Welzheim Heilige Nacht, gesellige Nacht

Sarah hat eigentlich mit Weihnachten „nicht viel am Hut“, aber will als Gastgeberin anderen ein schönes Weihnachten bescheren. Foto: Alexandra Palmizi / ZVW

Welzheim. Ausgerechnet am Fest der Liebe alleine sein, das ist für viele Menschen traurige Realität. Die Facebook-Gruppe „Weihnachten (nicht) allein“ möchte das ändern. Sarah aus Welzheim, 27, macht mit und wird als Gastgeberin an den Feiertagen bis zu acht Fremde willkommen heißen.

Eigentlich könnte es Sarah* egal sein. Die 27-jährige Welzheimerin verbringt Weihnachten in der Regel nicht allein, hat im Ort Eltern und Freunde. Außerdem, so sagt sie selbst, habe sie mit Weihnachten ohnehin nicht viel am Hut. Dennoch hat sie sich als Gastgeberin bei einer Facebook-Gruppe angeboten und wird mindestens einen der Feiertage mit bis zu acht wildfremden Personen in ihrer Wohnung verbringen. „Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, an Weihnachten nicht allein sein zu müssen“ erklärt sie. Und sie wolle etwas von ihrem Glück weiter geben.

Ein Fest der Familie - wenn man keine hat, wird´s schwierig

„Weihnachten (nicht) allein“ heißt die geschlossene Gruppe auf Facebook mit momentan 47 Mitgliedern. Gegründet hat sie Heike Paulus aus Stuttgart, vor gerade etwas mehr als einer Woche. Die 30-jährige stammt aus Köln, ist vor Jahren für den Beruf nach Stuttgart gezogen und kennt aus eigener Erfahrung die Einsamkeit, die man als Single fernab der Familie an den Weihnachtsfeiertagen spürt. Weil sich zum Fest der Liebe scheinbar alle in ihre vier Wände zurückziehen, um bei Braten und Christbaum die geballte Glückseligkeit zu erleben.

„Es ist nun mal ein Fest der Familie“ erzählt Heike Paulus. „Wenn man keine hat oder Single ist, wird es schwierig.“ Nicht nur ältere Menschen sind betroffen, gerade 30-40-Jährige, die beruflich in eine neue Stadt ziehen, sind an Weihnachten öfter allein. Weil sie arbeiten müssen oder weil die Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen noch nicht ausreichen, um feste Freundschaften zu gründen. Weil sie eine Trennung hinter sich haben. Oder auch, weil es keine Angehörigen mehr gibt oder der Kontakt abgebrochen ist.

Gastgeber statt Kneipe

Heike Paulus hatte sich schon lange überlegt, was man daran ändern könnte. Natürlich gibt es bereits Angebote, die Menschen an Weihnachten zusammen finden lassen. Von Kirchen, von Institutionen, auch von Privatleuten. Stefan Nägele aus Murrhardt beispielsweise bietet seit 2011 mit „Weihnachten nicht allein zu Hause“ eine gesellige Runde am Heiligabend in der Stadthalle. Zuletzt kamen um die 250 Leute. Ein bisschen zu viel für die ehrenamtlichen Helfer. Dieses Jahr setzt der mittlerweile gegründete Verein mit der Feier aus, verspricht aber auf der Homepage www.weihnachtsfescht.de für 2018 eine Wiederaufnahme.

Bei all diesen Angeboten störte Heike Paulus aber die Fahrerei. Und der Ort. Eine Stadthalle, eine Kneipe, das sei nicht das, was man sich an Weihnachten wünscht. Sie setzt bei ihrer Gruppe auf das Prinzip Gastgeber und Gäste. „Ich möchte Leute finden in der Region, die sich vorstellen können, mindestens einen Gast an den Weihnachtsfeiertagen willkommen zu heißen.“ Ob zum Essen oder Gesellschaftsspiele spielen, ob zum Spazieren gehen oder gemeinsam Lesen oder Singen, ob zum Kochen oder Backen, das alles könnte man nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten. Die Absprachen treffen der Gastgeber und die Gäste selber. Wer kommen darf und wer nicht, das bestimme allein der Gastgeber, betont Heike Paulus. Es gebe eine Vorauswahl, mit allen interessierten Gästen würde Paulus Kontakt aufnehmen, am liebsten per Telefon. Komme ihr da einer komisch vor oder seien die Absichten unklar, werde er als Gast abgelehnt.

Spontan, mit guter Resonanz

Ihre Facebookgruppe entstand spontan an einem Montagnachmittag. Wenige Tage später stolperte Sarah darüber. Schnell entschied sich die Altenpflegerin dafür, mitzumachen. „Ich bin generell jemand, der offen ist für Neues und sich für Menschen interessiert“. In ihre Wohnung in Welzheim lädt sie jetzt am zweiten Weihnachtsfeiertag insgesamt acht Personen ein. Über eine Veranstaltung, die nur in der Facebook-Gruppe von zugelassenen Mitgliedern gesehen werden kann, können sich interessierte Gäste melden, der Gastgeber wählt dann aus.

Kaffee ohne Kaffeemaschine? Wird schon gehen.

Los geht es um 16 Uhr mit Kaffee und Kuchen, wobei Sarah keine Kaffeemaschine besitzt. Ein Wasserkocher und Instant-Kaffee täten es zur Not auch oder jemand bringt einfach eine Thermoskanne voll mit. Ab 18 Uhr gibt es Essen. Offen ist nur noch die Organisation: Sarah hat nur eine kleine Küche, mehr als drei Leute passen nicht zeitgleich rein. Gemeinsam kochen ist auf dieser Basis schwer. Bringt also jeder etwas mit oder kocht Sarah und es gibt einen Unkostenbeitrag? Wenn ja, wie viel? Diese und andere Fragen will Sarah mit ihren angemeldeten Gästen bis zum 26.12 noch klären.

Bislang hat sie eine feste Zusage, eine Dame aus Winnenden. Drei sind interessiert, haben aber noch nicht fest Ja gesagt. Sogar abholen würde sie einen Teil ihrer Gäste, vom Bahnhof Schorndorf zum Beispiel. Bis zum 18. Dezember 21 Uhr müssen es sich potentielle Interessenten überlegt und verbindlich zugesagt haben.

Vorsichtsmaßnahmen gibt es schon

Eigentlich gehe sie nicht davon aus, dass es Schwierigkeiten gebe könne. Dennoch hat sich Sarah noch personelle Verstärkung für den Abend besorgt. „Heike hatte mir geraten, als Frau nicht ganz alleine mit lauter Fremden zu sein. Also habe ich einen Bekannten eingeladen. Ist auch von der Organisation praktischer, so kann ich dann was in der Küche machen und er bleibt bei den Gästen.“ Wie der Abend genau ablaufen wird, das wisse sie auch nicht. „Ich hoffe natürlich auf interessante Gespräche, auf neue Begegnungen“. Und während des Abends wollen sie Fotos in der Gruppe teilen und berichten, wie es ist.

„Schön wäre es natürlich, wenn sich aus diesen Treffen Freundschaften ergeben könnten“ sagt Heike Paulus. „Ich wurde schon gefragt, ob wir sowas nicht auch für Silvester machen können, ein weiteres Fest, wo viele nicht so recht wissen, was sie machen sollen.“ Sie selbst wird übrigens nicht Gast ihrer eigenen Initiative sein. „Ich muss an Weihnachten arbeiten“, sagt sie. „Aber wenn das Fest der Liebe für einige wirklich ein Fest wird, habe ich das gern gemacht“.

*Der Nachname ist der Redaktion bekannt, Sarah möchte gerne ihren Nachnamen aus Datenschutzgründen von ihrem Facebook-Profil trennen. Deswegen werden beide Namen nicht genannt. 

 

Die Facebookgruppe:

Die Facebookgruppe „Weihnachten (nicht) allein 2017“ sucht noch Gastgeber aus der Region, bis zu 50 Kilometer rund um Stuttgart. Leute, die sich trauen und sich auf etwas Neues einlassen. Bei Interesse Mitglied der Gruppe werden oder unter weihnachten.nicht.allein@gmx.de melden. Mitmachen darf jeder, einzige Voraussetzung: Toleranz gegenüber jeder Nationalität und Religion.

 

Nicht allein an Weihnachten im Rems-Murr-Kreis

  • In Winnenden organisiert Willy Schmidt zum siebten Mal an Heiligabend ab 17 bis 20 Uhr eine Weihnachtsfeier für Alleinstehende und Bedürftige. Dieses Jahr werden ca. 90 Gäste im Saal unter der Kath. Kirche „St. Karl Borromäus“ zur Feier mit Essen, Musik und kleinen Geschenken erwartet. Jeder ist willkommen, unabhängig von Nationalität und Religion.
  • In Welzheim bietet der Verein Lichtblick Heiligabend eine Weihnachtsfeier im Dietrich-Bonhoeffer-Haus für Menschen, die Weihnachten nicht alleine feiern wollen. Kontakt unter info@lichtblick-welzheim.de oder 07182-802846
  • In Schorndorf gibt es seit 1998 "Heiligabend mit uns", ein gemeinsames Angebot der evangelischen Gesamtkirchengemeinde und der Diakonischen Bezirksstelle des Kreisdiakonieverbands Schorndorf. Es ist ein Angebot an alle Menschen, die diese Zeit miteinander teilen und Heiligabend in froher und besinnlicher Runde verbringen wollen. Von 17 bis 21.30 Uhr gibt es im Martin-Luther-Haus gemeinsames Kaffeetrinken, ein kleines Programm, Liedersingen und ein Abendessen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Interessierte müssen auch nicht die ganze Zeit dableiben, sondern können nach dem Kaffeetrinken oder Liedersingen wieder gehen. Das Angebot wird mittlerweile von gut 100 Personen genutzt. Es gibt auch einen Fahrdienst. Weitere Informationen bei Dorothea Dietewich, Telefon 07181/21909, Magdalene Fuhr 07181/8 36 30.
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