Weinstadt Was im Bleistiftareal alles versteckt ist

Aline Kottmann (Dritte von links) und Vertreter der Grabungsfirma Archaeo BW haben die Erkenntnisse der monatelangen Arbeiten auf dem Beutelsbacher Bleistiftareal präsentiert. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Weinstadt-Beutelsbach.
Dem Bau des Wohn- und Geschäftshauses mit Bücherei im Bleistiftareal steht nichts mehr im Weg: Die Grabungen auf dem Gelände nach mittelalterlichen Spuren sind am Donnerstag abgeschlossen worden. Vier Monate hat die Firma Archaeo BW im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege die Erde abgesucht, auf insgesamt 1800 Quadratmetern. Dabei ging es nicht hauptsächlich darum, spektakuläre Gegenstände zu finden, sondern um die Siedlungsstrukturen. Ob es die im Boden vermutete Schmiede tatsächlich gab, konnte laut dem Landesdenkmalamt indes nicht richtig überprüft werden – und das lag an der Arbeit der zuständigen Abrissfirma.

Abrissunternehmen war vor der Grabung tätig

Aline Kottmann, Gebietsreferentin für Mittelalterarchäologie bei der Behörde, erläuterte unserer Zeitung, dass sie bereits vor der ersten Grabung vermutete, dass sich im Bleistiftareal Spuren des Spätmittelalters finden lassen. Um aber ganz auf Nummer sicher zu gehen, wurde vor der offiziellen Grabung eine Sondage vorgenommen. Heißt: Dabei werden schmale Probeschnitte durchs Gelände gemacht. In jenem Abschnitt, in dem die Schmiede vermutet wurde, befand sich zum damaligen Zeitpunkt ein Keller. Das Abrissunternehmen hatte laut ihrer Aussage den Auftrag, mit Blick auf die Bebauung des Bleistiftareals Gebäude abzureißen – und dabei habe es angeboten, auch gleich den Keller zu entfernen. Was gut gemeint gewesen sei, habe dazu geführt, dass die Archäologen in diesem Abschnitt nicht mehr graben konnten. Sonst aber hatten sie Zugriff aufs ganze Gelände.

Glück mit dem bislang milden Winter

Von Mitte August bis Mitte Dezember wurde gegraben. Wegen der günstigen Witterung (es gab keinen Schnee und keine hohen Minustemperaturen) konnten die Mitarbeiter der beauftragten Firma Archaeo BW von Montag bis Freitag wochenlang durcharbeiten. Pausen mussten nur eingelegt werden, wenn es zu stark regnete.

Der spektakulärste Fund im Bleistiftareal ist eine sogenannte Pilgerflasche, die anders als üblich aus Glas besteht. Dazu gesellt sich Buocher Feinware, also Keramik, die im Mittelalter hergestellt wurde. Für Aline Kottmann, Gebietsreferentin für Mittelalterarchäologie beim Landesdenkmalamt, sind indes die Siedlungsstrukturen das, was für die Fachleute am spannendsten ist – weil diese in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden können. So haben sich die Menschen im Mittelalter auf dem Bleistiftareal sehr viel Mühe damit gemacht, das an sich feuchte Gelände aufwendig zu entwässern. Das Grundwasser, das bereits in 2,30 Meter Tiefe anzutreffen ist, war auch der Grund, warum die Archäologen zum Beispiel bei einem alten Brunnen nicht tiefer graben konnten.

Dass im Bleistiftareal Archäologen zum Einsatz kamen, ist indes nicht der Stadt Weinstadt zu verdanken. Diese hatte mit Blick auf die Erfahrungen aus der Vergangenheit bei der Planung des neuen Wohn- und Geschäftshauses nicht damit gerechnet, dass das Landesdenkmalamt hier überhaupt tätig wird. Folge: Der Mietvertrag für die Bücherei, die vom Reicheneckerhaus ins Bleistiftareal umziehen soll, wurde zum 31. Oktober 2020 gekündigt.

Dieses Umzugsdatum war dann vor dem Hintergrund der Grabungen nicht mehr zu halten. Das Liegenschaftsamt schaffte es allerdings, den Vertrag für die Stadtbücherei um ein Jahr bis zum 31. Oktober 2021 zu verlängern – und zwar nach Angaben des Weinstädter Pressesprechers zu den alten Konditionen. Heißt: Es blieb bei den jährlichen Mietkosten von 92 926 Euro. Baustart für das Projekt soll im März 2020 sein.

Ausstattung der Archäologie im Land war schon mal schlechter

Wie sich die Stellung der Archäologie im Landesdenkmalamt im Vergleich zu früher gewandelt hat, zeigt ein 40 Jahre alter Brief, den der langjährige Weinstädter Stadtrat Wolf Dieter Forster 1979 von Hartmut Schäfer erhielt, der damals für die Zentralstelle Archäologie des Mittelalters arbeitete. Forster hatte in jenem Jahr versucht, im Beutelsbacher Bundschuhweg, also nicht weit entfernt vom Bleistiftareal, im Zuge eines Neubauprojekts archäologische Grabungen anzustoßen. Er scheiterte – was aber nicht am Unwillen in der Behörde lag.

Vielmehr war die dortige Zentralstelle für Archäologie des Mittelalters chronisch unterbesetzt – mit der Folge, dass Grabungen trotz Erfolgsaussicht nicht zustande kamen. „Bei der Arbeitskapazität, die unserem Amt zur Verfügung steht, sind wir darauf angewiesen, eine strenge Auswahl zu treffen. Dieser Zwang, der sich längerfristig nur auf politischem Wege mildern ließe, führt häufig dazu, dass auch sehr ergiebige archäologische Objekte zerstört werden, ohne dass eine wissenschaftliche Untersuchung möglich ist“, schrieb Hartmut Schäfer. Sein Fazit: „Es tut mir leid, dass Beutelsbach zu den Städten gehören wird, in denen das Landesdenkmalamt nicht einmal das Notwendigste leisten kann.“

Wünsche des Stadtarchivars

Dass im Bleistiftareal gegraben wurde, ist so gesehen im Vergleich zu früher ein Fortschritt. Der Weinstädter Stadtarchivar Bernd Breyvogel hofft nun, dass die Stadt von den vielen Funden profitiert – und zwar im Rahmen von Leihgaben fürs Württemberg-Haus. Ob es dann gleich eine große Ausstellung gibt oder nur eine kleine Präsentation, ist noch offen.

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