Welzheim/Schömberg Nach Denunziation ins KZ gekommen

Weil ihr eine Beziehung mit dem polnischen Zwangsarbeiter Julian Wiencek unterstellt wurde, kam Hilde Fischer in ein Konzentrationslager. Sie starb kurz vor Ende des Krieges in Pforzheim während eines Luftangriffs eines englischen Bombers. Foto: Privat

Welzheim/Schömberg. Hinter dem Namen KZ Welzheim stecken viele dramatische Schicksale, die nur teilweise dokumentiert sind. Redakteur Wolfgang Krokauer hat das grausame Schicksal von Hilde Fischer und Julian Wiencek aufgezeichnet. Die letzte Station des Polen war das KZ in Welzheim, wo er ermordet wurde. Nachfolgend der Beitrag von Wolfgang Krokauer vom Schwarzwälder Boten, Redaktion Calw, den er freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Krystyna Janas-Weiss und ihr Ehemann Norbert Weiss vom Arbeitskreis Lokale Zeitgeschichte Calw haben sich mit dem Schicksal dieser beiden Menschen beschäftigt. Jetzt suchen sie nach Angehörigen von Wiencek in Polen, der wegen einer Denunziation in Welzheim erhängt wurde, weil er angeblich Umgang mit der Langenbranderin Hilde Fischer gehabt haben soll. Krystyna Janas-Weiss hat sich an das Polnische Rote Kreuz in Warschau gewandt. Sie hofft so, Angehörige des Mannes zu finden.

Julian Wiencek war einer von vielen Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich verschleppt wurden. Wiencek arbeitete auf einem Bauernhof in Schömberg-Langenbrand im Schwarzwald. Wegen der sogenannten Polenerlasse von 1940 war es Zwangsarbeitern verboten, Umgang mit deutschen Frauen zu haben. In der nationalsozialistischen Rasseideologie galten die slawischen Völker als minderwertig.

Schon ein Lächeln hat genügt

Dass Wiencek eine Beziehung mit der Langenbranderin Hilde Fischer angedichtet wurde, war für Wiencek das Todesurteil. Ob es den Umgang jedoch überhaupt gegeben habe, sei nicht klar, so Norbert Weiss: „Hilde Fischer war nicht schwanger.“ Es habe schon genügt, wenn sich zwei junge Menschen angelächelt und miteinander gesprochen hätten, um ihnen einen Umgang anzudichten, macht Weiss im Gespräch deutlich.

In einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 15. November 1941 an den Landrat in Waiblingen heißt es, dass auf Befehl des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei am Mittwoch, 19. November, nachmittags um 16 Uhr der Pole Julian Wiencek in der Nähe des Polizeigefängnisses Welzheim erhängt werde. Dem ledigen Landarbeiter, am 12. April 1920 in Krakau geboren, wurden unerlaubte Geschlechtsbeziehungen vorgeworfen.

Die Akte ist im Staatsarchiv Ludwigsburg zu finden. „Wiencek hat im Juni 1941 mit der deutschblütigen Hausgehilfin Hilde Fischer aus Langenbrand mehrfach Geschlechtsverkehr ausgeübt. Ich stelle Ihnen Teilnahme an der Exekution anheim. Von der Vorbeiführung der im dortigen Bezirk eingesetzten Polen wird Abstand genommen, da diese Maßnahme bei der letzten Exekution erfolgte.“

Hilde Fischer wurde öffentlich gedemütigt

Nachdem Wiencek erhängt worden war, kam sein Leichnam in das Anatomische Institut der Universität Tübingen, berichtet Weiss. Auf einem Dokument des Standesamtes Welzheim vom 23. August 1945, also nach Ende des Krieges, ist vermerkt, dass der polnische Zivilarbeiter Julian Wiencek, wohnhaft in Langenbrand, Kreis Calw, zur Zeit Welzheim, Polizeigefängnis, am 19. November 1941 um 16.26 Uhr auf Markung Welzheim erhängt wurde.

Auf dem Friedhof der Stadt Tübingen ist Wienceks Name auf einer Grabplatte im Feld X verzeichnet.

Und was passierte mit Hilde Fischer? Sie wurde in Langenbrand öffentlich gedemütigt, und ihr wurden die Haare abgeschnitten. In einer Häftlingskarte ist vermerkt, dass die Hausgehilfin Hilde Fischer am 21. März als Schutzhäftling in das Konzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg eingeliefert wurde. Dort trug sie den roten Winkel einer politischen Gefangenen. Sie hatte die Häftlingsnummer 9882 und wurde als Knopfmacherin in der Schneiderei I eingesetzt. Mehr als zweieinhalb Jahre saß sie im Konzentrationslager rund 80 Kilometer nördlich von Berlin. Am 17. Oktober 1944 wurde Hilde Fischer entlassen und arbeitete in einer Bäckerei in Pforzheim. Beim Luftangriff englischer Bomber am 23. Februar 1945 auf Pforzheim wurde sie getötet. Hilde Fischer, eine Cousine des langjährigen Ortsvorstehers von Langenbrand und Schömberger Gemeinderates Siegfried Wankmüller, wurde nur 22 Jahre alt.


Das KZ in Welzheim:

In Welzheim wurde im Jahr 1935 auf Betreiben der Gestapoleitstelle Stuttgart ein Schutzhaftlager im ehemaligen Amtsgerichtsgefängnis eingerichtet.

Das Lager firmierte unter der Bezeichnung „Polizeigefängnis Welzheim“. Es war eine Nebenstelle der Gestapoleitstelle Stuttgart (Hotel Silber).

Insgesamt passierten in den Jahren von 1935 bis 1945 bis zu 15 000 Häftlinge das KZ Welzheim. Die Häftlinge in Welzheim wurden nicht wie in anderen Konzentrationslagern systematisch vernichtet, aber mindestens 65 Todesurteile wurden wegen Delikten wie Spionage, Diebstahl, Fluchtversuch und Rassenschande durch Erhängen und Erschießen vollstreckt.

Die Hinrichtungen fanden im sogenannten Henkersteinbruch statt. Die Hingerichteten, die im KZ Verstorbenen und weitere Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden auf dem Friedhof in Massengräbern anonym und würdelos verscharrt. Eine Umbettung und nachträgliche Identifizierung der sterblichen Überreste erfolgte im Jahr 1965.

Der Gefängnistrakt wurde im Jahr 1954 abgerissen. Das Kommandanturgebäude besteht nach wie vor am Gottlob-Bauknecht-Platz.

Die Reihengräber auf dem Friedhof sowie die Hinrichtungsstätte Henkersteinbruch wurden 2015 als Gedenkstätten anlässlich des 70. Jahrestags der Räumung des KZs Welzheim um- bzw. neu gestaltet.

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