Wildschweinjagd auf der Buocher Höhe Im Wohnzimmer des Schwarzwilds

Jäger brauchen Geduld: Um 9 Uhr hat Hans-Peter Kraus seinen Posten bezogen, eine Stunde später hat er noch keinen Schuss abgegeben. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Eine dramatische Szene hat sich abgespielt am Freitag im Wald hinter Gundelsbach – vor allem aber taten sich Einblicke auf in die Jägerseele, und was sich dabei offenbarte, war nicht Lust am Töten, sondern Liebe zur Natur: Drückjagd auf der Buocher Höhe.

Ein „fetter Keiler“, er „hat mich angenommen“! Die Aufwühlung ist dem Hundeführer noch immer anzuspüren, als er erzählt, was da vorhin über ihn hereingebrochen ist: eine Szene wie aus dem Steinzeitroman „Rulaman“. Durchs Unterholz hat der Mann sich gearbeitet, zum Schießen war er gar nicht eingeteilt, aufscheuchen sollte er das Wild, das Gewehr hatte er nur für den Notfall dabei. Er ackert sich also durch Dorn und Gestrüpp, und plötzlich, ein Rascheln, ein Grunzen, steht da dieser Koloss: grauborstig, hauerbewehrt. Schaut. Ruckelt. Rennt. In die falsche Richtung! Nicht davon, sondern auf den Hundeführer zu; „nimmt ihn an“, wie es im Jägerjargon heißt, stürmt im Schweinsgalopp los zur Attacke. Der Mann hebt das Gewehr, der Keiler walzt schnaufend voran, der Mann zielt, der Keiler, aufgebracht hustend, kennt kein Halten mehr, der Mann drückt ab, der Keiler ist nur zwei Meter noch entfernt – und sackt zusammen. Da liegt er zu des Mannes Füßen: hundertvierzehn Kilo schwer, wie sich beim Wiegen offenbaren wird.

Wildes Geballer? Indiskutabel

150, vielleicht 200 Leute sind im Einsatz an diesem Freitagvormittag: Treiber und Hundeführer, die rufend das Gestrüpp durchstöbern, Schützen auf den Hochständen. Jörg Mast, Pächter eines Reviers im Waiblinger Stadtwald, hat sich zum Fußvolk gesellt: Er soll von neun bis zwölf den Neugierigen von der Zeitung mit auf den Marsch durch wegloses Gelände nehmen.

Rehe schießen, ja, aber keine Böcke, hat Mast die Jäger angewiesen, wenn möglich auch keine „sichtlich führenden Bachen“, also Sauen mit hinterherwackelnden Frischlingen; und „ich möchte keine – ich wiederhole: keine – Kanonaden auf Füchse haben.“ Lässt sich ein klarer Schuss ansetzen? Gut. Wildes Geballer? Indiskutabel.

Jagen heißt Wandern: Unterwegs durch den Wald

Neun Uhr, eine fahle Sonne schiebt sich in den milchblauen Himmel, Masts Terriermischling Schote steigt schnobernd aus dem Auto und stellt erwartungsvoll den Schwanz: Los geht’s, Hänge empor, in Klingen hinab, über Moderstümpfe und Faulholz, Nadel- und Laubteppiche.

„Einmal im Jahr wird alles bewegt, ansonsten hat das Wild seine Ruhe“: So erklärt Mast das Prinzip Drückjagd. „Wir müssen den Bestand reduzieren, wir sind von Amts wegen aufgefordert, Strecke zu machen“, vor allem die Wildsau-Population gilt es zu regulieren, wegen der Schweinepestgefahr – aber „auch Wild hat ein Recht zu leben, und Schwarzwild gehört dazu“.

Wildschweine hinterlassen Spuren

Bisweilen ist in der Ferne ein Schuss zu hören, irgendwo scheint jemand etwas erspäht zu haben; Masts Treibergruppe bekommt fürs Erste nur Farbenwucher, Lichterspiel und Waldweite zu Gesicht. Das Laub durchmisst alle Töne von Ocker bis Umbra, die Sonne, höher jetzt, sticht mit solcher Leuchtkraft in die Wipfel, dass die Konturen der Baumkronen sich auflösen in gleißender Weißglut, und gegen zehn beginnt der Laie sich zu fragen: Hier soll es Wildschweine geben?!

Doch, sagt Mast, hier: Er deutet auf den Boden, das Erdreich ist „frisch geschoben“, wo die Tiere nach Eicheln gesucht haben. Daneben: „Losung“, ein Kothaufen. 50 Meter weiter: eine „Suhle“. Und hinter der nächsten Böschung haben die Sauen „gebrochen“, den Boden umgegraben nach Engerlingen. Die Spuren sind allgegenwärtig.

Im Wohnzimmer des Schwarzwilds

Aber nur die Spuren. Nach anderthalb Stunden hat Masts Treibergruppe einen Fuchs gesehen (geräuschlos ist er vorübergehuscht, als schwebe er übers Knisterlaub), ein Reh (es war da und schon wieder weg, ein brauner Fleck vor braunem Blattwerk) und einen, zwei, drei Hochstände passiert. Jäger eins: Nein, einen Schuss habe er heute noch nicht abgegeben. Jäger zwei: nichts. Jäger drei: „Ein Rehbock kam vorher vorbei“, aber die sind heute ja tabu.

Weiter, hinein in Gestrüpp, Brombeer-Ranken greifen langfingrig dornenstarrend nach den Treibern: „Wir stehen jetzt im „Wohnzimmer des Schwarzwildes“, sagt Mast. Vielleicht sind wir schon an Sauen vorbeigekommen, ohne es zu merken – vor allem erfahrene Tiere verstehen sich unsichtbar zu machen. Vor Jahren bei solch einer Jagd stand Mast mal im Wald, Schote kläffte, als habe er strenge Witterung aufgenommen. Mast ließ den Blick schweifen, aber da war nichts, nirgends. Der Hund japste, geschüttelt von einer unerklärlichen Erregung. Herrchen ging beruhigend einen Schritt auf seinen nervösen Gefährten zu – und unter dem Jäger hob sich der Boden: Er war auf ein Wildschwein getreten, das sich in eine „Bodenmulde eingeschoben“ hatte.

Elf Uhr, der vierte Hochstand – ein Jäger ruft: „Drei Sauen liegen!“ Tatsächlich: Unweit findet sich ein Leichnam, das Tier schaut seltsam gelassen, wie verewigt in einem arglosen Moment der Ruhe. „Ein sauberer Blattschuss“, sagt Mast.

Frösche, Blumen, Bienen und Vatergefühle

Der Marsch führt an einem kleinen Teich vorbei: Um dieses Feuchtbiotop auszuheben, auf dass Regenwasser sich sammle, habe er „ein ganzes Wochenende gebaggert“, erzählt Jörg Mast. Als die ersten Frösche sich ansiedelten, „habe ich Vatergefühle gehabt“. Seine Frau ist Imkerin, die beiden haben vier Bienenvölker. Unweit der Forsthütte hat Mast eine Wildblumenwiese angesät. „Es ist schön, wenn’s dann wächst und die Bienen fliegen.“

Mit mehreren Jägern hast du gesprochen an diesem Freitagvormittag: Er selber esse wenig Fleisch, eigentlich nur Selbstgeschossenes, er halte nichts von Tiertransporten, Massenhaltung, Käfigqualen, hat einer erzählt. Und ein anderer: Auf Trophäenjagd nach Rumänien, ein Hirschgeweih erbeuten gegen Bezahlung? Das käme ihm nicht in den Sinn, er gehöre hierher, in diese Wälder; manchmal, wenn er rausgehe, gebe er keinen einzigen Schuss ab und komme dafür mit einem Korb Pilze heim.

Ja, Jäger töten Tiere – aber der Satz beschreibt ihr Tun nicht im Entferntesten erschöpfend und gerecht.


Die Strecke

Folgende Strecke haben alle Jäger zusammen bei der revierübergreifenden Drückjagd gelegt: 22 Wildschweine, 21 Rehe, sieben Füchse.

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