Weltfrauentag 2019 Frauenrechte: Es gibt noch viel zu tun

Juhu, am 8. März ist Weltfrauentag! Und das ganze Internet dreht durch und feiert die Weiblichkeit. Wirklich? Anstatt Frauen mit schockierend peinlichen Postings und Tweets pr-wirksam gratulieren zu wollen, sollte man sich fragen: Gibt es eigentlich Grund für Glückwünsche? 

Video: Warum eigentlich Glückwünsche zum Frauentag?

Frauen in der Mehrzahl - und deutlich unterrepräsentiert

Der größere Teil der Bevölkerung unseres Landes ist weiblich. Über die Hälfte der insgesamt 82,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Mädchen und Frauen (51% beziehungsweise 41,8 Millionen). Trotzdem sind Frauen in der Politik deutlich unterrepräsentiert. Nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten im Bundestag ist weiblich (30,9 %). Von den insgesamt 709 Sitzen sind nur 219 mit Frauen besetzt.

Auch im Landtag von Baden-Württemberg besteht Nachholbedarf. Direkt nach der Landtagswahl im Jahr 2016 waren nur 24,5 Prozent der Abgeordneten weiblich. Das entspricht lediglich gut einem Viertel der Sitze. Vergleicht man diesen Wert mit dem Frauenanteil in Parlamenten auf der ganzen Welt, bewegt sich das baden-württembergische Landesparlament auf einer Ebene mit den Parlamenten in Estland (26,7 %), San Marino (26,7 %) und Vietnam (26,7 %).

Auch in den Kommunalparlamenten Baden-Württembergs sind Frauen in den meisten Fällen deutlich unterrepräsentiert. Nach den Gemeinderatswahlen 2014 gab es lediglich 10 Gemeinderäte, in denen jeweils die Hälfte der Sitze an Männer bzw. Frauen ging. Auch in den Gemeinden im Rems-Murr-Kreis sieht es nicht wirklich besser aus, wie die Kollegin Lea Krug recherchiert hat. 

Für gleiche Arbeit weniger Lohn: Gender Pay Gap

Immer noch herrscht in Deutschland ein allmeiner Verdienstunterschied bei den Geschlechtern, der sogenannte Gender Pay Gap. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen im Jahr 2018 pro Stunde mit einem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von 16,59 Euro satte 21 Prozent weniger als Männer. Die wichtigsten messbaren Gründe für den unbereinigten Gender Pay Gap sind unterschiedliche Branchen und Berufe, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt. 

Beim sogenannten bereinigten Gender Pay Gap wird jener Teil des Verdienstunterschieds herausgerechnet, der auf strukturelle Unterschiede zurück­zuführen ist. 2014 lag er bundesweit bei sechs Prozent. Das heißt, dass Frauen bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit pro Stunde durchschnittlich sechs Prozent weniger als Männer verdienten.

Frauen in den Chefetagen? Wenig. Frauen im Kinderzimmer? Sehr viele. 

2014 waren nur 29 Prozent der Führungspositionen* in Deutschland von Frauen besetzt. Damit liegt Deutschland nur im unteren Drittel aller EU-Mitgliedsstaaten. Lettland war mit einem Frauenanteil in Führungspositionen von 44 Prozent EU-Spitzenreiter. In Ungarn (40 Prozent), Polen und Litauen (jeweils 39 Prozent) gab es ebenfalls relativ hohe Quoten.

Frauen bleiben öfter wegen der Kinder zu Hause. Bei Paaren mit Kindern unter drei Jahren gingen im Jahr 2015 rund 83 Prozent der Väter einer Erwerbstätigkeit in Vollzeit nach. Für die Mütter war eine Erwerbstätigkeit in Vollzeit mit einem Anteil von 10 Prozent hingegen eher die Ausnahme. Lediglich bei acht Prozent der Paare gehen beide Vollzeit arbeiten, und noch seltener bleibt der Papa mal zu Hause oder arbeitet in Teilzeit: Dies traf 2015 auf insgesamt zwei Prozent der Paare mit Kindern unter drei Jahren zu. 

Lohnlücken, Teilzeit, Elternzeit, das macht sich auch im Alter bemerkbar: Frauen erhalten im Schnitt weniger gesetzliche Rente: Durchschnittlich 539 Euro weniger als Männer in Baden-Württemberg.

Nur in einem führen Frauen ganz klar die Liste an: Frauen putzen deutlich häufiger als Männer.

Aber, hey, immerhin können wir uns freuen: Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen, seit 1977 sogar ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten gehen. Bis 1958 durften Frauen ohne Einwilligung des Gatten auch kein eigenes Bankkonto eröffnen. Ohne Kampf für Frauenrechte wäre das vielleicht bis heute so.  

Frauentag ist kein Wellnesstag, sondern das Gegenteil

Der Frauentag ist kein Wellness-Gute-Laune-Tag, den Unternehmen missbrauchen sollten, um sich mit mehr oder weniger geglückten Botschaften bei ihnen einzuschleimen oder in die Twitter-Trends zu gelangen. Frauen müssen auch in diesem Jahrtausend  um viele Rechte kämpfen. Dieses Jahr lautet das Motto des Frauentages in Deutschland „Verfassungsauftrag Gleichstellung – Taten zählen!"

PS: Den peinlichsten PR-Stunt dieses Jahr haben sich diese Herren hier von Engel & Völkers geleistet. Der Vorstand erzählte auf dem Unternehmensblog von weiblichen Vorbildern - wie zum Beispiel der Oma. So kann man den Frauentag auch würdigen - ohne auch nur eine Frau zu Wort kommen zu lassen. Der Beitrag wurde zwischenzeitlich gelöscht und durch Interviews mit weiblichen Führungskräften ersetzt.


Quellen: Statistisches Bundesamt, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, YouGov

*Zu den Führungspositionen nach der internationalen Standardklassifikation der Berufe (ISCO) zählen Vorstände und Geschäftsführer/-innen sowie Führungskräfte in Handel, Produktion und Dienstleistungen.

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