Welzheim Walter Rottiers: Vom Kronenladen zur Tour de France

Rottiers im Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera während der Tour de Qatar. Foto: Walter Rottiers

Welzheim.
Begeistert war sein damaliger Chef nicht gerade. Mit der Frage „Wann wird das Kasperlezeug endlich entfernt?“ wandte sich Hugo Greiner an den jungen Mann, der aus Belgien für ein Jahr in die schwäbische Provinz gekommen war. Dass er in der Kunst der Schaufenstergestaltung durchaus Talent hatte, wusste sein Chef. Kurz zuvor hatte Walter Rottiers für den Kronenladen einen Preis für das „Schaufenster des Jahres“ 1965 gewonnen. Doch Disney-Motive in seinem ehrwürdigen Geschäft, das war dem Seniorchef dann doch zu viel.

Welzheim ist ihm vorgekommen wie aus einem Heimatfilm entsprungen

Anfang des Jahres hatte der damals 22-Jährige aus Brüssel in Welzheim zu arbeiten begonnen. Einem Ort, den er erst einmal auf der Landkarte hat suchen müssen. Und in den er ohne große Deutsch-, geschweige denn Schwäbischkenntnisse gekommen war. Eigentlich hatte der junge Grafikdesigner davor mit Schaufenstergestaltung nie etwas am Hut gehabt. Doch eines kam zum anderen – und der Seniorchef sogar extra nach Brüssel, mit einem Jahresvertrag in der Hand.

Welzheim erschien dem jungen Belgier damals wie aus einem Heimatfilm entsprungen. Als Städtchen, das wie von findigen Planern als ein friedfertiges Atoll in eine intakte Landschaft platziert wurde. Rottiers fand schnell Gefallen an den dichten Wäldern, den vielen Weilern und Mühlen, den Badeseen und den römischen Erbschaften. Und erinnert sich noch heute gerne an die Bahnverbindung nach Schorndorf mit der historischen Dampflok, deren Pfeiftöne ihn mehrmals am Tag in eine fast sentimentale Stimmung versetzt hatten.

Über Micky Maus und Motorpresse zum Sport-Reporter

Schaufenster-Dekorateur ist Rottiers dann zwar nicht geworden, dem Schwabenland aber treu geblieben. Der 77-Jährige hat in Stuttgart seine Frau kennengelernt und lebt heute auf den Fildern. Bekannt geworden ist der Belgier später vor allem als Radsportjournalist. Er schrieb Reportagen über die Tour de France, entdeckte als einer der Ersten das Talent von Lance Armstrong, organisierte zwölfmal die Weltmeisterschaft für Radsportjournalisten.

Auch wenn er mit seiner dem Disney-Film „Die Hexe und der Zauberer“ gewidmeten Deko beim Kronenladen-Chef nicht punkten konnte – dem Schaufenster blieb Rottiers zunächst trotzdem treu. Nach dem Jahr in Welzheim wechselte Rottiers zu Fischer und Co, einem großen Kaufhaus in Stuttgart.

Lange blieb er dort aber nicht. „Dafür war ich immer zu vielseitig interessiert.“ Wechselte vielmehr zum Ehapa-Verlag, unterstützte dort die Redaktion von „Micky Maus“ und wurde Cheflayouter der Zeitschrift „Hobby“. Arbeitete also doch noch in dem von ihm erlernten Beruf des Grafikdesigners.

Eine Leidenschaft des Belgiers war damit aber noch nicht befriedigt: die für den Radsport. Entzündet hatte diese sein Großvater, ein Herrenschneider, der bei der Arbeit immer die großen Radrennen am Radio verfolgte. Ohnehin spielt der Radsport in Belgien eine weit größere Rolle als hierzulande, füllt die Zeitungen und bewegt die Menschen. Nicht zuletzt wegen der weithin verehrten Radsport-Ikone Eddy Merckx.

Schon als Kind hat er sich ein Archiv mit Zeitungsberichten angelegt

Schon als Kind hat Rottiers Zeitungsberichte über Radrennen gesammelt. Mit der Zeit ist so ein Archiv entstanden, das einmal zur Grundlage für seine Reporter-Karriere wurde und das er auch in Welzheim pflegte. Seine Mutter ließ ihm nämlich täglich eine flämische Tageszeitung nach Deutschland schicken – hauptsächlich wegen des Sportteils.

Denn ihm war bald aufgefallen, dass die meisten Radsport-Geschichten, die er damals in Deutschland las, aus seiner Sicht nicht jene fachliche Substanz besaßen, die er von belgischen Medien gewohnt war.

Doch es sollte noch ein wenig dauern, bis der Belgier sich in diesem Gebiet etablierte. Rottiers arbeitete in Stuttgart zunächst bei der Motorpresse für die „Flug-Revue“, dann für die „Gute Fahrt“, fertigte dort vor allem Illustrationen und Zeichnungen an. Wechselte dann in die Werbebranche zu einer Agentur, bevor er sich mit einer eigenen selbstständig machte.

Sein erster Artikel über Radsport erschien dann in der Stuttgarter Zeitung – ein Bericht über die damals noch kaum beachtete US-amerikanische Szene. Das war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit Berichten, Reportagen, Cartoons und Porträts.

Schließlich klopfte die Motorpresse erneut an seine Türe. Mit der neuen Zeitschrift „Sportrad“ wollten die Stuttgarter damals dem Platzhirsch „Tour“ Konkurrenz machen. Und Rottiers lieferte dazu die passenden Beiträge mit seiner „Weltmeister“-Serie. Vier Jahre lang porträtierte er für die Zeitschrift die wichtigsten und bedeutendsten Radrennfahrer der Geschichte. Die Serie war so beliebt, dass sie später auch als Buch erschien.

Als einziger Radjournalist bei den Olympischen Spielen

Rottiers machte sich schnell einen Namen, schrieb auch für die Welt am Sonntag, die Sonntag Aktuell – und landete 1988 bei den Olympischen Spielen im südkoreanischen Seoul einen kleinen Coup. Denn vor Ort war kein Radsportjournalist aus der Bundesrepublik – außer ihm. Gekommen war er allerdings auf eigene Kosten. Er wähnte die Deutschen als stark, spekulierte auf eine gute Geschichte. Die bekam er dann auch, denn 1988 gingen alle drei Medaillen im Radsport an Deutsche (aus der DDR oder der Bundesrepublik).

Einen guten Riecher hatte Rottiers auch bei Lance Armstrong. Der US-Amerikaner war noch weithin unbekannt, als er zum ersten Mal über ihn schrieb. Aufgefallen war ihm Armstrong dadurch, dass er mehrfach den letzten Platz erreichte. Aber nicht vor dem Ziel abbrach, sondern sich immer bis zu den letzten Metern durchkämpfte. Rottiers wollte wissen: „Was ist das für ein Typ?“ Er schrieb über ihn eine Reportage, die erschien, kurz bevor der Sportler völlig überraschend eine Etappe bei der Tour de France gewann.

Im Jahr 2013 erhielt er dann einen Anruf von der belgischen Botschaft. Diese wollte ihn wegen seiner journalistischen Leistungen zum königlichen Ritter des Leopoldordens ernennen. Eine Auszeichnung für Belgier, die sich im Ausland um das Image des Landes verdient gemacht haben.

Davon konnte der 22-jährige Jungspund im Welzheimer Wald allerdings nur träumen. Nicht mal ein Fahrrad hat er damals besessen, mit dem er die Gegend hätte erkunden können. Dafür aber nahezu alle Wanderpfade der Umgebung abgelaufen. Die Limesstadt ist ihm bis heute in guter Erinnerung, er blieb seiner ersten Station in Deutschland treu verbunden. Zwei- bis dreimal pro Jahr schaut er vorbei. Dort, wo alles begann vor 55 Jahren.

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