Wieder mal Stellwerkstörung Das aberwitzige Bahn-Desaster im Rems-Murr-Kreis

Glücklich, wer sich angesichts der vielen S-Bahn-Ausfälle in einen Go-Ahead-Zug quetschen konnte – Szene vom Bahnhof Schorndorf. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr.
Von einem babylonischen Durcheinander zu sprechen, wäre eine Beleidigung der Babylonier – Mittwochmorgen in Schorndorf und Waiblingen: Irrsinnige Szenen spielen sich ab. Auf der Remsschiene geht es wegen einer Stellwerkstörung drunter und drüber, S-Bahnen fallen reihenweise aus, Ersatzbusse kommen irgendwann, wenn überhaupt, Durchsagen und Info-Laufbänder sind dermaßen widersprüchlich, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Hier im Überblick: aberwitzige Erlebnisse, kreative Ausweichstrategien, selbstlose Helfertaten – und eine trostreiche Intervention vom lieben Gott ...

Hallo, ich will in die Schule! Wie soll man diese Zustände nennen? Giovanni Di Benedetto findet das richtige Wort: „Eigentlich 'ne Scheißerei.“ Seit sieben Uhr steht er hinterm Schorndorfer Bahnhof in der Grabenstraße und wartet mit Zinah Mirza auf den Ersatzbus. Jetzt ist es 8 Uhr. Die beiden müssen nach Waiblingen in die Schule. Während Giovanni hadert, mischt sich ein Mann ein: „Es war gestern schon Chaos! Ich bin abends um Viertel nach sechs in Stuttgart los – um halb elf war ich zu Hause in Schorndorf!“ Dann das Wunder: Um 8.14 Uhr fährt ein Ersatzbus vor. „Endlich!“, jubelt Giovanni. „Jetzt ist nur noch die Frage, wie wir heute nach Hause kommen.“

"Wo fährt der Ersatzbus?"

Die reinste Lotterie. Seit dem Morgengrauen „kommen die Leute zu mir“, seufzt die Verkäuferin im Lotto-Laden am Schorndorfer Bahnhof. Die meisten fragen verzweifelt: „Wo fährt der Ersatzbus?“ Manche wollen einfach nur ihr Herz ausschütten. Was die Lotto-Frau am meisten aufregt: „Da gehört einer hin von der Bahn, der sagt, der Ersatzbus fährt dann und dann und da und da!“ Immerhin, einmal habe es heute eine Durchsage gegeben: Der Ersatzbus fahre am „Bahnhofsvorplatz“. Aber Moment, liebe Lotto-Fee, er fährt doch in der Grabenstraße?! Sie nickt grimmig: „Sehen Sie?“

Der Reporter geht – aber der Frau ist noch was Wichtiges eingefallen, sie steckt den Kopf zur Ladentür raus und ruft: „Richtig bös schreiben“, bitte! Da ächzt der Chef. Ramona Coman wohnt in Beutelsbach und arbeitet in Stuttgart-Rohr. Eine Fahrt dauert normalerweise eine Dreiviertelstunde. Am Mittwoch macht sich Ramona Coman um 7 Uhr auf den Weg – um 8.50 Uhr hat sie es gerade mal bis zum Bahnhof Waiblingen geschafft, erzählt Jörg Urban. Er hat seine Frau am Abend zuvor wegen der Stellwerkstörung schon von Waiblingen abgeholt, wo sie nach der Arbeit gestrandet war. Jörg Urban ist genervt: Überall heiße es, die Leute sollten auf Busse und Bahnen umsteigen, Verkehrswende und so. Und dann das. Der Chef seiner Frau verliere so langsam die Geduld, weil sich die Verspätungen häufen und Termine mit Kunden abgesagt werden müssen.

Präzise Auskunft. Vorhin, erzählt in Schorndorf eine Frau, habe sie tatsächlich einen Bahnbediensteten zu fassen gekriegt und gefragt: „Wann fährt der nächste Ersatzbus?“ Der Mann antwortete: „Irgendwann.“

Fahrplanauskunft im Namen des Herrn

Der Himmel hilft. Im Eingangsbereich zum Schorndorfer Bahnhof: Eine Frau mit Prospekten – sie versprechen „ein besseres Leben durch die Bibel“. Die fleißige Missionarin von den Zeugen Jehovas steht seit sechs Uhr morgens hier, wie schon so oft. Normalerweise huschen die Leute achtlos vorbei, kaum jemand will mit ihr reden über den nahen Weltuntergang. An diesem Mittwoch ist alles anders. Jeder Zweite bleibt stehen und fragt: „Wo fährt der Ersatzbus?“ Die Zeugin Jehovas lacht. Sie schnappe auf, was an Informationsbruchstücken und Buschtrommelgerüchten kursiere, verarbeite „zuverlässige Quellen und nicht so zuverlässige Quellen“ und gebe alles weiter, so gut sie könne – „man hilft ja gerne“. Wie fühlt sich das an, nicht nur im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein, sondern auch nachrichtendienstlich? Toll, lacht sie – „endlich mal gute Presse für uns!“

Die Fahrgemeinschaft. Vorhin, erzählt ein Wartender in Schorndorf, sei es zu einer sagenhaften Szene gekommen – eine Frau hielt mit dem Auto vor dem Bahnhof, kurbelte die Scheibe runter und rief: „Ich fahre nach Fellbach und hab noch drei Plätze frei!“ Ein ganzes Rudel Menschen habe sich auf den Wagen gestürzt.

Besser als im Kindergarten. Auf Gleis 5 am Waiblinger Bahnhof steht eine S-Bahn. „Nicht einsteigen“, steht über den Türen. Die Anzeige hält verzweifelte Fahrgäste nicht davon ab, ihr Glück zu versuchen. Vergeblich, die Türen bleiben zu. Über die Lautsprecher schnarrt eine Ansage, dass eine S-Bahn nach Schorndorf fahre – auf Gleis 6! Verwirrung total. Zwei Bahn-Mitarbeiter in signalroten Westen versuchen, Fahrgästen ein bisschen Orientierung zu geben. Aber auch sie wissen nicht Bescheid, wann die Stellwerkstörung beseitigt ist. Gegen 9 fährt ein Ersatzbus aus Schorndorf am Busbahnhof ein. Die Leute hetzen zu den Bahnsteigen. Ein Bahn-Mitarbeiter winkt jene herbei, deren Blicke ratlos schweifen. „Einsteigen!“ Eine Kindergartengruppe rennt fröhlich zum schwarzen Schlienz-Bus. Die Kinder in ihren bunten Westen klettern rein. Für sie ist das Bahn-Chaos an diesem Vormittag vermutlich ein tolles Abenteuer.

Das ist also die Verkehrswende

Ihre Tochter, sagt eine Schorndorferin, sei zurzeit in Südamerika unterwegs und trampe – diese Art der Fortbewegung sei sehr viel zuverlässiger als der Versuch, mit der S-Bahn von Schorndorf Richtung Stuttgart zu fahren. Die Tochter komme innerhalb von Minuten weg, könne viele Kilometer weit fahren, habe einen Sitzplatz und freundliche Unterhaltung. Sie selbst, sagt die Schorndorferin, habe sich heute Morgen an Indien erinnert gefühlt: Die Leute seien in der einen S-Bahn, die dann endlich zur Verfügung stand, quasi schon auf dem Dach gesessen. Na ja, eine Übertreibung, aber es war so schlimm, dass sie selbst umgedreht ist und sich einen Tag Homeoffice verordnet hat.

Das also ist die Verkehrswende. Vor dem Schorndorfer Bahnhof steht eine Frau und wirkt recht gelassen, als wisse sie, wie es weitergeht. Und tatsächlich, erklärt sie: „Ein Kollege nimmt mich jetzt mit dem Auto mit.“ Dagmar Dietzel ist die Verkehrswende in Person: Seit 20 Tagen fährt sie täglich nach Cannstatt mit der Bahn und lässt das Auto stehen, „ich bin Neu-Zugfahrerin – und jetzt trifft mich das. Ich hab ja nicht geglaubt“, was seit Monaten in der Zeitung steht: dass es chaotisch zugehe auf der Remsstrecke. Tja, seufzt sie, „es ist tatsächlich so“.

Das Gesetz leidet. Am Waiblinger Bahnhof: Fährt ein Zug? Wann? Und wo?! „Deutsche Bahn ...“, knurrt ein Mitarbeiter des Jobcenters Rems-Murr am Kartenautomat und schüttelt den Kopf. Er muss zu einem Gerichtstermin nach Stuttgart. Glück gehabt: Von Waiblingen fahren die S-Bahnen – aber auf Gleis 5 oder 7? Die Anzeige am Bahnsteig sagt dies, das Display am Busbahnhof das. Er werde, hofft der Neustädter, pünktlich im Sozialgericht sein. Aus Erfahrung weiß er aber: Termine bei Gericht purzeln ständig durcheinander, weil irgendein Prozessbeteiligter immer unpünktlich ist wegen Bahnverspätung.

"Alles gut organisiert hier"

Genialer Umweg. 9.20 Uhr, mehrere Leute hechten in den Bus von Schorndorf nach ... Plochingen! Dort wollen sie in die S 1 umsteigen Richtung Hauptbahnhof Stuttgart.

Es klemmt. 9.30 Uhr, ein Kollege berichtet, dass Go-Ahead flexibel reagiert habe: Der Zug von Schorndorf nach Waiblingen, der normalerweise durchrauscht, habe heute an Unterwegsbahnhöfen gehalten, um die S-Bahn-Ausfälle zu kompensieren. Schwierig sei bloß das Einsteigen gewesen: Am Eingang in den Zug, den der Kollege nehmen wollte, prangte ein Schild – „Türe defekt.“

Man nennt es Sarkasmus. Ersatzbushaltestelle in der Schorndorfer Grabenstraße – ein Mann sagt: „Alles gut organisiert hier.“

Zeitungs-Taxi. Dem Reporter reicht’s, er beschließt, die Desasterzone Schorndorfer Bahnhof zu verlassen, in der Vorstadtstraße hat er sein Auto geparkt. Ein Mann sieht den Schreiberling von dannen stromern und ruft: „Wo fahren Sie hin?“ Nach Waiblingen. „Kann ich mit?“ Klar. Ein zweiter Mann, schüchtern: „Ich müsste auch nach Waiblingen ...“ Und so macht sich die Zeitung nützlich im Ersatzverkehr.

Ein Lösungsvorschlag. Der Kollege in der Redaktion ruft über den Schreibtisch hinweg: Er habe eine Idee! „Staumauer bei Fellbach bauen; Remstal fluten; und den Personenverkehr mit Schiffen gewährleisten.“


Stellwerk: Problem im neueren Teil

Ein elektronisches Stellwerk kann man mit einem Computer vergleichen, so ein Bahnsprecher: Es sind wie am heimischen PC immer mal Aktualisierungen nötig, oder es müssen Gerätebestandteile erneuert werden. Genau das liegt zurzeit im Waiblinger Stellwerk an. Dass es deswegen derart ausufernde Probleme geben würde, damit hatte niemand gerechnet. Wann die Techniker den Fehler finden, steht in den Sternen. Am Mittwochabend war deshalb laut dem Sprecher keine Prognose möglich, wann wieder mit Normalbetrieb gerechnet werden könne.

Das Waiblinger Stellwerk arbeitet nur zum Teil digital; es gibt dort auch noch ein Bedienelement aus den 60er Jahren und ungezählte Relais im Betriebsraum. Das Problem ist jetzt im neueren Teil entstanden, nicht im alten. Die Konsequenz: Der Zugverkehr zwischen Waiblingen und Plüderhausen lässt sich aktuell nicht steuern. Deshalb kann ein Zug erst dann starten, wenn der Zug davor am Ziel angekommen ist.

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