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Welzheim Bienenkonferenz: Damit das Summen nicht ausstirbt

Welzheim. Die Bienen sterben – was können wir tun? Bei der „Bienenkonferenz“ in der Welzheimer Eugen-Hohly-Halle warben Experten von Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald und Landesnaturschutzverband für wilden Wiesenwuchs statt drögen Einheitsgrüns.

Wo, fragte neulich der Kollege in der Redaktion, sind eigentlich die ganzen Insekten hin? Früher während der Autofahrt habe er sich manchmal mit Spritzdüse und Scheibenwischer freie Sicht erschrubben müssen, weil dermaßen viel Kleingetier gegen das Frontfenster spratzelte.

Sicher, nur ein subjektiver Eindruck – aber Robert Auersperg vom Landesnaturschutzverband kann ihn objektiv bestätigen: Seit Jahrzehnten misst der „Entomologische Verein Krefeld“ das Vorkommen von Fluginsekten, indem er Fallen aufstellt. Im Jahr 1989 fingen die Forscher fast anderthalb Kilogramm. 2013 waren es noch rund 300 Gramm.

Eine weitere niederschmetternde Zahl: Seit 2014 seien in Deutschland rund 30 Prozent aller Bienenvölker verschwunden. Bienen aber tragen Blütenpollen von Pflanze zu Pflanze – ohne diese Bestäubung „kein Obst und Gemüse“, sagt Auersperg. Bienen, schrieb die Zeitung „Die Welt“ einmal, sind „ein gigantischer Wirtschaftsfaktor“. Seriöse Studien schätzen die weltweite Wertschöpfung, für die Bienen durch ihre Bestäubungsleistung sorgen, auf 200 Milliarden Euro pro Jahr. Bräche das weg, drohten rund um den Globus in vielen Gegenden Ernteausfälle und Hungersnöte.

Gründe für das Massensterben

Ein Massensterben – warum? Auersperg nennt ein Bündel von Ursachen: Flächenversiegelung zerstört Lebensräume. Der Klimawandel bringt extreme Witterungsereignisse mit sich, immer frühere Frühlingsblüten, bisweilen aber auch heftige Spätfröste. Vor allem aber: Die hochspezialisierte industrielle Landwirtschaft arbeitet mit massenhaft Pestiziden und Insektiziden.

Ach was, das hat doch mit uns nichts zu tun, sagen die Chemiekonzerne, dass die Bienen sterben, liegt an der Varroa-Milbe. Ja, antwortet Auersperg, die ist tatsächlich ein massives Problem; ihre ganze vernichtende Wucht aber entfaltet sie erst, wenn sie auf entkräftete Völker trifft, deren Immunsystem und Orientierungssinn bereits geschädigt sind. Abgesehen davon: „Varroa destructor“ befällt eben nur Bienen; das Insektensterben insgesamt lässt sich so nicht im Entferntesten erklären. Von Insekten wiederum ernähren sich Vögel – und nach Erhebungen der EU ist die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten Europas binnen 30 Jahren um 57 Prozent geschrumpft.

Was tun? „Pestizide verbieten“, sagt Auersperg, „Flächenversiegelung stoppen“ – klar so weit. Kommunen aber, die lokal handeln wollen, weil sie global denken, bieten sich noch weitere Möglichkeiten. Ein geniales Beispiel stellt bei der Konferenz Georg Krause vor, Umweltbeauftragter in Donzdorf, einem 10 000-Einwohner-Städtchen im Landkreis Göppingen.

Mehr Wildnis vor Haustür wagen

Die Donzdorfer beschlossen vor knapp 20 Jahren: „Wir wagen mehr Wildnis vor der Haustür“, wir arbeiten nicht mehr mit ,Wechselflor’, wir pflanzen in den städtischen Grünstreifen, Beeten und Rabatten nicht mehr zweimal pro Jahr frisch ein, wir lassen das mit den x-tausend Begonien im Frühling und x-tausend Stiefmütterchen im Herbst, wir nehmen ab jetzt „dauerhafte Staudenpflanzen“, die sich jahrelang halten, heimische Arten, „gebietseigenes Saatgut“.

Pflegeaufwand? „Da spart man enorm.“ Geldaufwand? Allein im repräsentativen Schlossgarten fallen „18 000 Euro Pflanzkosten weniger pro Jahr“ an. Und die Optik? Lila Katzenminze, gelbe Färberkamille, sanftrosa Zaunwicke und grellpinke Kartäusernelke sind „fast genauso bunt“ wie der traditionelle Wechselflor. Sicher, im Sommer haut das „nicht ganz so poppig“ aufs Auge. „Dafür fängt es im Frühling früher an und blüht im Herbst länger.“

Das Beste aber: Für Insekten sind die Donzdorfer Wildblumenwiesen ein Paradies. Der Bläuling breitet seine Schmetterlingsflügel, die Dunkle Erdhummel brummt vorbei, und schau, da hinten, beim Schwirrflug in der Luft stehend wie ein Kolibri: eine Garten-Wollbiene. Das also ist der Donzdorfer Weg. Oder, wie es frei nach John Lennon in einem Werbespruch von Greenpeace heißt: „Give bees a chance!“

Wiesenstreifen neben Radwegen, Verkehrsinseln und Böschungen

Vorbildlich, finden auch Meika Bakker und Lisa-Marie Funke vom Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. Sie sagen: 2019 ist Bundesgartenschau in Heilbronn und Landesgartenschau im Remstal – die Gegend dazwischen aber könnte zum „Blühenden Naturpark“ werden, wenn allerorten die Kommunen ihre „Eh da“-Flächen, Wiesenstreifen neben Radwegen, Verkehrsinseln, Straßenböschungen, Grünzonen in Gewerbegebieten, ökologisch aufpeppen. Bakkers und Funkes Vision: „Wenn man durch den Naturpark fährt, dann blüht und summt es einfach überall.“

Info:
Der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald hat das „Bienenjahr 2017“ ausgerufen. In einer Broschüre gibt es Tipps zum Bienenschutz, Informationen über die Imker in der Region und jede Menge Veranstaltungshinweise. Mehr dazu auf www.naturpark-sfw.de
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