Welzheim Ärger um Sichtschutzzäune im Römerweg

So sehen die Zäune von außen aus. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Welzheim. Die Meinung im Bauausschuss des Welzheimer Gemeinderats war eindeutig: Die Sichtschutzzäune im Römerweg müssen zurückgebaut werden. Für die betroffenen Anwohner ist das unverständlich. Gibt es doch in der Straße weit höhere Hecken und Zäune, die genau so bleiben dürfen.

Wer den Garten von Familie Nuding betritt, dem fliegen Schmetterlinge und Bienen entgegen. Salbei steht dort neben Ziegenbart, Sonnenblumen neben Gänswurz und Flammenblumen neben Geranien. Auf kleinem Raum hat Doris Nuding hier ein Stück Grün geschaffen, in dem sich Insekten genauso wohlfühlen wie die Menschen.

Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Denn zur Straße hin hat die Familie einen Sichtschutzzaun errichten lassen – und der muss, so hat es der Bauausschuss kürzlich entschieden, versetzt werden. Weil er auf der Grundstücksgrenze steht, soll er künftig 75 Zentimeter weiter von der Straße weg stehen.

„Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich das gehört habe“, sagt Doris Nuding. Sieben Jahre lang habe sich niemand daran gestört, auch nicht an den beiden Zäunen der benachbarten Häuser. Doch dann wollte ein Nachbar Vergleichbares bauen und wandte sich mit dem Wunsch an die Verwaltung. Dort bekam er die Auskunft, dass dies nach dem Bebauungsplan gar nicht zulässig ist. Kurz darauf wurde die Baukontrolle des Landratsamts in der Sache tätig – und beanstandete den Zaun.

Den Anträgen auf Befreiung für die bestehenden Zäune hatte der Bauausschuss nur unter der Bedingung zugestimmt, dass der Zaun zurückgebaut wird. Denn kritisiert wurde nicht die Höhe, sondern der Abstand zur Straße. Außerdem sollen die Zäune auf mindestens der Hälfte der Länge und Höhe begrünt werden. Das Gremium folgte darin der Auffassung der Verwaltung und tat zugleich seine Ablehnung des Sichtschutzes kund. Eine solche Art des „Verbarrikadierens“ sei in Welzheim nicht gewünscht.

Nicht durchsichtig? Adams-Eßweins Zaun hat sogar kleine Sichtfenster

Harriet Adams-Eßwein, die auch von dem Beschluss betroffen ist, widerspricht vehement. Sicher seien die drei Zäune aus Draht, Kunststoff und Glas Geschmackssache. „Aber wir mauern uns nicht ein.“ Die Welzheimerin verweist darauf, dass durch ihren Sichtschutzzaun sogar gesehen werden kann. Er hat nämlich durchsichtige Elemente. Dass ihnen durch den Rückbau ein Stück des Gartens genommen werden soll, kann sie nicht nachvollziehen.

Außerdem gebe es in der Nachbarschaft ähnliche Begrenzungen. Etwa einen völlig blickdichten Holzzaun, der weit höher sei als ihr Sichtschutz (und ohne Abstand zur Straße). Oder Thujahecken, teilweise kaputt und lange nicht mehr geschnitten, die ebenfalls weit über zwei Meter hoch seien und in die Straße hineinragen. Durchsehen könne man da jedenfalls überhaupt nicht mehr (auch wenn es sich dabei baurechtlich nicht um einen Sichtschutz handelt).

„Hinter einer Thujahecke würde nichts wachsen.“

Nach dem Bebauungsplan von 1989 ist all dies ohnehin untersagt. Dort sind zur Straße hin nur Mauern bis zu 50 Zentimeter Höhe zulässig beziehungsweise „lebende Einfriedungen mit heimischen Laubsträuchern“ von bis zu einem Meter Höhe. „Daran hält sich offensichtlich keiner“, so Adams-Eßwein. Denn bei Thujas handle es sich nicht um einheimische Laubsträucher, sondern Gewächse, die in Nordamerika und Asien heimisch sind. Pflanzen zudem, die tief wurzeln, dem Boden viel Wasser entnehmen und damit einen Garten wie bei den Nudings erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Ökologisch sinnvoller als ein Sichtschutz aus Plastik oder Glas sei das jedenfalls nicht. „Hinter einer Thujahecke würde nichts wachsen.“

Doris Nuding sagt: „Wir wollen niemandem etwas Böses“. Etwas ungerecht findet sie es aber schon, wenn jetzt ihr Zaun versetzt werden soll, während in der Straße, eine Sackgasse am Rande der Stadt, reihenweise hohe Hecken stehenbleiben dürfen. Zumal bei einem Rückbau nicht nur die Bepflanzung wegmüsste, sondern auch Kosten von mehreren Tausend Euro auf sie zukommen würden – und keiner der Nachbarn sich bislang über diese Art des Sichtschutzes beklagt habe. Enttäuscht zeigen sich die Anwohner des Römerwegs auch über die Stadträte, an die sie sich in dieser Sache gewandt hatten und die mit Unverständnis und sachlichem Verweis auf den Bebauungsplan reagiert hätten.

Stadträtin Claudia Kuhn, die sich in der Sitzung des Bauausschusses klar gegen den Sichtschutz in seiner jetzigen Form ausgesprochen hatte, sprach das Thema in der letzten Sitzung des Gemeinderats nun noch einmal an. Sie erinnerte daran, dass auch die Thujahecken in der Nachbarschaft nicht erlaubt seien. „Das muss untersucht werden“, so ihr Appell an das Gremium.

Bürgermeister Bernlöhr lehnt flächendeckende Kontrollen ab

Verwaltungsmitarbeiter werden jetzt aber nicht durch die Straßen ziehen und untersuchen, wer Verstöße begangen hat, erwiderte Bürgermeister Thomas Bernlöhr, der solche Überwachungsmethoden nicht nur des hohen Aufwands wegen ablehnt.

Für unfair und einseitig halten das die betroffenen Anwohner, die jedem ihrer Nachbarn ihren Sichtschutz (ob als Zaun oder Hecke) gönnen und den Wunsch nach ein wenig Privatsphäre teilen. Diese Entscheidung säe letztlich Unfrieden zwischen den bisher in Einklang lebenden Anwohnern des Römerwegs. „Und der Gemeinderat sollte sich doch für die Bürger einsetzen, oder etwa nicht?“, so Adams-Eßwein.

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