Weinstadt/Stuttgart Vom Bordellchef zum Suchthelfer

Wenn Uwe Vetter heute auf sich selber blickt, sieht er einen Menschen, der zuversichtlich in die Zukunft schauen kann. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Weinstadt/Stuttgart. Er war drogenabhängig, Bordell-Geschäftsführer, im Milieu „bekannt wie ein bunter Hund“ – heute hilft er Süchtigen, und jeden neuen Tag beginnt er mit einem Gebet: Uwe Vetter, Jahrgang 1960, aus Weinstadt, Mitgründer des Vereins „Aufbruch“.

Wie rutscht man in so was rein? Es waren die späten 70er Jahre, Vetter lernte Friseur – und nach Feierabend verdiente er sich was dazu: Im legendären Stuttgarter „Sauna-Club“ von „Wallibär und Monimaus“, schnitt er „den Mädchen“ die Haare.

Wallibär wurde verhaftet, Monimaus sagte: Uwe, kannst du dich um die Geschäfte kümmern? So wurde Vetter, da war er Anfang 20, Bordellchef: organisierte einen Betrieb mit „30 Prostituierten rund um die Uhr“; jonglierte mit 130 000 Mark im Monat; eröffnete eine Topless-Bar mit Séparées in Spanien; verschob „die Mädchen“ von Stuttgart nach Mallorca und wieder zurück; drehte manch anderes Ding, „von Falschgeld bis zu Waffenhandel“; verkaufte auch Stoff. „Beschämend“, sagt er heute.

Motorboot, Mädchen, Kokain

Damals habe er darüber „nie nachgedacht. Nicht mal im Ansatz.“ Er war „angekommen: Motorboot, Mädchen, Kokain“.

Einmal nahm er versehentlich „ein Näschen“ vom falschen Zeug: Der „Hausdealer“ hatte ein Päckchen gebracht, weißes Pulver, Vetter dachte, es sei Koks. Es war „dry H“, lupenreines Heroin. Man fühlt sich im H-Rausch „geborgen wie ein Baby“? Vetter fand: Es war besser. Mit der ersten Nase wusste er: „Das ist mein Ding, und das ist mein Problem.“

Immer wieder „wollte ich aufhören“, ein „normales Leben zurückholen“, er entgiftete mit „Kamillentee und heißer Badewanne“, begann Therapien, brach sie wieder ab, und ab und an saß er im Knast. Warum schaffte er den Absprung nicht? Spuren mögen in die Kindheit führen: Vetter deutet an, er sei als Kind sexuell missbraucht worden. Aber er macht kein großes Gewese darum. Er findet, „da muss man ehrlich sein“: Ein Teil von ihm wollte haargenau dieses Halbweltdasein. „Als normaler Arbeiter durchs Leben schleichen?“ Er entschied sich wieder und wieder „fürs Kriminelle“.

Raus aus dem Milieu: Der lange Weg ins zweite Leben

Das Wunder seines zweiten Lebens begann 1995: Er wurde substituiert. „Substituere“ ist lateinisch und bedeutet „ersetzen“ – der Opiat-Abhängige erhält ein Medikament, damit er keine Drogen mehr braucht; ein Schmerzmittel, seinerseits ein Opioid. Die Behandlung war damals politisch noch hochumstritten – der Stuttgarter Arzt Dr. Albrecht Ulmer aber, an den Vetter geriet, war Pionier und Koryphäe. „Wenn der Mann nicht gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich schon tot.“

Es folgten bürgerliche Jahre, Vetter führte ein normales Lokal mit Biergarten; bis er 2008 mit einem halben Gramm Kokain erwischt wurde und acht Monate in U-Haft landete. Sein Lokal ging den Bach runter, danach hauste er auf Hartz IV und als „Eierdieb“. Zwischenbilanz: „Über 20 Eintragungen im Bundeszentralregister“, zusammengezählt fünf Jahre Gefängnis.

Der Stuttgarter Anwalt Andreas Herrmann half aus dem Sumpf: Vetter meldete Privatinsolvenz an, löste sich Schritt für Schritt von einem Stapel alter Schulden – und 2015 gründeten die beiden den Verein „Aufbruch“. Zweck laut Satzung: Süchtigen beistehen. Vetter begann, sich um andere zu kümmern, begleitete sie zu Gerichtsterminen, half bei Schreiben an Gläubiger.

Wenn du von der Droge runter bist, beginnt der Kampf erst richtig

Seit einigen Monaten aber hat er den ersten richtigen Arbeitsvertrag seines Lebens: Aus dem Ehrenamt ist ein Beruf geworden, eine feste Stelle, als „Aufbruch“-Mitarbeiter, finanziert vom Jobcenter.

Damals im Milieu „hab ich das Geld zum Fenster rausgeschmissen, damit es zur Tür wieder reinkommt“, jetzt erhält er Mindestlohn: 9,19 Euro die Stunde, 40 Stunden pro Woche, macht 1575 brutto im Monat plus 299 Euro für die Sozialversicherung. „Ich muss jetzt dreimal mein Geld rumdrehen. Und fühle mich heute so wohl wie noch nie. Ich bin dankbar, wirklich richtig dankbar, dass ich die Möglichkeit hab.“ Und hier, noch eine Zahl, auf sie ist er „so stolz!“ Vetter zückt ein Arztschreiben und zeigt auf seinen Gamma-GT-Leberwert: 66! Einst lag er bei 225. Vetter hält inne. „Doch. Einfach dankbar, ja.“

Nächstes Ziel: Er will gemeinsam mit seinem Vereinsmitstreiter Herrmann eine Art Erstberatung für verschuldete Suchtkranke aufbauen, denn das weiß er aus eigener Erfahrung: Wenn du von der Droge runter bist, beginnt der Kampf erst richtig – der Blick wird klar, du siehst plötzlich messerscharf, was vorher im Nebel verschwand. Du fühlst dich wie neu, „tschaka-tschaka“, „machst du den Briefkasten auf“; und all die Mahnschreiben quellen heraus.

Vetter und „der da oben“, oder: Die Sache mit dem Seelenheil

Uwe Vetter lebt in Weinstadt bei seiner Mutter, seit ein paar Jahren schafft er sich auf der Gitarre klassischen Flamenco drauf, täglich geht er zur Arbeit, und kein Tag beginnt „ohne mein Morgengebet“.

Oha, Herr Vetter – Sie glauben also neuerdings?

Moment, der Satz ist doppelt falsch. Erstens: Nicht neuerdings, „immer schon“, selbst in den Jahren, da er „Zinnober ohne Ende“ hatte „mit dem da oben“, weil der immerzu runterflüsterte: „Was machst du mit dir und deiner Seele?“ Zweitens: „Ich glaube nicht, ich weiß es.“

Ob Gott „Mann, Frau“ oder „ein Es“ ist? „Einen Bart hat“ oder nur aus „Energie“ besteht? Egal. Mit religiöser Orthodoxie hat Vetter nichts am Hut. Muslim, Christ oder Buddhist – „ich fühle mich allen zugehörig, die sich um ihr Seelenheil kümmern“.

Manche glauben an Wiedergeburt, andere an das ewige Leben. Wer hat recht? Fürs Erste ist das nicht entscheidend – denn „jeder Morgen“, sagt Uwe Vetter, „ist wie eine Auferstehung“.


Ein Teilhabe-Gesetz

Uwe Vetters Stelle wird vom Jobcenter Rems-Murr finanziert nach Paragraf 16 i im Sozialgesetzbuch II. Menschen, die lange arbeitslos waren, soll darüber wieder eine Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht werden. In diesem Fall fungiert der Rechtsanwalt Andreas Herrmann als Arbeitgeber. Das Jobcenter bezahlt in den ersten beiden Jahren des Arbeitsverhältnisses 100 Prozent des Lohns, im dritten Jahr 90, im vierten 80, im fünften 70 Prozent. Berechnungsgrundlage ist der aktuell geltende Mindestlohn – er liegt derzeit bei 9,19 Euro die Stunde.

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