Welzheim Wiesel fährt auf Probe

Welzheim. „Wir sprechen nicht über eine Wiesel-Verlängerung“, betont Bürgermeister Thomas Bernlöhr. „Wir sprechen über einen Busersatzverkehr auf der Schiene.“ Da auch die Busse zwischen Rudersberg-Klaffenbach und Welzheim wegen eines Erdrutsches derzeit nicht fahren können, hat der Gemeinderat am Dienstagabend darüber beraten, für einen Monat den Wiesel wiederzubeleben. Die Abstimmung fiel knapp aus.

Mit zehn zu sieben Stimmen sprach sich der Gemeinderat dafür aus, zwischen dem 1. September und dem 3. Oktober einen probeweisen „Busersatzverkehr auf der Schiene“ zwischen Rudersberg-Oberndorf und Welzheim einzuführen. Mit anderen Worten: Der Wiesel darf nach vielen Jahren wieder bis nach Welzheim fahren. Das lässt sich die Stadt knapp 60 000 Euro kosten. Ausschlaggebend dafür, dass die Mehrheit der Stadträte dem Beschlussvorschlag der Stadtverwaltung folgte, waren mehrere Gründe. Eine ausführliche Berichterstattung über den Verlauf der Sitzung lesen Sie in der Donnerstagsausgabe.

Unter anderem ging es darum, Pendlern, Schülern, Bürgern und Tagestouristen und Einkäufern die Fahrt nach Welzheim kurzfristig zu erleichtern, wobei die Verwaltung an einer dauerhaften Lösung arbeite, wie Bürgermeister Thomas Bernlöhr betonte, denn die Sanierung der Landesstraße wird sich noch über viele Monate hinziehen. Von der derzeit schlechten Anbindung seien vor allem auch gastronomische und touristische Einrichtungen betroffen. Ferner hätten Einzelhändler mit besonderer Kundenfrequenz aus dem Wieslauftal Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent gemeldet, teilte die Stadt mit. Auch diese Faktoren hatte die Stadtverwaltung in ihren Vorschlag einfließen lassen, den Wiesel ab dem 1. September für rund vier Wochen fahrenlassen zu wollen. Einige Gemeinderäte, allen voran die Fraktion der Welzheimer Bürger, die geschlossen gegen den Vorschlag der Verwaltung stimmten, hatten Zweifel, dass der Wiesel diesen Umstand verbessern kann. Eine Kosten-Nutzung-Rechnung spreche gegen den Wiesel.

Die Stadt will die Fahrgastzahlen ermitteln

Die Besucher der Gemeinderatssitzung erkannten schnell, dass es der Verwaltung und vielen Gemeinderäten vor allem auch darum ging, die Chancen auszuloten, ob der Wiesel womöglich wieder dauerhaft eine Chance bekommen kann. Das Interesse vieler Bürger an einer Wiesel-Verlängerung bestehe seit vielen Jahren, machte Bürgermeister Thomas Bernlöhr deutlich. Doch bisher gebe es lediglich theoretische Überlegungen, die gegen den Wiesel sprächen. Mit Fahrgastzählungen will die Stadt nun ermitteln, wie der Wiesel über einen Monat angenommen wird. Daraus könnte sie die passenden Schlüsse ziehen. Entweder, dass der Wiesel sich weder theoretisch noch praktisch lohnt, oder dass es Potenziale für ein Schienenangebot gibt, beispielsweise an Samstagen, oder eben, dass der Wiesel wieder regelmäßig zwischen Rudersberg und Welzheim verkehren könnte, da es ein großes Fahrgastpotenzial gibt. Um dies herauszufinden, nimmt die Stadt 60 000 Euro in die Hand. Im Vorfeld hatte sie die Einzelheiten abgeklärt.

Die Stadt hatte kurzfristig bei der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG), die im Auftrag des Zweckverbandes Verkehrsverband Wieslauftalbahn (ZVVW) den Wiesel betreibt, nachgefragt, wie und ob eine Verbindung möglich ist und wie hoch die Kosten sind. Die WEG machte ein Angebot. Bürgermeister Bernlöhr hielt fest, dass dies eine hohe Summe ist, die durch Mehreinnahmen im laufenden Haushaltsjahr finanziert werden soll. Die Fahrpreise werden dem allgemeinem VVS-Tarif entsprechen. Die aktuellen Schüler-Tickets sind auch im Wiesel gültig. Nicht nur wegen des engen Zeitfensters hat sich die Gemeinde für den September entschieden.

Welche Potenziale bietet die Strecke zwischen Oberndorf und Welzheim?

Denn dieser Monat deckt sowohl den Freizeit- als auch den Pendler- und Schülerverkehr ab. Die Stadt will die genauen Fahrgastzahlen erheben, um zu sehen, wie der Wiesel in der Ferienzeit angenommen wird und wie oft Pendler und Schüler die Bahn ab Mitte September nutzen werden – auch im Vergleich zu den weiterhin verkehrenden Buslinien 228 und 263. Am Ende komme es auf die Zahl der Nutzer an, ob der Wiesel wieder eine Zukunft hat, deutete Thomas Bernlöhr an. Der Gemeinderat folgte dem Beschlussvorschlag, auf Basis der Ergebnisse „über weitere Möglichkeiten zu diskutieren, die Schienenanbindung nach Welzheim anlassbezogen zu aktivieren“. Boomt der Wiesel im September, könnte die Diskussion um den Wiesel in Welzheim wieder Fahrt aufnehmen. Dann stünden weitere Gespräche mit Partnern, Behörden und Institutionen an, hielt Reinhold Kasian, Beigeordneter der Stadt, fest. Wobei er und Bürgermeister daran erinnerten, dass die theoretischen Zahlen eindeutig gegen die Wiesel-Verlängerung sprächen.

Zu teuer: 2012 war die Wiesel-Verlängerung vom Tisch

Denn die ist seit 2012 eigentlich vom Tisch. Vor vier Jahren prüfte die Verwaltung eine Verlängerung mit einem durchgängig getakteten Fahrplan. Hintergrund war die geplante Anschaffung von Triebwagen auf der Talstrecke, also ob Welzheim in diesem Zusammenhang erneut auf den Wieselzug aufspringen sollte. Eine Wiesel-Verlängerung hätte zusätzliche Investitionen in Höhe von sieben bis acht Millionen Euro verursacht, so Kasian. Außerdem hätten weitere Schienenfahrzeuge angeschafft werden müssen. Die Stadt bezifferte das jährliche Betriebsdefizit, bezogen auf den Streckenabschnitt Rudersberg-Oberndorf bis Welzheim, auf 300 000 bis 500 000 Euro.

Selbst bei „optimaler Aufrüstung der Bergstrecke“, teilte die Verwaltung mit, hätten Reisende mit dem Direktbus zwischen Schorndorf und der Limesstadt rund zwölf Minuten weniger gebraucht, da die Fahrzeit mit dem Wiesel 37 Minuten betragen würde. Auch „deshalb wurde die Frage der Verlängerung des Wiesels nach Welzheim abschlägig beantwortet“. Bernlöhr machte allerdings deutlich, dass dies eben lediglich theoretische Überlegungen sind.

Ab September werde man dann erfahren, wie die Auslastung sein wird. „Die jetzt heranstehende monatelange Straßensperrung der L 1080 eröffnet zumindest die Chance, zu überlegen, die Strecke über einen begrenzten Zeitraum einer zusätzlichen Nutzung zuzuführen, um daraus praktische Erkenntnisse über die Tauglichkeit und Nutzungsfrequenz zu gewinnen“, so Bernlöhr. Diese Erkenntnis wird 60 000 Euro kosten.

Neu ist die Überlegung, den Wiesel bis nach Welzheim fahrenzulassen, nicht. Immer wieder, das teilt die Stadt mit, habe es verschiedene Anregungen gegeben, die für die Schwäbische Waldbahn wieder auf Vordermann gebrachte Strecke auch für andere Zwecke zu nutzen – auch weil die Stadt bislang rund 2,4 Millionen Euro an Eigenmitteln für die Tourismusbahn aufgebracht hat. Der letzte Personenzug war auf dieser Strecke am 30. Mai 1980 gefahren.

Das könnten die Fahrtzeiten sein:

Die WEG hat erste Fahrpläne entworfen. Der Vorschlag in der Sommerferienzeit enthält neun Fahrtenpaare im Stundentakt mit einem eigenen Triebwagen auf der Bergstrecke. Die erste Abfahrt wäre um 8.44 Uhr in Oberndorf. In Welzheim würde der erste Zug um 9.15 Uhr abfahren, der letzte um 18.15 Uhr. In Oberndorf bestünde Anschluss an die Züge der Wieslaufbahn und die Züge in und aus Richtung Schorndorf sowie zur S-Bahn. Durchgehende Fahrten ohne Umstieg zwischen Schorndorf nach Welzheim seien nicht kurzfristig möglich. Der Fahrscheinverkehr ist im Zug möglich. Detailabstimmungen mit dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) wären noch zu treffen.

Nach den Ferien stehen folgende Zeiten im Raum: Der Wiesel würde montags bis freitags im Stundentakt zwischen 5.45 Uhr (erste Abfahrt in Oberndorf) und 18.40 Uhr (letzte Ankunft in Oberndorf) verkehren. Von Welzheim aus würde der erste Zug um 6.15 Uhr und der letzte um 18.15 Uhr fahren. Samstags wäre ein Zweistundentakt zwischen Oberndorf und Welzheim zwischen 8.44 und 17.40 Uhr, jeweils in Oberndorf, vorgesehen. Durchgängige Anschlüsse von und nach Schorndorf seien gegeben. Der Betrieb in der morgendlichen Hauptverkehrszeit erhöht die Kosten.

Für die Umsetzung des Probebetriebs bedarf es eines gewissen Vorlaufs, machte die Verwaltung deutlich. Daher sei die Startphase erst ab dem 1. September realistisch. Da ab dem 4. Oktober auf der Talstrecke zeitweise Bauarbeiten durchgeführt werden, wird der Probezeit ein natürliches Ende gesetzt.

Den Kostenaufwand beziffert die Stadt auf knapp 60 000 Euro.

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