparteres Bugatti-Fahrrad. Jetzt aber sollte bewiesen werden, dass auch ansehnliche Sportler-Siegerzeichen aus unserem Land stammen können.

Bernd Kußmaul ließ sich drauf ein, als sich die WM-Organisatoren nach Medaillen-Machern umhörten. „Wir haben spontan Ja gesagt.“ Und sich dann erst einmal stundenlang Trainingsvideos angeschaut von Sprüngen. Auf dass das Motiv auch wirklich dynamisch gerät, eine Leistungsexplosion sichtbar wird auf einem Standbild.

Das Motiv: Stilisierte Turnübungen

Herausgekommen ist wahrlich etwas mit Schwung. Fürs Motiv wurden Turnübungen abgewandelt. Dann sollte die schöne Übung Ausdruck finden, dass die Athleten nach vollzogenem Vortrag die Arme in die Höhe reißen. Und mitten drin findet sich auch noch eine stilisierte 19 fürs Austragungsjahr.

Es handelt sich eigentlich nur um Sportler-Medaillen. Aber man glaubt nicht, was im Thema drinsteckt. Um über den Werdegang zu sprechen, ist aus der Staatlichen Münzprägeanstalt in Bad Cannstatt Dr. Peter Huber angereist, der Leiter. Er weiß eigentlich nur von Schwierigkeiten zu berichten und strahlt trotzdem. Wie einer, der den Doppelsalto sauber steht. Eigentlich das Metier von Fabian Hambüchen, dem Weltmeister und Botschafter der Stuttgarter Gala, der jetzt auch zur Präsentation nach Großheppach kam. So wie auch das deutsche Turnteam-Mitglied Elisabeth Seitz, das in Stuttgart nach einer Medaille strebt.

Huber also lässt auf der Videoleinwand eine Bildersequenz ablaufen und arbeitet dabei als Übersetzer. Für eine Ein-Euro-Münze sind beim Prägen 100 Tonnen Presskraft notwendig. Das Relief ist 0,15 Millimeter hoch. Hier aber, um der Dynamik Raum zu geben, handelt es sich um eine Prägetiefe von satten drei Millimetern. Was dann fürs Stempeln des Kupfer-Rohlings schon 6000 Tonnen Prägekraft erfordert. „Dazu sind also 1000 Elefanten erforderlich“, spricht der Herr über die Münzen im Land. Und spricht etwas an, was offenbar für alle Teilnehmer am Medaillen-Findungsprozess gilt: „Wir haben uns gegenseitig zur Perfektion getrieben.“

Mit der Beimischung Rosé-Gold

Noch ein nicht selbstverständliches Detail: Die Goldmedaille bekommt den üblichen hauchdünnen Goldüberzug. Für den zweiten Platz wollten es die Kussmaul-Perfektionisten nicht einfach bei Silber belassen. Titan findet sich noch in der Legierung. Die Bronze-Medaille schimmert überwirklich hellrosa. Da half dann die Beimischung von Rosé-Gold.

Sowohl in der Münze in Cannstatt als auch in Großheppach läuft erstaunlich viel mit Handarbeit. Um das Motiv in den Stahl-Stempel fräsen zu können, wurde erst aufwendig mit Gips modelliert. Und in Großheppach sitzen jetzt ein halbes Dutzend Arbeiter mit Multimaster-Schleifmaschinen der Firma Fein an den Arbeitsplätzen, um die gepressten Rohlinge in Strahleform zu bringen. Vier Stunden Polierzeit für die Vorderseite. Zwei Stunden für die Rückseite. Und das bei 110 Medaillen.

Und Kretschmann? Der zeigte sich beeindruckt, auch wenn sein Zwischenurlaubs-Termin am Montag ihn wahrscheinlich stärker prägte – da schaute er sich noch das Waldsterben im Schwarzwald an. Etwas, bei dem man eigentlich gar nicht zuschauen will.

Der Landesvater, der anschließend Urlaub in Griechenland macht, um Homer im Original zu lesen, brachte die geschichtliche Dimension ein. Bei den ersten Olympischen Spielen mussten noch Sellerieblätter und Lorbeer-Grün den Sieger bekränzen. Nachhaltige Leistungsanerkennung sieht anders aus.

Deshalb, so die kleine Geschichtsstunde mit dem MP, kam es zur Ausgabe von Metall mit Edelmetall-Überzug. Dass dieses „Beständige und Werthaltige“ von A bis Z aus dem Land kommt, das freut den Regierungschef.

Winfried Kretschmann spürt auch an sich: „Die Begeisterung ist da.“ Von dem Schwung soll auch was „durchschlagen aufs Land“.

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